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23. August 2008

Der Prophet und seine Lieblingsfrau: Am Boden zerstört

 Von SHERRY JONES
Selbstverständlich verschleiert: Aischa auf dem Kamel.  Foto: dpa

Warum "The Juwel of Medina" nicht erscheinen darf - Geschichte einer Beunruhigung.

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Zur Person

Die amerikanische Journalistin Sherry Jones arbeitet für verschiedene Medien, unter anderem als Korrespondentin für das "Bureau of National Affairs" in Washington sowie für die "Women's eNews" in New York. "The Jewel of Medina" ist ihr erster Roman. Er handelt von dem Propheten Mohammed und seiner Lieblingsfrau, der minderjährigen Aischa. Erzählt wird eine Art Liebesgeschichte in Zeiten des Bürgerkriegs. Dabei geht es vor allem um die religiöse und politische Erweckung Aischas, die 678 in Medina gestorben ist und als eine wichtige Quelle in der "Hadith" gilt, einer Sammlung der überlieferten Gedanken und Handlungen des Propheten. Der Roman sollte beim renommierten New Yorker Großverlag Random House veröffentlicht werden, einer Tochter des deutschen Medienkonzerns Bertelsmann. Doch aus Angst vor islamistischer Gewalt wurde das Buch kurz vor dem geplanten Erscheinen zurückgezogen. Die Begründung: Jones habe die heiligen Geschichte in einen "Softporno" verwandelt.

Als ich damit begann, ein Buch über Aischa bint Abi Bakr, die Lieblingsfrau des Propheten Mohammed, zu schreiben, habe ich keinen Augenblick daran gezweifelt, dass es auch veröffentlicht wird. Schließlich erfüllte mein Projekt alle Voraussetzungen, um ein guter, zumal spannender historischen Roman zu werden: Es gab eine bemerkenswerte, wenn auch im Westen noch weitgehend unbekannte Heldin, und es gab einen dafür umso berühmteren, wenn auch bei uns in Vielem missverstandenen Helden. Außerdem würde die Geschichte in einem zwar fremden, aber exotischen und die Neugier weckenden Milieu spielen; eine Geschichte, die von einer großen Liebe, von Krieg, von spiritueller Erweckung und Erlösung handelt.

Fünf Jahre und sieben Entwürfe später hatte ich tatsächlich einen Verlag für "The Jewel of Medina" (Das Juwel von Medina) gefunden. Es war nicht irgend ein Verlag, sondern eines der größten und renommiertesten Verlagshäuser der Welt: Random House. Ich war begeistert und aufgeregt, nicht nur weil mir Random einen Vertrag über insgesamt zwei Bücher angeboten hatte - es war noch eine Fortsetzung geplant, die sich mit Aischas Leben nach dem Tod Mohammeds eingehender beschäftigen sollte -, sondern auch wegen des großen, beinahe herzlichen Engagements, mit dem jeder in diesem Verlag mich und meinen Roman unterstützte. Wie gesagt, ich war aufgeregt, aber nicht wirklich überrascht. Ich war mir meiner Sache vollkommen sicher. Klar war das Buch ein unterstützenswertes Projekt.

Bald schon lief der Verkauf der ausländischen Rechte an. Der Roman sollte auch in Spanien, Italien, Ungarn und einigen anderen Ländern veröffentlicht werden. Damit hatte ich, um ehrlich zu sein, gerechnet, schließlich handelte meine Geschichte von Mohammed, dem Religionsstifter des Islam, und bot darüberhinaus einen ungewöhnlichen Zugang zu diesem Thema - eine Liebesgeschichte ist eben kein theologischer oder politischer Traktat. Mein Agent war überaus erfreut, er hatte auch schon eine Lesereise durch acht große amerikanische Städte organisiert. Die Bücherclubs meldeten sich: "Book of the Year" wollte meinen Roman für den August in sein Programm aufnehmen, sechs Monate später folgte "Quality Paper Book". Es sah so aus, als ob "The Jewel of Medina" ein Bestseller werden könnte.

Doch dann meldete sich Denise Spellberg, eine Professorin für Islamische Geschichte, die eigentlich um ein freundliches Begleitwort gebeten worden war, bei Random House: Sie warnte den Verlag, dass es zu terroristischen Anschlägen durch wütende Muslime kommen könnte, wenn mein Buch veröffentlicht werden würde. Die Professorin aus Texas sprach sogar von einer Bedrohung für die nationale Sicherheit, die "um einiges gefährlich ist als dies bei Salman Rushdies ,Satanischen Versen' oder den dänischen Mohammad-Karikaturen der Fall war".

Jetzt war ich zum ersten Mal überrascht. Es folgte ein Brief von Spellbergs Rechtsanwalt, gewissermaßen der zweite Schlag gegen mich, in dem Random House eine Klage angedroht wurde, wenn ihr Name in welchem Zusammenhang auch immer mit meinem Buch erwähnt würde; ich nehme an, Spellbergs eigene Veröffentlichung zu Aischa sollte nicht einmal in meinem Literaturverzeichnis auftauchen dürfen. Die Begründung, die sie für ihr Vorgehen gab, ließ mich taumeln: Sie warf mir tatsächlich vor, dass "The Jewel of Medina" ein Buch mit eindeutig "sexuellem Inhalt" sei - was ich hier ebenso eindeutig bestreiten möchte.

Einige Wochen später reagierte dann Random House. Die stellvertretende Herausgeberin Elizabeth McGuire hatte in der Zwischenzeit einige "Islamexperten" zu Rate gezogen sowie auch den Sicherheitsbeauftragten des Verlages. Man war zu dem Schluss gekommen, die Veröffentlichung meines Romans "auf unbestimmte Zeit" zu verschieben. Und zwar nicht, wohlgemerkt, weil man terroristische Anschläge befürchte, sondern weil ein Klima der Bedrohung durch solche Anschläge zu befürchten sei. Mit anderen Worten: Man hatte Angst.

Ich war am Boden zerstört. Schließlich waren es nur noch drei Monate bis zur geplanten Veröffentlichung am 12. August. Ich ärgerte mich aber auch, weil mir die sehr viel weiter reichenden Konsequenzen dieser Entscheidung klar wurden, immerhin sollte ein Roman, also ein künstlerisches Werk nicht erscheinen dürfen, und es wurde darüber mit ganz und gar kunstfernen Gründen geurteilt, noch bevor es das Licht der Öffentlichkeit erblicken konnte. Will Random House in Zukunft keine Bücher mehr über den Islam veröffentlichen? Und was wird der nächste verbotene Text sein? Was das nächste Bild? Das nächste Musik-, Tanz- oder Theaterstück? Sind wir alle schon so eingeschüchtert?

Ich arbeite seit 28 Jahren als Journalistin, deswegen halte ich sehr viel von der Meinungsfreiheit. Unsere Verfassung sieht in ihr eines der höchsten Güter, und das ist einer der besten Gründe, in den Vereinigten Staaten zu leben. Verlage können als Privatunternehmen selbstverständlich entscheiden wie sie wollen. Aber mein Fall liegt, wie ich versucht habe darzulegen, anders. Schließlich hatte man sich schon für meinen Roman entschieden. Die Frage lautet also: Darf eine Professorin einfach tun, was sie will? Denise Spellberg hat Random House regelrecht bedrängt, von einer Veröffentlichung abzusehen. Von ihren seinerzeit geäußerten Vorbehalten will sie heute allerdings nichts mehr wissen. Gegenüber Journalisten äußerte sie unlängst, mein Buch habe ihr einfach nicht gefallen. Soll ich das so verstehen, dass man sich an öffentlichen Einrichtungen wie einer Universität nicht mehr für die Freiheit der Rede einsetzen mag?

Ich bin nicht naiv. Selbstverständlich war davon auszugehen, dass "The Jewel of Medina" für einiges Aufsehen sorgt. Der Roman handelt von einer selbstbewussten, zunehmend selbstbestimmten Frau - das hat Fundamentalisten, gleich welchen Glaubens, noch nie gefallen. Außerdem war absehbar, dass eine fiktionale, also nicht religiös beglaubigte Geschichte über den Propheten Mohammed Anstoß erregen muss, zumal, wenn sie von einer nicht-muslimischen Amerikanerin erzählt wird. Ich habe mich bemüht, der Figur Mohammeds allen Respekt entgegenzubringen. Ob mir das gelungen ist oder nicht: Ich habe zu keinem Zeitpunkt damit gerechnet, deswegen ermordet zu werden, auch jetzt nicht.

"The Jewel of Medina" spielt in der Zeit des ersten islamischen Bürgerkriegs. Aischa und ihr Widersacher Ali, ein Cousin und Schwiegersohn Mohammeds, sind die entscheidenden Protagonisten der Handlung. Dass wir aus diesem Krieg etwas für die Gegenwart lernen können, scheinen immerhin viele Muslime verstanden zu haben. In der letzten Zeit gab es zahlreiche Interviewanfragen von islamischen Medien. Ich wurde sogar zu einem 90-minütigen Chat bei IslamOnline.org eingeladen, einer Website, die pro Woche von 13 Millionen Muslimen besucht wird. Diese Art von Dialog ist längst überfällig. Wir sollten aufhören, über ein Buch zu reden, das bisher kaum jemand gelesen hat.

Mittlerweile habe ich mir Aischa zum Vorbild genommen, die Verfechterin eines moderaten Islam, einer Religion des Friedens und der Gleichheit aller Menschen. Aischa zum Vorbild zu nehmen, heißt, gegen eine Kultur der Angst und Einschüchterung aufzubegehren. Diese Gift zerstört unsere freie Gesellschaft. Das können wir im Westen von ihr, ausgerechnet von einer Muslimin, könnte man sagen, wieder lernen.

Übersetzung: Christian Schlüter

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