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21. Januar 2009

Der Prophet des Apfels: Ist Apple eine Religion?

 Von PETER MICHALZIK
Wirklich nur ein Firmenchef? Steve Jobs. Foto: ap

Nach Steve Jobs' Ausscheiden hängt das Schicksal von Apple wesentlich von einer Frage ab: Handelt es sich bei Apple um eine normale Firma oder um eine religiöse Gemeinschaft? Überlegungen eines bekennenden Users. Von Peter Michalzik

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Seit Steve Jobs letzte Woche bekanntgegeben hat, dass er wegen einer "komplexen Krankheit" eine Auszeit nimmt, wird wieder spekuliert: Überall denkt man im weltweiten Netz über seine Erkrankung, einen möglichen Nachfolger und das Schicksal von Apple nach.

Über den Nachfolger wissen wir nichts, Tim Cook hat die Rolle kommissarisch übernommen. Über die Krankheit wissen wir, dass Jobs sich als Spätfolge einer Krebserkrankung wahrscheinlich einer Lebertransplantation unterziehen muss. Das künftige Schicksal von Apple aber hängt wesentlich von einer Frage ab, die jetzt endlich beantwortet werden muss: Handelt es sich bei Apple um eine normale Firma oder um eine religiöse Gemeinschaft?

Oft und gern spricht man von Kult, Apple-Jüngern oder der Apple-Gemeinde. Man sagt das so dahin und nimmt es nicht allzu ernst. Das aber ist nicht das, was hier gemeint ist. Wir wollen es wirklich wissen: Ist Apple eine moderne Religion?

Nun sind börsennotierte Unternehmen, auch in Kalifornien, gemeinhin keine Religionsgemeinschaften. Man versammelt sich Tag für Tag im Zeichen des Profits, und wenn man einem Gott huldigt, dann dem Mammon. Das ist bei Apple nicht anders, und das ist sicher nicht religiös.

Dass Jobs für Apple einen gottgleichen Stellenwert hat, darüber gibt es aber auch wenig Zweifel. Wenn er bei einer Veranstaltung, die in anderen Unternehmen eine einfache Produktpräsentation ist, ein iPhone aus der Tasche zieht, liegt ihm die Halle zu Füßen. Das ist oft erzählt worden. Man kann das als Zeichen für seinen Status als Superstar des Computer-Business nehmen, man kann sagen, dass er ein Charismatiker ist, man kann das, wenn man will, als messiasähnliche Rolle interpretieren, der iCEO (Chief Executive Officer) sozusagen.

Was Jobs in die Höhe hält

Sicher wird auch die Menge, nicht nur die in der Halle, sondern auch die weltweit vernetzten Apple-Aficionados, zu einer Gemeinde, wenn Jobs eine der smarten Neuentwicklungen seiner Company in die Höhe hält. Eine Art Messias und etwas Gemeindeähnliches gibt es also. Aber reicht das, um von einer Religion zu sprechen? Man könnte auch sagen, dass Jobs die Mechanismen der Massenpsychologie besonders erfolgreich für seine Marketingstrategie anwendet. Und messiasähnliche Figuren und gläubige, hörige Gemeinden sind zwischen Pop und Sport ja auch nichts besonderes.

Trotzdem hält sich die Frage nach dem religiösen Status von Apple seit Jahren hartnäckig. Fragen wir uns also, was zu einer richtigen Religion gehört. Sicher gehören ein Messias und ein Religionsstifter dazu. Manchmal sind sie identisch. Sicher gehören Gemeinde oder Jüngerschar dazu. Eine Geschichte, die man sich gegenseitig erzählen kann, eine Heilige Schrift also, ist ebenfalls unabdingbar. In entwickelten Religionen gibt es immer einen inneren und einen äußeren Kreis, die wirklich Eingeweihten und das Volk. Ganz wichtig ist das Heilsversprechen. Und natürlich verweist eine Religion auf etwas Transzendentes, den Himmel, ein Jenseits, die Wiedergeburt oder ähnliches.

Was trifft davon auf Apple zu? Betritt man einen Apple-Store, von denen es den ersten deutschen seit kurzem in München gibt, sieht man junge Menschen in roten T-Shirts und mit glücklichem Strahlen, die sich wirklich darüber freuen, wenn man sich für die Produkte interessiert, an die sie selbst glauben. Es ist wie bei einer Sekte, man spürt eine Verbindung der gemeinsamen Zuversicht, ein Einverständnis darüber, dem richtigen Teil der Menschheit anzugehören. Wer in einem Apple-Store war und dafür nicht unempfänglich ist, hat das Gefühl kennengelernt, zu den Auserwählten zu gehören. Das Gemeindegefühl ist also hoch entwickelt.

Es gibt auch die verbindende Geschichte. Das ist die vom Aufstieg des Steve Jobs, die etwas von einer Heiligenlegende hat, angefangen bei barfüßigen Unibesuchen in den Siebzigern. Es ist die Geschichte von einem, der gegen alle Widerstände an seinem Glauben festgehalten hat, es ist eine Geschichte von der Kraft der Vision. Wie bei allen Heiligenlegenden ist dabei nicht wichtig, wie es wirklich gewesen ist.

Innerer und äußerer Kreis

Es gibt auch so etwas wie den inneren Kreis. Das sind die User der ersten Stunde, auf jeden Fall die, die schon vor dem iPod an Apple geglaubt haben, die noch den Kampf gegen den großen, übermächtigen Feind Microsoft gefochten und durchgestanden haben. Sie sehen in der Apple-Massenbewegung seit dem iPod eine Profanierung und Verwässerung, die iPod-Benutzer sind der äußere Kreis.

Jobs selbst trägt viel eher die Züge eines Religionsstifters als eines Messias, er ist Mohammed, nicht Allah. Sein Ausscheiden, wie lang auch immer, zeigt an, dass Apple sich in der Phase befindet, in der der Stifter historisch zu werden beginnt, wo sich die Jünger um die wahre Tradition, sprich Geschäftspolitik streiten werden. Da werden sich, wie in der Frühzeit der Religionen auch (am besten belegt für den jungen Islam) Machtstreben und Überzeugung mischen.

Das Wichtigste, was Apple hat, aber ist das Heilsversprechen. Es heißt hier nicht so, ist aber nichts anderes, und lautet: Du hast vollständigen Zugang zur unübersehbaren, hyperkomplexen Welt aller Medien, ohne dass dir die Technik Widerstand entgegensetzt. Apple-User führen ein glückliches, weil sozusagen technikfreies Leben, sie kennen keine Hotline-Nöte, keine Bedienungsprobleme, keine Gerätekomplikationen. Im iPhone und dem iPod Touch ist dieses paradoxe Versprechen sozusagen Fleisch geworden. Ein Gerät, das mich von alleine versteht.

Das einzige, was Apple zur echten Religion fehlt, denkt man, ist die Transzendenz. Apple hat weder die Aura des Heiligen, noch gibt es einen Himmel, in den man kommen kann oder ein Versprechen auf eine andere Welt. Vielleicht ist es aber auch nur der Tod, den es hier nicht gibt, und vor dem der Glaube rettet. So kann man Apple als Religion des Diesseits verstehen, deren transzendenter Raum der Datenraum ist.

Was sollte eine moderne Religion sein, wenn nicht der Glaube an Apple? Vielleicht aber ist Apple auch nur die luxuriöse Sekte eines größeren Glaubens, der sich in der Finanzkrise gerade auflöst: Der Glaube an die technische Neuerfindung der Welt.

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