kalaydo.de, Immobilien, Stellen, Auto, Kleinanzeigen, Tiere, Reisen

Herta Müller

Der Fremde Blick...

...oder: Das Leben ist ein Furz in der Laterne. Von Herta Müller

Fremdes Auge?  (dpa)
Fremdes Auge? (dpa)

Und der nicht mehr zu Hause warden kriegt der Heimwehhund der hat ein weites Gras statt Haar und Nachtbusaugen im Geschau aus jedem Mund pfeift fremdes Brotder Frühapfel gefiedert grau der Kuckuck später backenro

Das allererste, was man diesem Text bescheinigt hat, war der Fremde Blick. Und die Begründung lautet: weil ich aus einem anderen Land nach Deutschland gekommen bin. Ein fremdes Auge kommt in ein fremdes Land - mit dieser Feststellung geben sich viele zufrieden, außer mir. Denn diese Tatsache ist nicht der Grund für den Fremden Blick. Ich habe ihn mitgebracht aus dem Land, wo ich herkomme und alles kannte. Warum ich ihn dort im Bekannten hatte, kann ich nur darstellen, indem ich als Beispiel ein überschaubares Stück alltäglicher Zeit von dort erzähle:

Die Vorgänger

Die Liste deutschsprachiger Autoren, die in der Vergangenheit den Literaturnobelpreis bekamen, ist lang.

Elfriede Jelinek (2004): Die Öster-reicherin povozierte immer wieder. So verbot sie etwa 1995 nach schlechten Reszensionen und Angriffen auf ihre Person die Aufführung ihrer Stücke in ihrem Heimatland. Ihren jüngsten Roman "Neid" veröffentlichte sie im Internet.

Günter Grass (1999) greift in seinem Romanen Wendepunkte der deutschen Geschichte auf. 1959 machte ihn "Die Blechtrommel" über Nacht berühmt.

Elias Canetti (1981) wurde in Bulgarien geboren, besuchte in Wien die Vorlesungen von Karl Kraus, floh vor den Nazis 1939 nach England, wurde britischer Staatsbürger und starb 1994 in Zürich. An seinem Hauptwerk "Masse und Macht" arbeitete er 20 Jahre.

Heinrich Böll (1972) prägte mit seinen Büchern und mit seinem Engagement die Entwicklung einer kritischen Öffentlichkeit in der BRD. Unvergessen ist etwa seine medienkritische Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum".

Nelly Sachs (1966) wuchs als Kind jüdischer Eltern in Berlin auf. Im letzten Moment floh sie im Mai 1940 nach Stockholm, wo sie in Armut lebte und den Schrecken des Holocaust in Gedichten zu fassen versuchte.

Hermann Hesse (1946): Als der Deutsche sich im ersten Weltkrieg öffentlich gegen den Nationalismus stellte, sah er sich massiven Anfeindungen ausgesetzt und zog in die Schweiz. Seine Romane "Der Steppenwolf", "Narziß und Goldmund" und "Demian" haben zahlreiche Teenager-Generationen literarisch erweckt.

Thomas Mann (1929) bekam den Preis für seinen Klassiker "Die Buddenbrooks". Er kritisierte früh die Nazis und floh Anfang der 30er Jahre in die USA.

Carl Spitteler (1919) arbeitete fünf Jahre lang an seinem Vers-Epos "Olympischer Frühling" und wurde mit dem Nobelpreis belohnt.

Gerhart Hauptmann (1912) gilt als einer der bedeutensten Naturalisten. In seinen Dramen wie "Die Weber" oder "Vor Sonnenaufgang" brach er mit alten Konventionen. Seine Figuren, bis dahin undenkbar, sprachen nicht im Versmaß.

Paul Heyse (1910): Sein Werk ist weitgehend vergessen. Doch seine Falkentheorie über Grundmotive der Novelle füllt bis heute manche Deutschstunde.

Rudolf Eucken (1908) schrieb weder Romane noch Gedichte, sondern philosophische Abhandlungen, etwa über "Geistige Strömungen der Gegenwart".

Theodor Mommsen (1902): Gleich der zweite Literaturnobelpreis ging nach Deutschland. Und zwar an einen Historiker: Der Berliner wurde für seine "Römische Geschichte" geehrt. (ak)

In dem Dorf, wo ich aufwuchs, bin ich als Kind jahrelang Fahrrad gefahren. Durch Tabakfelder, Obstgärten, ins Flusstal, zum Waldrand. Am liebsten ganz allein und ohne Ziel. Nur, um die Gegend anders zu sehen als zu Fuß, fließend unter den Rädern und in Augenhöhe wie Gürtel, die sich drehen und drehen. Mit fünfzehn zog ich in die Stadt. Und fünf Jahre später kannte ich die Stadt so gut, dass ich auch da die Wege fließen und die Umgebung wie Gürtel sehen wollte.

Nach langem Überlegen kaufte ich mir ein Fahrrad. Mein Wunsch wäre schnell gewesen, worüber ich nachdachte, war ein Satz, den mir bei einem der Verhöre der Geheimdienstler ohne jeden Zusammenhang gesagt hatte: "Es gibt auch Verkehrsunfälle." Ich hatte seit vier Tagen ein Fahrrad in der Stadt. Am fünften Tag fuhr mich ein Lastauto an und schleuderte mich durch die Luft. Ich hatte ein paar Schürfwunden an den Rippen, sonst nichts. Zwei Tage später war ich zum Verhör bestellt. Der Geheimdienstler sagte ohne jeden Zusammenhang: Ja, ja, es gibt wirklich Verkehrsunfälle. Ich schenkte das Fahrrad am nächsten Tag einer Freundin. Den Grund der Schenkung sagte ich ihr nicht, sondern nur: Ich will es nicht mehr haben.

Nobelpreis für Literatur - Die Preisträger seit 1999

Bildergalerie ( 11 Bilder )

Einen Tag später ging ich zum Haareschneiden. Kaum hatte ich mich vor den Spiegel gesetzt, fragte die Friseuse: Und, bist du mit dem Fahrrad gekommen? Ich hatte ihr nie gesagt, dass ich ein Fahrrad habe. Sollen wir die Haare nicht mal bleichen, fragte sie, ich habe aus Frankreich Blanche gekriegt. Warum nicht, ich willigte ein. Wenigstens blonde Haare, dachte ich mir, wenn ich schon kein Fahrrad haben darf. Sie rührte aus weißemStaub und Wasser die Paste, verteilte sie auf meinem Kopf. Das brannte wie Glut. Ich beschwerte mich. So muss es sein, sagte sie, davon werden die Haare bleich.

Am nächsten Tag war die ganze Kopfhaut eine Wunde. Sie bildete verblüffend schnell eine Kruste, zwei Wochen lang trug ich sie wie eine Nussschale, dann bröckelte sie beim Kämmen wie frische Brotrinde. Sie war schon am Abklingen, man sah sie nicht mehr unterm Haar, als das nächste Verhör stattfand, und der Geheimdienstler ohne jeden Zusammenhang sagte: Blondsein muss leiden, nicht wahr. Er sagte etwas, was er nicht wissen konnte, wie die Friseuse nach dem Fahrrad gefragt hatte.

Da ich beim nächsten Mal Haareschneiden von der Kruste erzählte, sagte die Friseuse ein kurzes "Entschuldigung", wie man "Guten Tag" sagt. Als ich nach Hause kam, lag in der Schale, die auf dem Kühlschrank stand, ein Zettel mit der Handschrift einer Freundin: "Ich wollte mir die Haare schneiden lassen, schade, dass du nicht zu Hause bist." Ich hatte ihr alle paar Wochen in der Fabrik das Haar geschnitten. Nun war ich aber längst entlassen. Und ich ging am nächsten Tag zu ihr und wollte wissen, wie sie in meine Wohnung gekommen war.

An die Türklinke im Treppenhaus habe sie den Zettel gesteckt, sagte sie. Dann plötzlich mitten im Satz hielt sie ihren Zeigefinger senkrecht auf den Mund, nahm das Telefon und stellte es in den Kühlschrank. Sie habe schon lange den Verdacht, dass die Abhörwanze im Telefon ist, sagte sie. Und während das Telefon in ihrem Kühlschrank stand, erzählte ich von meinem Kühlschrank, auf dem die Schale steht, in die ihr Zettel von der Türklinke gelangt war. Ich musste alles mehrmals sagen, sie unterbrach mich ständig mit: Bist du sicher. Und: Bist du verrückt. Und: Überleg noch mal. Bis ich sie brüskierte und wir beim Kaffeetrinken lang in den Tassen rührten. Der Dunst flog an ihrer Hand vorbei, und sie sagte: Siehst du, auch in meinem Kaffee sind sie. Die Welt baute sich Stück für Stück zusammen gegen den Verstand. Die Freundin war Juristin, geschult in logischen Begründungen. Aber jetzt suchte gerade sie natürliche Erklärungen für die Zettelwanderung: vielleicht Zugluft, vielleicht zwischen Tür- und Fensterritzen ein Wirbel. Sie glaubte sich selber nicht und mir nicht ganz. Sie wirkte infantil. Trotzdem hätte ich ihr gern geglaubt, statt einsehen zu müssen, dass der Geheimdienst in meiner Wohnung war.

Ich weiß alles noch so genau, weil damals zum ersten Mal passierte, was danach regelmäßig geschah. Oder besser gesagt, der Geheimdienst wollte damals zum ersten Mal, dass ich es merke.

So bleibt das Fahrrad nicht lange ein Fahrrad, das Haarebleichen kann kein Haarebleichen bleiben, die Türklinke keine Türklinke, der Kühlschrank kein Kühlschrank. Die Einheit der Dinge mit sich selbst hatte ein Verfallsdatum. Alles rundum schien sich nicht mehr sicher zu sein, ob es das oder dies oder etwas ganz anderes war. Über kurz oder lang gab es nur noch nichtige Dinge mit wichtigen Schatten. Keine Fantasie, nicht die Lust auf Surreales war es, sondern diese ungenierte Nacktheit oder Verpuppung, diese Indiskretion, mit der sich alles verbandelt hatte.

Ich war es schon gewohnt, nach jedem Nach-Hause-Kommen die Wohnung abzugehen und zu prüfen, was verändert war. Ich wollte mir die Wohnung durch diese Kontrollgänge vertraut halten, aber sie wurde mir umso fremder. Dass ein Zimmerstuhl in der Küche stand, war nicht zu übersehen. Aber bei kleinen Veränderungen, wenn ich sie entdeckte, wusste ich nicht, ob sie von heute waren oder ob ich sie gestern oder mehrere Tage lang nicht gesehen hatte.

So ging man, wenn ein Tag vorbei und nichts daran geklärt war, abends ins Bett. Beim nochmaligen luziden Auffädeln der Vorfälle lag einem der Schädel wuselnd um Haaresbreite neben dem Wahn. Dennoch musste man einschlafen statt nachdenken, den Kopf abstellen, denn wenn es hell wurde, war wieder ein Tag aus nichtigen Dingen mit wichtigen Schatten da.

Ob man sich ausruht, wenn man Folgendes träumt: Im Gesicht der Mutter ist die Wange vom Mundwinkel zum Auge hinauf ein Beet aus weißem Kies. Man geht auf den Kies, die Schuhe knirschen, ein Kiesstein hüpft in den rechten Schuh und reibt die Ferse wund. Die Mutter fasst mit dem Zeigefinger in den Schuh und nimmt den Stein heraus. Man kommt an ihren Augenrand, da steht ein Buchsbaumzaun, und davor sitzt ein Mann im weißen Kittel auf dem Stuhl und streichelt einen großen Hund und sagt: Das ist der Krebshund.

Bookmarks

FACEBOOK TWITTER DELICIOUS MYSPACE STUDIVZ GOOGLE YAHOO MSLIVE MISTERWONG DIGG WEBNEWS ONEVIEW
Autor: Herta Müller
Datum: 8 | 10 | 2009
Empfehlen: E-Mail
Leserbrief: Leserbrief
Artikel: Drucken
Weiterleiten:Soziale Netzwerke

Comics

Sondermann-Publikumspreis

Es kann nur einen geben! Wir präsentieren den Pubikums-Preis. Alle dürfen, sollen, müssen abstimmen

 Mehr...

Glosse

Die tägliche Glosse des Feuilletons der Frankfurter Rundschau.

Serie
Rote Robe, schweres Amt: Ein Richter beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe.

Ändert die Hirnforschung unser Bild von der Schuldfähigkeit des Menschen? In den Beiträgen geht es um die Determiniertheit menschlichen Handelns.

Frankfurter Buchmesse
Kleine Argentinische Bibliothek

Argentinien ist 2010 Gastland der Frankfurter Buchmesse. Wir stellen hier einige seiner literarischen Schätze vor.

Video

Meistgeklickt
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Meistgeklickte Fotostrecken
Serie

Ulrich Beck schreibt jeden Monat darüber, was ihm auffiel: in den Medien und in der Wirklichkeit, an Zahlen und Ideen.

ANZEIGE
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Studienkredit Zinsvergleich
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!