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Interview: Der Todestag

Ein Interview, das Christoph Schlingensief der Frankfurter Rundschau im Jahr 2004 eine Woche vor der „Parsifal“-Premiere gab.

Christoph Schlingensief 2006 bei den Proben zur Wiederaufnahme des «Parsifal» in Bayreuth.
Christoph Schlingensief 2006 bei den Proben zur Wiederaufnahme des «Parsifal» in Bayreuth.
Foto: dpa

2004, eine Woche vor der Premiere des „Parsifal“ in Bayreuth, gab Christoph Schlingensief der Frankfurter Rundschau ein Interview, in dem er von seinen Ängsten und seiner Todesfurcht erzählte. Zuvor hatte Schlingensief in Zürich „Attabambi-Pornoland“ herausgebracht. Darüber begann er zu erzählen:

Zürich war der völlige Aufriss. Meine private Beziehung zerstört, in einen Arbeitsrausch geraten, die Bilder wurden gewaltiger, das Filmedrehen wichtiger. Dann setzte Erschöpfung ein, mit einer Sucht, die Bilder weiterzutreiben. Das Zürcher Haus war nicht mehr der Schutzraum, der es mal war. Und dann auf der Bühne voll durchdrehen. So lange war ich noch nie nackt und voll Schokopudding. Und die extreme Auseinandersetzung mit der Polizei, die aus dem Ruder gelaufen ist. Es war eine existentielle Zeit. In „Bambiland“ in Wien habe ich noch gesagt „Weitermachen“ , in Zürich sagte ich „ Weitersterben“ . Das war nur noch eine Wunde und ich musste mich zurückziehen...

Und wie ging es nach der Verwundung weiter?

Plötzlich habe ich gedacht, ach du Scheiße, das „Parsifal“-Bühnenbild ist eine Katastrophe! Ich verleugne eigentlich alles, tue groß und so, als wüsste ich, wie Oper geht. Ich verleugne mich, jetzt machen wir große Oper. Da war ich im Stück bei Klingsor angelangt: Selbstkastration. Dann kam aber die Kundry als Identifikationsfigur auf mich zu: Man wills ja gut machen. Das ist Kundry. Gestern habe ich mit der Mutter von Jonathan Meese telefoniert, die sagte, ja, der Johnny und du, ihr werdet immer mit der Provokation gleichgesetzt, dabei ist es doch ein Polarisieren. Der Johnny, sagte sie, der ist eigentlich total lieb, der meint das gar nicht böse.

Sind Sie denn lieb?

Ja. Und mir kommt die Kundry auch so vor. Eigentlich total angekotzt von all den Exkursen, die man so machen muss. Im Notfall wird man als Geheimwaffe bestellt. Kundry muss ran, wenn die anderen Mädchen nicht mehr können. Das ist langweilig und erniedrigend. Sie wird in jedem Akt zwei oder drei verschiedene Gesichter haben. Weil sie, wie ich das sehe, eine ziemlich lange Zeit lebt, und immer wieder mit Leuten lebt, die von ihr Bestimmtes verlangen, sie wartet eigentlich auf eine Erlösung, fast einen Kopfschuss.

Ich habe nach einer anderen Bilderwelt gesucht, nach einer, die die Musik akzeptiert, weil das hier sein muss, nach etwas, wo die Sänger singen können, ohne dass sie sich verrenken. Ich habe nach dem Dionysischen und Apollinischen gesucht, oder wie es bei Beuys heißt: Entäußerung und Rückbesinnung. Den Moment, wo der Mensch auf etwas blickt, das er nicht ganz verstehen kann, es scheint ihn aber zu betanken, nicht weil er etwas erkennt, und damit der Punkt oder die Erlösung oder der Gral gefunden wäre, sondern weil er in etwas hineinblickt, das mit Kraft umgehen kann. Ich weiß, es ist etwas läppisch, etwas pathetisch. Aber es stimmt. Jetzt ist es, als würden sich Außerirdische den Stoff aneignen. Und ich schaue zu, sehe meine letzten Bilder. Das ist es auch, was ich mit dem Nahtod-Erlebnis meine, wo sich das Gehirn entleert, wo ein Film rast, unkorrigierbar, in der Reihenfolge der Kraftfelder. Diese ganzen Ahnungen, der Druck, dass man weiß, es geht etwas zu Ende. Und es geht ja auch wirklich etwas zu Ende, ein zwölfmonatiger Vorlauf, eine unmögliche Situation, eine neue Erfahrung, mit einer Intensität, die ich wahrscheinlich nicht fassen kann.

Was hat das mit „Parsifal“ zu tun?

Wenn ich höre, dass der „ Parsifal“ Richard Wagners Weltabschiedsstück ist, berührt mich das sehr. Ich habe mir tief drin wirklich vorgestellt, das ist auch mein Abschiedsstück.

Wovon?

Vom Leben. Wirklich. Das hört sich jetzt vielleicht blöd an... Ich habe das Gefühl, als wäre alles auf den „Parsifal“ hinausgelaufen. Ich habe oft gedacht, wahrscheinlich bekomme ich nach dem „ Parsifal“ Krebs oder einen Gehirnschlag oder es passiert ein Autounfall. Also mach das Ding so, dass es noch mal eine Landschaft deiner Bilder ist. Da ist ungeheuer viel aus meinen anderen Arbeiten drin, der Endpunkt einer kontinuierlichen Entwicklung. Aber nicht alles. Die „Church of fear“ zum Beispiel haben sie mir übermalt, das darf hier nicht sein.

Die Kontinuität liegt auf der Bildebene?

Ja. Ich gehe nicht richtig in die Geschichte rein, es wird zwar auch ein Märchen, glaube ich, aber wer die Geschichte nicht kennt, wird rätselnd davor sitzen. Es sind Bildwelten wie bei Stan Brakhage, Matthew Barney, Jonathan Meese oder eben Schlingensief. Es ist ein Hämmern und Sägen im Kopf – die ganze Nacht, die ganze Nacht, aus meinem Bottrop-Film. Solch ein Gebilde. Das war ganz oft in meinem Kopf, dafür habe ich gekämpft: Ich will das jetzt noch in dieses Haus reinbringen, was dieses Flirren und Flackern im Kopf ist. Und mittlerweile habe ich auch das Gefühl, viele Bilder gefunden zu haben, wo die Menschen wie in Kraftfeldern umherirren, wie von Geisterhand geführt. Aber im Kern bin ich der Meinung, dass ich am Tag der Premiere meinen Todestag feiern werde, weil keinen diese Bilder interessieren, sondern nur, ob ich „Heil Wagner“ rufe oder irgend so was.

FR vom 17. Juli 2004.

Datum:  22 | 8 | 2010
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