Herr Görl, Sie feiern die 30-jährige Existenz Ihrer Gruppe Deutsch-Amerikanische Freundschaft. Erklären Sie doch bitte einem jungen Menschen, warum er sich heute wieder DAF anhören soll. Was war so einzigartig an DAF?
Wir haben mit DAF immer versucht, die Strukturen von Musik, ihren zeitlichen Ablauf zu verändern. Wir gehörten zu den ersten, die in den frühen achtziger Jahren dafür gekämpft haben, sich nicht mehr sklavisch Songstrukturen zu unterwerfen. Intro, Strophe, Refrain, das war bis dahin ein Muss in der Rock- und Popmusik. Wir haben diese Konventionen gesprengt. Wir waren nicht die Erfinder der freien Komposition, da gab es vor uns elektronische und moderne Musik. Aber DAF waren die ersten, die versucht haben, die freie Komposition in den Popsektor zu bringen.
Robert Görl, 53, wuchs in einem Münchner Waisenhaus auf und gründete 1978 zusammen mit Gabi Delgado-Lopez in Düsseldorf die Deutsch-Amerikanische Freundschaft.
Beeinflusst von Punk, aber auf elektronischer Grundlage entwickelten die beiden einen radikalen wie wegweisenden Entwurf, der Techno musikalisch und körperpolitisch vorwegnahm. Gabi Delgado-Lopez, Jahrgang 1958, gab den Sänger und Eintänzer, Görl die stoische Rhythmusmaschine im Hintergrund.
Mit militärischem Schick, geschickt provokativem Spiel mit Symbolik und bewusst missverständlichen Songs stellten sich DAF gegen die zu dieser Zeit verfügbaren Jugendkulturen, erreichten aber Mainstreamerfolg - in Deutschland und auch in England.
Seit der ersten Auflösung 1982 versucht sich Görl als musikalischer und privater Partner von Annie Lennox und später mit Erfolg auch als Techno-Produzent, kehrt aber mit Delgado immer wieder zu DAF zurück.
DAF auf Tour: 7.Januar Berlin, 8. Januar Hannover, 9. Januar Krefeld, 10. Januar Augsburg, 27. Februar Hamburg, 28. Februar Leipzig.
Eine Freiheit, die Techno später aufgenommen hat.
Ja, Techno funktioniert genau wie eine DAF-Nummer. Die fängt an und kann wohin auch immer gehen, kann drei Minuten dauern oder zehn oder niemals aufhören.
Haben Sie das Gefühl, Ihre Pionierarbeit wird - im Gegensatz etwa zu der der Band Kraftwerk - nicht angemessen gewürdigt?
Es kann sein, dass es mehr Ahnengalerien gibt, in denen Kraftwerk einen höheren Stellenwert haben als DAF. Aber in einigen Ahnengalerien haben wir schon den Platz, der uns zusteht. Kraftwerk, das waren Söhne reicher Eltern, deren Synthesizer Hunderttausende von Mark gekostet haben. Das war elitär. Wir hatten überhaupt kein Geld, aber dann hat uns die technologische Entwicklung geholfen: Parallel zur DAF-Gründung 1978 kamen die ersten billigen japanischen Synthies von Korg für 1000 Mark auf den Markt, und damit konnten wir unsere Visionen umsetzen. Kraftwerk klangen viel zu schön, das war uns zu steril. Bei uns mussten die Maschinen schwitzen. Deshalb haben wir die elektronischen Klänge gemischt mit dem Schlagzeug, das ich spiele.
Der Körper wurde zum Rhythmusinstrument degradiert?
Einerseits. Andererseits aber haben wir den Körper dadurch auch verherrlicht. Wir wollten seine Kraft zeigen, seine Muskeln, das aber dann koppeln mit puristischer, mechanischer Musik. Der Körper und die Maschinen sollten verschmelzen und zusammen schwitzen. Wir waren eine Zukunftsvision, wir waren Cyborgs.
Einige fanden das faschistisch.
Ja, wir haben provoziert. Wir haben mit Symbolen gespielt, auch mit faschistischen. Wir wollten Tabus brechen, das war die Absicht von DAF.
DAF wurde vorgeworfen, politisch verantwortungslos umzugehen mit gewissen Symbolen.
Wir waren doch gar nicht politisch. Ein Lied wie "Der Mussolini" hat keine konkrete Aussage, es benutzt nur politische Schlagworte. Wir nehmen auf, was im Umlauf ist. Wir haben allerdings auch angegriffen, wir haben gesagt, dass wir die RAF in unserer Jugend bewundert hätten. Zu sagen, das waren tolle Menschen in der RAF, die hatten ihre Gründe für das, was sie getan haben, das ist heute noch ein Tabu.
Das klassische DAF-Konglomerat allerdings, schwule und faschistische Ästhetik mit Punk zu vermengen, das provoziert heute nicht mehr.
Das stimmt. Das ist heute fast schon Mainstream. Wir konnten Leute noch schockieren mit einem Lied, das "Verehrt Euren Haarschnitt" hieß. Heute ist das Schwule sogar in der Politik angekommen.
Warum haben Sie schockieren wollen?
Wir haben uns als Aufklärer gesehen. Im Nachhinein betrachtet sehe ich das so, dass ich schon damals den Buddha-Weg gegangen bin, denn der Buddha-Weg ist ein aufklärerischer Weg. Der Buddhismus sprengt eigentlich genauso gesellschaftliche Tabus, wie es DAF gemacht hat. Auch im Buddhismus geht es darum, uns von Fesseln der eigenen Kultur zu befreien.
Sie sind Buddhist seit einem schweren Autounfall 1989.
Ich war lange im Krankenhaus, mehrere Monate. Ich war fast tot. Die Polizei hat mir gesagt, es war ein Wunder, dass ich den Unfall überlebt habe. In der Kurve war Glatteis, und wenn man mit überhöhter Geschwindigkeit, mit mehr als 100 Stundenkilometern kerzengerade auf einen Baum drauffährt, dann holen sie die Leute normalerweise tot aus dem Auto raus.
Ihre Erleuchtung kam durch die Nahtoderfahrung?
Das ist ein bisschen schräg. Ich hab es geschafft, aus dem Auto rauszurobben, saß dann halbtot auf dieser vereisten Straße, und plötzlich hat sich mein Schädel geöffnet. Ich hatte das Gefühl, ich spüre die ganze Welt, das ganze Universum. Ich habe wirklich ganze Galaxien gesehen, völlig abgefahren. Im Krankenhaus dann, nach den Notoperationen, haben die mich gefragt, ob ich fernsehen will. Und als die Krankenschwester den Fernseher über mir anschaltet, erscheint da ein buddhistischer Mönch. Genau in dem Moment läuft eine Sendung über Buddhismus im deutschen Fernsehen. Das kann natürlich Zufall sein, aber ich bin nach Asien gegangen und wollte wissen, was es damit auf sich hatte. Fast drei Jahre war ich in Klöstern unterwegs, in Thailand, Indien und hauptsächlich in Nepal.
Wollten Sie dann selbst Mönch werden?
Wollte ich eine Zeit lang, ja. Aber dann habe ich festgestellt, dass der Buddhismus mittlerweile auch zur Kirche geworden ist. Und das ist für mich Anti-Buddhismus. Der Buddhismus, den ich lebe, der ist eine ursprüngliche Form. Eine zentrale Aussage des historischen Buddha ist: keine Rituale. Die meisten Mönche leben in diesen Ritualen, sie folgen ihnen sklavisch. Aber ein wirklicher Buddha hat nichts mit Ritualen zu tun, ein wirklicher Buddha sprengt Traditionen.
Es ist allerdings schon gute Tradition, dass Sie immer wieder zusammen mit Ihrem Partner Gabi Delgado-Lopez DAF aufleben lassen.
Der Gabi Delgado und ich, wir haben halt auch ein paar richtig gute Sachen zusammen gemacht. Aber immer, wenn wir ein paar Jahre zusammen waren, dann streiten wir uns ziemlich kräftig. Aber jeder Streit verblasst wieder. Es ist ja auch nicht gesund, jemandem zu lange böse zu sein. Und deshalb gibt es jetzt halt schon das dritte DAF-Comeback.
Finanzielle Gründe gibt es nicht?
Doch, auch, natürlich. Da bin ich ehrlich: DAF ist meine beste Geldquelle. Mit meinen Solo-Aktivitäten verdiene ich auch Geld, aber das ist härter, da muss ich mehr strampeln, um meine Miete zu zahlen. Aber es wäre nicht fair, das aufs Finanzielle zu reduzieren. Wir wurden gefragt, ob wir was zum 30-Jährigen machen wollen, und deshalb haben wir angefangen, im vergangenen Sommer wieder aufzutreten, und gehen nun auf Tour. Und das wird auch eine reine Hit-Tour. Wir spielen nur die ganzen Klassiker. Das wird: Greatest Hits von DAF.
Interview: Thomas Winkler
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