Die Verblüffung steht Kathrin Schmidt ins Gesicht geschrieben, als sie auf dem Podest neben Gottfried Honnefelder steht, dem Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, der soeben bekannt gegeben hat, dass sie, die 1958 im thürigischen Gotha geborene Autorin, die in der Wendezeit als Bürgerrechtlerin am Runden Tisch saß, mit dem Deutschen Buchpreis des Jahres 2009 ausgezeichnet wird.
Prämiert wird ihr Roman "Du stirbst nicht", erschienen im Frühjahr im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch, dem man diesen für einen Verlag zumal in Zeiten der Krise segensreichen Preis wirklich gönnt. Vor zwei Jahren hätte es (mit Katja Lange-Müller) fast geklappt. Jetzt, im Jahre 20 nach dem Mauerfall, ist es die Ostdeutsche Kathrin Schmidt, deren Erfahrungen auch in politsch-historischer Hinsicht in diesem Jubliäumsjahr besonders glücklich eingebracht werden können auf ihrer Lesetour durch die vereinigte Republik, die ihr bevorsteht.
Eine persönliche Erfahrung liegt dem Roman zugrunde. Auf unprätentiöse, vielleicht deshalb besonders beeindruckende Weise erzählt "Du stirbst nicht" von dem Genesungsprozess einer Frau namens Helene Wesendahl, einer in einer schwierig gewordenen Ehe gefangenen Schriftstellerin, die nach einer Gehirnblutung ins Koma fällt und als eine Andere wieder aufwacht. Ihre Identität, ihre Sprache und ihre Erinnerungen setzt sie langsam, Stück für Stück, wieder zusammen. "Man liest, wie ein Mensch entsteht", kommentiert in dem Filmchen, das über jeden der sechs Nominierten gezeigt wird, eine sichtbar bewegte Iris Radisch (Die Zeit), die der siebenköpfigen Jury heuer angehörte.
Mit Katrin Schmidt als Preisträgerin, das sagen die Gesichter der am frühen Montagabend im Kaisersaal des Frankfurter Römer Versammelten, haben die wenigsten gerechnet. Man gewöhnt sich recht schnell an den Gedanken, auch und vor allem die Autorin, die zunächst darauf beharrt, "keine Rede vorbereitet" zu haben. Als sie eine Viertelstunde später vor einer immer noch etwas sprachlos wirkenden Journalistenschar ihre erste Pressekonferenz in der neuen Funktion gibt, geht es schon etwas besser. Die Anspannung weicht allmählich, der Schalk gewinnt sein Terrain zurück.
"Ich war ein schlechter Sportler", sagt Kathrin Schmidt im typischen DDR-Jargon (wo die femininen Berufts- und Tätigkeitsbezeichnung verpönt waren). "Aber ich war ein guter Langstreckenläufer." Denke sie jetzt an ihr eben ausgezeichnetes Buch, dann würde sie sagen: "Das Buch hat ein bisschen von mir gelernt."
Mit ihrem Mann und den Jüngeren ihrer fünf Kinder lebt Kathrin Schmidt am östlichen Rand von Berlin. 1998 wurde sie mit der "Gunnar Lennefsen-Expedition" als Romanautorin bekannt. Vier Jahre später setzte sie mit "Königs Kinder" ihre Familien- und DDR-Forschungen fort, und just an dem Tag, da sie das Manuskript zum Druck freigab, platzte ihr, genau wie der Heldin des jetzt prämierten Romans, ein erweitertes Blutgefäß im Gehirn. Die wenigsten überleben eine solche Blutung. Kathrin Schmidt aber stirbt nicht.
Unsentimental, aber nicht gefühllos
Ein halbes Jahr später beginnt sie mit der Arbeit an ihrem nächsten Roman, "Seebachs schwarze Katzen" (erschienen 2005), handelnd von einem Stasi-Mitarbeiter, der viele Jahre nach der Wende von seinem amourösen Doppelleben eingeholt wird.
Über "Du stirbst nicht" schrieb Petra Kohse dann in der FR (9.4.2009), es sei "ein Buch über die Krankheit selbst und so etwas wie eine Aussöhnung mit ihr - in der Kunst und als Kunst. Der Schock der Sprach- und Erinnerungslosigkeit nach dem Schlag, die Fremdheit des Ichs sich selbst gegenüber, wird zum Anlass und Stilprinzip eines radikal intimen und doch vollständig durchgeformten Berichtes. Dass ein Roman wie dieser auch autobiografisch verstanden werden kann, dürfte ein medizinisches Wunder sein. Dass sich darin keine Sentimentalitten finden, keine Sentimentalität, ist ein literarisches."
Keine Sentimentalititten: die Wendung stammt aus einem thüringischen Lied, in dem es dem Bauern egal ist, ob ein Huhn nett gackert oder Kopfstand macht; am Sonntag kommt es in den Topf. Und wer Kathrin Schmidt am Montagabend in Frankfurt erlebte, ahnt, dass Unsentimentalität - nicht zu verwechseln mit Gefühllosigkeit! - nicht nur für ihr Schreiben, sondern für ihre ganze Existenz gültig sein möchte.
Ja, man freut sich über diese Preisträgerin: Die Überraschung ist perfekt. Und die Erleichterung nicht unerheblich. Denn, wie der neuerdings von einer schönen grauen Tolle umflorte Jury-Vorsitzende Hubert Winkels unumwunden zugab: Der Nobelpreis an Herta Müller war, bei aller Freude, ein Problem für den diesjährigen Buchpreis. Herta Müller, nominiert für ihren Roman "Atemschaukel", war gekommen. Der Star schlechthin. Und doch eine Nominierte unter anderen. Der Applaus, der mit Gottfried Honnefelders Gratulation gleich zu Beginn der Veranstaltung aufbraust, bleibt der emotionale Höhepunkt. Und wie formvollendet von Kathrin Schmidt, zu sagen, dass ihre Freude über den Nobelpreis für Herta Müller ihre eigene weit überlagere.
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