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23. Januar 2013

Deutsche Kinemathek: Marlene warf nichts weg

Auch Liebesbriefe lagern im Archiv der Deutschen Kinemathek.  Foto: dpa/Britta Pedersen

Die Deutsche Kinemathek wird am Donnerstag 50 Jahre alt. Direktor Rainer Rother erklärt im Interview wie dieses Gesamtkunstwerk funktioniert und wer als Ahne der Deutschen Kinemathek gilt.

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Die Deutsche Kinemathek wird am Donnerstag 50 Jahre alt. Direktor Rainer Rother erklärt im Interview wie dieses Gesamtkunstwerk funktioniert und wer als Ahne der Deutschen Kinemathek gilt.

Berlin –  

Die ganze Welt des Kinos unter einem Dach: Die Deutsche Kinemathek im Filmhaus am Potsdamer Platz feiert ihr 50. Jubiläum am 24. Januar mit einem großen Fest und übers Jahr mit vielen Veranstaltungen. Wir sprachen mit dem Direktor Rainer Rother.

Herr Rother, die Deutsche Kinemathek wird morgen 50 Jahre alt. Doch selbst Leute, die regelmäßig ins Museum gehen, wissen mit dem Begriff Kinemathek wenig anzufangen. Wie erklären Sie denen, was eine Kinemathek ist und tut?

        

Rainer Rother Direktor der Kinemathek.
Rainer Rother Direktor der Kinemathek.
Foto: dpa

Kinematheken sind Bewahrer des Filmerbes. Das umfasst natürlich die Filmrollen oder Files, also das, was wir dann als bewegte Bilder im Kino sehen. In unserem Filmarchiv befinden sich 13.000 Filme, von denen fast 4000 auch in unserem Verleih sind. Zugleich sammeln und bewahren wir all das, was für das Kulturgut Film relevant ist.

Wir sammeln also nicht wie ein Kunstmuseum nur die Kunstwerke selbst, sondern wie ein kulturhistorisches Museum: auch das, was zur Produktion einer bestimmten Kultur, einer bestimmten Stilrichtung gehört. Wir bewahren mehr als 21.000 Plakate, fast 8000 Entwürfe zu Bauten und Kostümen, über 25.000 Drehbücher, Hunderte Kostüme, etwa eine Million Fotos. Dazu kommt, was man Memorabilia nennen könnte, Requisiten aus Filmen.

Das können Sie unmöglich zeigen.

Nur ein kleiner Teil kann im Museum präsentiert werden. Aber das Archiv steht Interessierten und Forschern offen, die etwa verschiedenen Fassungen eines Drehbuchs vergleichen wollen, die Produktionsgeschichte eines Films, eine bestimmte Periode untersuchen wollen. Ein Teil der Objekte wird in der ständigen Ausstellung zu mehr als 100 Jahren Filmgeschichte und zu über 50 Jahren Fernsehgeschichte präsentiert. In ihr und in den Sonderausstellungen verfügt die Kinemathek über ihr Schaufenster.

Wie darf man sich bei diesen Schätzen denn Ihr Lager vorstellen?

Im vergangenen September haben wir ein neues Lagergebäude in Marienfelde bezogen. Das hat 3500 Quadratmeter – es war, vor allem was die restauratorischen und klimatischen Bedingungen angeht, für uns ein großer Sprung nach vorn. Denn unsere Schätze sind zum Teil hochempfindlich: Zelluloid, Papier, Fotografien, Stoffe. Für deren Pflege und Aufarbeitung würden wir uns mehr Personal wünschen.

Wie viele Besucher hat das Museum im Jahr?

Im vergangenen Jahr waren es mehr als 130.000, die meisten davon Besucher unserer Ausstellungen. Doch darf man die Vielzahl von Veranstaltungen, Workshops, Filmreihen nicht vergessen. Der Gesamtbesuch ist dann, wenn Besuchermagnete wie etwa „Loriot“, „Romy Schneider“ oder „Storyboard“ angeboten werden, noch einmal höher.

Die Deutsche Kinemathek arbeitet eng mit der Berlinale zusammen: Sie erstellt die Retrospektiven des Festivals. Die für 2013 heißt „The Weimar Touch“. Was erwartet uns?

Wir haben uns seit den 1970er-Jahren intensiv um das Filmexil und die emigrierten Filmkünstler bemüht und dazu eine einzigartige Sammlung aufgebaut. Wir sind stolz, das größte Filmexil-Archiv zu sein: mit unvergleichlichen Beständen wie dem Archiv des Hollywood-Agenten Paul Kohner. Diese Sammlung hat die Berlinale-Retrospektive schon des öfteren inspiriert, so etwa schon in den Anfangsjahren oder bei den Filmreihen zu Persönlichkeiten wie Fritz Lang, Erich Pommer, Otto Preminger.

Tausende deutsche Filmschaffende, vor allem die mit jüdischen Wurzeln, wurden von den Nazis ins Exil getrieben. Die Pflege ihres Erbes war und ist sehr wichtig für die Identität der Deutschen Kinemathek. Deswegen in unserem Jubiläumsjahr diese Retrospektive, die den Einfluss des Weimarer Kinos auf den internationalen Film nach 1933 aufgreift.

Inwiefern wirkte das Kino der Weimarer Republik weiter?

Bestimmte Stile und Erzählweisen dieses Kinos haben kurze Zeit und sehr begrenzt sogar in Deutschland fortgelebt, bei Regisseuren wie Reinhold Schünzel oder Gerhard Lamprecht. Aber eigentlich entwickelte sich das Kino der Weimarer Republik im Ausland weiter. Und da haben wir viele Filmbeispiele, für verschiedene Stile, Genres und Länder, aus den USA, aber auch aus Ungarn, Frankreich, den Niederlanden.

Sie nannten Gerhard Lamprecht, den Ahnen der Deutschen Kinemathek.

Das ist eine ganz einzigartige Figur! Gerhard Lamprecht (1897-1975) hat schon als Jugendlicher begonnen, Filmprogramme, Plakate, Starpostkarten zu sammeln. Mit 12 Jahren arbeitet er als Filmvorführer. Er hatte eine große Filmsammlung und sammelte zudem technische Geräte. Seine Karriere als Regisseur reicht vom Stummfilm über die DEFA-Produktion „Irgendwo in Berlin“ bis zur Arbeiten in der frühen Bundesrepublik. Ungewöhnlicherweise hat Lamprecht auch als Filmhistoriker gearbeitet: So hat er die erste filmografische Publikation zum deutschen Stummfilm erarbeitet. Er hat zudem Filmschaffende befragt, in Form der Oral History – auch das eine Pionierleistung. Seine Sammlung bildete schließlich den Grundstock für die Deutsche Kinemathek, die 1963 gegründet wurde. In den ersten Jahren war Lamprecht ihr Direktor. Aber es hat noch bis zum Jahr 2000 gedauert, bis die Sammlungen endlich auch öffentlich in einem Museum gezeigt werden konnten.

Warum hat der Berliner Senat nicht früher ein Museum dafür eingerichtet?

Es gab immer wieder Überlegungen, wie man so ein Museum realisieren könnte. Mit dem Mauerfall 1989 wurden hier bisherige Planungen obsolet und es ergab sich die Chance, hier im Sony-Komplex am Potsdamer Platz ein Filmhaus zu errichten.

Inzwischen ist der Grundstock von Gerhard Lamprecht erheblich ergänzt worden durch Nachlässe von vielen Filmschaffenden und anderes mehr. Haben Sie Lieblingsstücke in der Sammlung?

Natürlich sind die Paul-Kohner-Unterlagen ein einzigartiger Schatz: Kohner verfügte ja als Schauspielagent und Filmproduzent über zahllose Kontakte. Von der Größe des Nachlasses ist der von Marlene Dietrich der wichtigste: Sie hat fast nichts weggeworfen. Und alles ist beisammen geblieben. 440 Paar Schuhe, 50 Handtaschen, tausend Textilien … Wir haben Marlenes gesamte Bibliothek! Alle Briefe ihrer Verehrer. Eine besondere Rarität ist der Oscar, den Emil Jannings 1928 als erster Schauspieler bekommen hat für „Der Weg allen Fleisches“ und „Sein letzter Befehl“! Auch jüngere Neuzugänge sind beeindruckend, die Sammlungen von Werner Herzog, Heinrich Breloer und Ken Adam zum Beispiel.

Viele Leute glauben sicher, dass Sie ein herrliches Leben führen inmitten dieser Kinogeschichte. Wie sieht ein Tag aus bei Ihnen?

Nicht wirklich überraschend besteht er aus vielen Besprechungen. Und sehr prägend sind dabei nicht immer inhaltliche, sondern Budgetfragen.

Wie das? Die Kinemathek bekommt Mittel vom Bund, und der Bundeskulturminister Bernd Neumann ist ein Filmfreund!

Ja, er hat auch die nationale und internationale Bedeutung der deutschen Kinemathek als „Leuchtturm“ anerkannt. Doch die fixen Kosten steigen; wir zahlen im Sony-Center eine erhebliche Miete. Die reguläre finanzielle Förderung, die wir erhalten, reicht für die Existenzsicherung. Für die programmatische Arbeit, Projekte, Ausstellungen sind wir in der Regel auf Drittmittel angewiesen. Dazu kommt: Wir wollen und müssen unsere Schätze noch stärker sichtbar machen, und die Digitalisierung alter Filme kostet enorm viel Geld. Aber es ist durchaus ein Verständnis für unsere Zwangslage vorhanden.

Gehen Sie noch regulär ins Kino? In neue Filme?

Aber ja, wenn auch nicht mehr so oft wie früher. Filmfestivals sind eine Kompensation dafür. Mit meinen Töchtern mache ich gelegentlich auch Entdeckungen, den Anfang von „Ice Age 4“ fand ich zum Beispiel witzig. Und ich freue mich immer auf neue Animationsfilme Filme von Hayao Miyasaki oder des Studios Pixar.

Das Gespräch führte Anke Westphal.

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