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Deutscher Fernsehpreis: Der Blödsinn, den wir sehen

Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki wettert gegen den "Blödsinn" des Fernsehpreis-Abends, sieht die TV-Qualität schwinden - und sagt: "Ich nehme diesen Preis nicht an." Doch seine Frau verrät etwas anderes. Von Harry Nutt

Der Literaturpapst schimpft.
Der Literaturpapst schimpft.
Foto: dpa

Der erhobene Zeigefinger und das listige Lächeln ähnelten einander. Erst im Mai dieses Jahres hatte Marcel Reich-Ranicki den Henri-Nannen-Preis für sein journalistisches Werk entgegengenommen - und mit verschmitzt dozierender Gestik zur Dankesrede angehoben. Der Zeigefinger des 88-Jährigen bewegte sich auch diesmal auf Augenhöhe, aber zu einer Dankesrede kam es nicht. Als der prominenteste deutsche Literaturkritiker am Samstagabend in Köln mit dem Deutschen Fernsehpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden sollte, ging er trotzig in die Verweigerungsspur.

Thomas Gottschalk stand mit Trophäe, einem gläsernen Obelisken, und gekräuselten Blondlocken bereit, aber Reich-Ranicki hatte es sich anders überlegt. Er habe schon viele Preise in seinem Leben erhalten, befinde sich nun aber in einer schwierigen Situation. "Ich nehme diesen Preis nicht an. Ich gehöre nicht in diese Reihe."

Fernsehpreisträger

Ehrenpreis für sein Lebenswerk: Marcel Reich-Ranicki

Bester Fernsehfilm/Mehrteiler: "Contergan" (ARD/WDR)

Serie: "Doctor's Diary - Männer sind die beste Medizin" (RTL)

Dokumentation: "Das Schweigen der Quandts" (ARD/NDR)

Reportage: "Alt sein auf Probe - Ein Neu-Rentner auf Entdeckungsreise" (ARD/WDR)

Reality: "Die Ausreißer - der Weg zurück" (RTL)

Information/Wissen: "neues." (3sat/ZDF)

Unterhaltung/Show: "Deutschland sucht den Superstar: Die Mottoshows" (RTL)

Comedy: "Switch Reloaded" (ProSieben)

Sport: "Olympische Spiele 2008" (Eurosport)

Regie: Connie Walther ("12 heißt: Ich liebe dich", ARD)

Buch: Katrin Bühlig ("Bella Block: Weiße Nächte", ZDF)

Schauspieler: Misel Maticevic ("Die dunkle Seite", RTL, "Das Gelübde", WDR, "Die Todesautomatik", ZDF)

Schauspielerin: Veronica Ferres ("Die Frau vom Checkpoint Charlie", ARD)

Schauspieler Nebenrolle: Michael Gwisdek ("Das Wunder von Berlin", ZDF)

Schauspielerin Nebenrolle: Silke Bodenbender ("Das jüngste Gericht", RTL, "Eine folgenschwere Affäre", ZDF)

Moderation Information: Maike Rudolph (Berichte aus Birma, ARD)

Moderation Unterhaltung / Late Night: Ina Müller ("Inas Nacht", NDR)

Kamera: Alexander Fischerkoesen (für "Die dunkle Seite", RTL, und "Tarragona - Ein Paradies in Flammen", RTL)

Der verdutzte Moderator Gottschalk hielt das zunächst für einen Scherz des in Provokationen geübten Reich-Ranicki, aber mit der blasierten Lockerheit vom "Wetten, dass..."-Sofa kam Gottschalk diesmal nicht so recht weiter. "Ich finde es schlimm, dass ich das hier heute Abend erleben musste", sagte Reich-Ranicki und wetterte gegen den "Blödsinn" des Abends und den allgemeinen Niedergang der Qualität im Fernsehen.

Nicht viel Konkretes

Was er genau meinte, verriet Reich-Ranicki nicht. Eine Einzelkritik der Preisträger blieb aus. Der renitente Wutausbruch ("Ich wusste nicht, was mich hier erwartet") dürfte aber ein Nachspiel haben.

Gottschalk und das ZDF boten eine Diskussionssendung mit Reich-Ranicki über Qualität im Fernsehen an, deren Umsetzung die Verantwortlichen nun prüfen. Man kann davon ausgehen, dass sich die Gelegenheit zur Fortsetzung des Skandals mit Unterhaltungsgarantie niemand entgehen lassen möchte.

Marcel Reich-Ranicki, der als Überlebender des Warschauer Ghettos vor genau 50 Jahren zurück nach Deutschland kam, von wo er zuvor hatte fliehen müssen, um seiner Ermordung durch die Nationalsozialisten zu entgehen, hat in seinem öffentlichen Leben nie vor Skandalen zurückgeschreckt. Persönliche Freundschaften mit Schriftstellern wie Günter Grass wurden aufgrund von Kritiken aufgekündigt, seine Kollegin Sigrid Löffler verließ die Sendung "Das literarische Quartett" nach Jahren des Erfolges im Streit.

Auftritte in Sendungen mit Thomas Gottschalk nutzte Reich-Ranicki gern zur Beweisführung, dass der Literaturkritiker über beachtliche Entertainerqualitäten verfügt. Ihn in der Sendung zu haben, barg stets unkalkulierbare Begleiterscheinungen.

In einen der größten Skandale des Literaturbetriebs war Marcel Reich-Ranicki allerdings ohne eigenes Zutun verwickelt. Martin Walser skizzierte in seinem Roman "Tod eines Kritikers" mit antisemitischen Stereotypen das Bild eines Kritikers, in dem unschwer Reich-Ranicki zu erkennen war. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung entschloss sich damals, einen verabredeten Vorabdruck des Walser-Romans zurückzuziehen.

Thomas Gottschalk jedenfalls war sichtlich irritiert. "Ich geh mal kurz hinter die Bühne und trinke ein bisschen Hustensaft", sagte er zum staunenden Publikum. Hinter den Kulissen gibt man sich nun jedoch cool. ZDF-Intendant bezeichnete den Vorfall als Sternstunde des Fernsehens. Die Aufzeichnung soll heute Abend praktisch ungeschnitten gesendet werden.

Reich-Ranickis Ehefrau Teofila bestätigte unterdessen, ihr Mann habe den Preis abends dann doch mit nach Hause gebracht.

Autor:  HARRY NUTT
Datum:  12 | 10 | 2008
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