Die Ölmalerei ist eine so exklusiv europäische Erfindung wie die parlamentarische Demokratie. Ihre Geburtsstunde lässt sich nicht genau nennen, aber sie lag im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts. Der Geburtsort waren die Niederlande: Gent, Brüssel. Die entscheidenden Schritte wurden getan von den Malern Jan und Hubert van Eyck, vom Meister von Flémalle und von Rogier van Weyden.
Im Frankfurter Städel wird heute Abend von SKH Prinz Philipp von Belgien eine den beiden letzteren gewidmete Ausstellung eröffnet. Sie bietet einen Blick in die Wiege der spezifisch europäischen Kunst. Ein Fest für die Augen, ein Vergnügen für den Intellekt. Die Ölmalerei erlaubte Lasuren, also transparente Farbschichten, deren Überlagerungen eine bisher unbekannte Leuchtkraft ermöglichten. Außerdem konnte man nun die Spuren des Pinselauftrags völlig zum Verschwinden bringen. Das reine Bild war möglich geworden. Das feierten die Künstler.
Der Spaß an den Möglichkeiten der neuen Technik ist den Bildern heute noch anzusehen. Man betrachte nur den Goldbrokat der Maria Magdalena auf der hier abgebildeten Kreuzigungsszene. Auch wer nichts weiß über die Ökonomie der Zeit, wird angesichts der lustvoll ausgebreiteten Stoffpracht ahnen, welche Rolle die Tucher spielten. Er ahnt auch, dass die Damen und Herren, die diese Werke erwarben, nicht nur bestens Bescheid wussten über die Machart und haptischen Qualitäten der Stoffe, sondern vom Maler verlangten, dass er sie einem zum Greifen vor die Augen stellte.
Wer die Stifterfiguren auf den Seitenflügeln der Altäre betrachtet, dem fällt auf, dass sie das tun, was der Museumsbesucher tut: Sie sehen sich die Szene der mittleren Tafel an. Der Betrachter ist im Bild, wir - so geht der Schluss weiter - sind es auch. Die Welt ist insgesamt nichts als ein Bild. Dessen Schöpfer ist Gott.
Diese Bilder aber stammen vom Meister von Flémalle oder von Rogier van der Weyden oder aus den Werkstätten der beiden. Hier muss schnell eingefügt werden: Es gibt keinen Meister von Flémalle. Er ist eine Erfindung der Stilkritik des Ausgangs des 19. Jahrhunderts. Damals wurden eine Reihe von Bildern einem einzigen Maler zugeschrieben, den man den Meister von Flémalle nannte. Heute glaubt niemand mehr, dass all die Bilder, die damals diesem Phantasma zugeschrieben wurden, von einem Maler stammen. Der Meister von Flémalle ist längst wieder in die Bestandteile zerfallen, aus denen er konstruiert wurde.
Die Ausstellung wird nach Frankfurt noch in Berlin gezeigt werden. Insgesamt wird man auf diese Weise in Deutschland zwei Drittel des Gesamtwerkes beider - wenn man so sagen darf - Künstler zu sehen bekommen. In Frankfurt liegt der Schwerpunkt mehr beim Meister von Flémalle, in Berlin bei Rogier von der Weyden. Man hat noch nie so gut die Werke dieses Auftaktes der europäischen Kunst miteinander vergleichen können wie jetzt. Die Ausstellungsmacher - sie gehören zu den besten Kennern der Materie weltweit - erwarten sich bedeutende neue Aufschlüsse.
Ganz unabhängig aber von der immensen Bedeutung der Ausstellung für den Kunsthistoriker und den kunsthistorisch interessierten Laien, ist "Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden" für jeden, der Augen hat und sich freuen kann an dem, was er sieht, ein Fest. Man muss sich freilich ein wenig entschleunigen. Wer durch die Ausstellung rennt, der sieht viele, viele, vielleicht gar zu viele Marien und ein paar Porträts. Es entsteht der sicherlich verfehlte Eindruck einer das ganze Leben gewissermaßen totalitär beherrschenden Frömmigkeit. Der holländische Historiker Johan Huizinga schrieb 1919 - auch eine der Geburtsstunden Europas - in "Herbst des Mittelalters": "Von der bildenden Kunst besitzen wir nur ein spezielles Fragment. Denn außerhalb der kirchlichen Kunst sind es ja nur sehr spärliche Überreste. Die ganze weltliche bildende Kunst, alle angewandte Kunst fehlt fast völlig; gerade die Formen, in denen sich der Zusammenhang von Kunstschaffen und Gemeinschaftsleben immer wieder offenbarte, sind uns nur mangelhaft bekannt. Unser kleiner Schatz von Altarstücken und Grabmälern lehrt uns über diesen Zusammenhang lange nicht genug: das Bild der Kunst bleibt, gleichsam isoliert, außerhalb unserer Kenntnis des farbigen Lebens der Zeit."
Gleichwohl ist es auf den Bildern zu erkennen. Seine Wucht wird freilich von der frommen Botschaft der Gemälde abgefangen. Wir brauchen ein wenig Zeit, um sie zu spüren. Man gehe zu den Verkündigungen und sehe einmal nicht auf die fromm gesenkten Lider der Gottesmutter, sondern betrachte die Räume, in denen der Engel sie besucht. Es sind nicht nur Kirchenräume, sondern Bürgerzimmer. Die Heilige Geschichte wird in die Gegenwart von 1440 gesetzt, brutaler als das geschmähte Regietheater unserer Tage es mit Klassikern tut. Maria ist eine Dame von Stand, die im Luxus lebt mit Möbeln, Kissen und Decken, nicht bei Kuh und Esel. Hier meldet das reiche Bürgertum, das Großkapital jener Tage, seinen Anspruch auf die Nachfolge Christi an. Die Maler und ihre neue augentäuschende Kunst verschaffen dem Plausibilität. Die Usurpation wird ästhetisch gerechtfertigt.
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