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Deutscher Filmpreis: Weißes Band und roter Teppich

Langer Abend für zwei Filme: Michael Haneke und Hans-Christian Schmid sind die Gewinner bei der 60. Verleihung des Deutschen Filmpreises. Von Daniel Kothenschulte

Michael Hanekes Film Das weiße Band räumt bei der Lola-Verleihung in Berlin mit zehn Lolas ab (23.04.2010).
Michael Hanekes Film "Das weiße Band" räumt bei der Lola-Verleihung in Berlin mit zehn Lolas ab (23.04.2010).
Foto: ddp

Vor einem Jahr noch als offizieller österreichischer Beitrag in Cannes prämiert, ist das "Weiße Band" nun auch der "beste deutsche Film". Angela Merkel durfte den Gewinner zwar nicht selbst vermelden, das hatte sich der Finanzier des Preisgeldes, Kulturstaatsminister Bernd Neumann, nicht nehmen lassen -- für alle Lolas zusammen immerhin fast drei Millionen Euro. Aber die Kanzlerin durfte die begehrte Statuette immerhin an den Berliner Produzenten Stefan Arndt persönlich überreichen. Schön, dass es die doppelte Staatsbürgerschaft wenigstens für Filme gibt.

Von den dreizehn Kategorien, in denen das Drama aus den noch finstereren Tagen des Kindesmissbrauchs nominiert war, gewann es in zehn -- und bei keiner einzigen müsste man widersprechen. Höchstens könnte man sich fragen, was nun eine Haupt- und was eine Nebenrolle sei in diesem Ensemblefilm. Aber das mag der wunderbare Burghart Klaußner selbst mit seiner feschen Lola klären, der er auf der Bühne ein wohl präpariertes Ständchen sang. Nichts gegen Einstudiertes auf einer Preisgala. Auch die Moderatorin Barbara Schöneberger, die die meiste Redezeit ihrer unübersehbaren Schwangerschaft widmete, und die Bildregie hätten eine Probe gewiss gebrauchen können.

Die Preisträger

Beste Spielfilme:

Goldene Lola: "Das weiße Band" von Michael Haneke Silberne Lola: "Sturm" von Hans-Christian Schmid Bronzene Lola: "Die Fremde" von Feo Aladag

Bester Dokumentarfilm: - "Das Herz von Dschenin" von Marcus Vetter und Leon Geller

Bester Kinderfilm: - "Vorstadtkrokodile" von Christian Ditter

Beste weibliche Hauptrolle: - Sibel Kekilli ("Die Fremde")

Beste männliche Hauptrolle: - Burghart Klaußner ("Das weiße Band")

Beste weibliche Nebenrolle: - Maria-Victoria Dragus ("Das weiße Band")

Beste männliche Nebenrolle: - Justus von Dohnányi ("Männerherzen")

Beste regie: - Michael Haneke ("Das weiße Band")

Bestes Drehbuch: - Michael Haneke ("Das weiße Band")

Beste Kamera: - Christian Berger ("Das weiße Band")

Bester Schnitt: - Hansjörg Weißbrich ("Sturm")

Bestes Szenenbild: - Christoph Kanter ("Das weiße Band")

Bestes Bühnenbild: - Moidele Bickel ("Das weiße Band")

Beste Filmmusik: - The Notwist ("Sturm")

Beste Tongestaltung: - Guillaume Sciama, Jean-Pierre Laforce ("Das weiße Band")

Bestes Maskenbild: - Waldemar Pokromski, Anette Keiser ("Das weiße Band")

Es war ein langer und zäher Lola-Abend, doch wie lang musste einem erst das letzte Kinojahr erscheinen, dessen "schönste Momente" Schöneberger zu Beginn in einer Ausschnittrolle präsentierte: Da trat doch wirklich noch einmal, fast hatten wir ihn schon vergessen, Tom Cruise mit Stauffenberg-Augenbinde in Erscheinung. Alt oder nicht -- nach der Rechenweise von Kulturstaatsminister Neumann qualifiziert sich das Drama -- ebenso wie der gleichfalls vorgestellte Tarantino-Film "Inglourious Basterds" -- wenigstens als deutscher Film. Welches Hollywoodstudio auch immer einen Zuschuss aus den Bundesmitteln des "Filmförderfond" erhält - es zählt mit bei den angeblichen 27 Prozent Markteinteil für deutsche Filme, die der CDU-Politiker zuletzt auf der Berlinale-Eröffnung verkündete. Nun muss nur noch die Außenperspektive stimmen: "Die Welt schaut deutsche Filme" jubelte nun Bernd Neumann.

Festrednerin Angela Merkel durfte im Berliner Friedrichstadt-Palast die Neuauflage dieser automatischen, also ohne eine Jury vergebenen Förderung durch den Steuerzahler bekannt geben. Es ist eine gute und eine schlechte Nachricht. Gut, weil es die Branche am Leben hält und Filmkunst nun einmal auf Förderung angewiesen ist. Aber schlecht, weil gerade im Unterhaltungsfilm so viel mehr produziert und in die Kinos gebracht wird, als auch das fleißigste Publikum sehen kann. Und gerade auch gute Unterhaltung in der Schwemme mit versinkt.

Zehn Lolas für "Das weiße Band"

Bildergalerie ( 6 Bilder )

Hans-Christian Schmid kann mit seinem Drama "Sturm", nun verdient mit einer Silbernen Lola für die beste Regie sowie in den Kategorien Schnitt und Musik geehrt, ein Lied davon singen. Ganze vierzigtausend Zuschauer fand der Film in Deutschland. Eine gute Förderung aber müsste auch am filmkulturellen Bewusstsein arbeiten. Sie sollte in die Bildung und Vermittlung investieren oder sie zumindest öffentlich zur Kenntnis nehmen. Mit der Entmachtung der früheren Expertenjury im Jahre 2003 wurden auch Kritik und Theorie aus dem Tempel des deutschen Kinos vertrieben. Sie nennen sich Filmakademie, aber anders als in Frankreich denken sie nicht einmal darüber nach, auch den führenden Filmvermittlern in der Lehre oder Publizistik eine Mitgliedschaft anzubieten. Abgesehen davon, dass man auch bei den Spielfilmredakteuren der Fernsehanstalten so tut, als seien sie keine Kreativen.

Auch wenn man sich wieder neue Details bei den Oscars abschaute -- die nominierten Darsteller werden nun auch in Berlin von Paten vorgestellt -- eines lernt man von den Amerikanern nicht. In Hollywood ist das sechzigste Jubiläum nicht begangen worden, ohne an frühere Preisträger zu erinnern. Alles, was Barbara Schöneberger dazu einfiel, war ein nur ihr selbst verständlicher Witz über die Namen früherer Trophäen.

Aber so war es natürlich immer im deutschen Kino. Der Neue Deutsche Film wollte nichts mit seinen Vätern zu tun haben, die er als "Opas Kino" zum Alten Eisen schob. Und die Generation Bernd Eichingers, der nun für sein Lebenswerk geehrt wurde, nichts mit dem Autorenfilm. Vor Jahren wurde viel geredet über den fehlenden Glamour bei deutschen Galas. Nun gut, es gibt nicht von selbst, wie dieser Samstag einmal mehr bewies -- abgesehen allerdings vom Auftritt der hinreißend souveränen und hocheleganten Preisrednerin Jessica Schwarz. Und, ja ganz aus Versehen bei Sibel Kekilli, die buchstäblich aus allen Wolken fiel, als sie für die Hauptrolle in "Die Fremde" geehrt wurde.

Aber vielleicht käme der Glamour ja von selber herein spaziert über den ausgelegten roten Teppich. Wenn die deutsche Filmbranche sich nur ein wenig geschichtsbewusster gäbe.

Autor:  Daniel Kothenschulte
Datum:  24 | 4 | 2010
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