Nach Richard von Weizsäcker und Roman Herzog gab sich nun Horst Köhler die Ehre und eröffnete in der Dresdener Semperoper das 47. Treffen der Geschichtswissenschaftler, das sich vergangene Woche in der sächsischen Landeshauptstadt dem Thema "Ungleichheiten" widmete. Wer vom obersten Mann im Staate, immerhin ehemaliger Chef des Internationalen Währungsfonds und mit der globalen Finanzwelt auf Du und Du, dezidierte Worte zur gegenwärtigen Krise der Weltwirtschaft erwartete, wurde jedoch enttäuscht. Köhler verteilte freundlich Lob an die Arbeit der Historiker, mahnte hier und dort ("Von der Gleichberechtigung der Geschlechter sind wir noch immer weit entfernt") und hielt ansonsten ein Plädoyer für die Agenda 2010. Immerhin: Köhler bezeichnete es als "beschämend für Deutschland", dass "die schulische Entwicklung eines Kindes immer noch maßgeblich - und in jüngster Zeit sogar mit steigender Tendenz - von seiner Herkunft und dem Geldbeutel der Eltern bestimmt wird". Für eine solche Aussage hätte er, mutmaßte der Freiburger Zeithistoriker Ulrich Herbert, noch vor zwei, drei Dekaden gewaltig Ärger mit seiner Partei, der CDU, bekommen.
Köhler tat sich in seiner bisherigen Amtszeit nicht zuletzt mit seinem starken Engagement für Afrika hervor. Die "Menschlichkeit unserer Welt", schrieb er vor einigen Jahren, entscheide sich am Schicksal dieses Kontinents. Die deutsche Historikerzunft tut sich traditionsgemäß eher schwer mit der außereuropäischen Welt. Dies beginnt sich erst langsam zu ändern.
Der Blick auf das Programm des Dresdener Historikertages vermittelt noch ein gemischtes Bild. Wenige Sektionen waren explizit der Geschichte außerhalb Europas oder globalgeschichtlichen Perspektiven gewidmet, so das von Hubertus Büschel (Potsdam) geleitete Panel über "Humanitäre Hilfe, Expertentum und die Konstruktion von Ungleichheit in der Moderne". Die Referate analysierten anhand verschiedener Beispiele europäische und nordamerikanische Wissens- und Rechtsdiskurse zu Bevölkerungen in der "Dritten Welt" und zeigten auf, wie sich Machthierarchien in sozialen Praktiken manifestierten. Und eine von Jürgen Martschukat (Erfurt) und Stefanie Schüler-Springorum (Hamburg) organisierte Sektion diskutierte den Zusammenhang von Sport, Ethnizität und Geschlecht unter anderem an Beispielen aus Afrika und China.
Ansonsten bot der Historikertag wie immer einen Kessel Buntes. Auseinandersetzungen um die jüngere deutsche Vergangenheit erregten naturgemäß die größte Aufmerksamkeit. Auf der mehr als fünfstündigen, von Klaus-Dietmar Henke geleiteten Podiumsdiskussion über die "friedliche Revolution und die Vereinigung 1989/90" diskutierten Politiker, Bürgerrechtler und Historiker bis zur Erschöpfung des Publikums etwa die Bedeutung der maroden Volkswirtschaft für das Ende der DDR. In zahlreichen Vorträgen und Statements in Dresden wurde das mangelhafte Wissen über die deutsch-deutsche Geschichte beklagt: Beispielsweise hielt, so ein mehrfach zitiertes Beispiel, ein Drittel der unlängst in einem ostdeutschen Bundesland befragten Schüler Willy Brandt und Konrad Adenauer für DDR-Politiker. Hier liege jedoch ein Problem der Vermittlung von Forschungsergebnissen vor, konstatierte Axel Schildt (Hamburg), denn in den Bibliotheken biegen sich die Regale unter der Last der umfangreichen Studien zu allen möglichen Aspekten der DDR-Geschichte.
Für beträchtliches Aufsehen sorgten schließlich die Zwischenergebnisse einer von der Stadt Dresden vor vier Jahren einberufenen Kommission zu den Luftangriffen auf die Elbestadt im Februar 1945. Wie der Potsdamer Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller hervorhob, werde der Name Dresden immer mit einer der schlimmsten Katastrophen des Zweiten Weltkriegs verbunden bleiben. Gleichwohl sei es ein Muss, "irrsinnigen Zahlenspekulationen" entgegenzutreten wie der von der nationalsozialistischen Propaganda gleich nach den Ereignissen kolportierten Zahl von über 200 000 Opfern, wie sie noch heute gerne von Rechtsextremisten verbreitet wird. Die Kommission konnte bisher rund 18 000 Todesopfer nachweisen.
Unerbittliche Kontroversen über Inhalte und Methoden oder gar unüberbrückbare Gegensätze in Grundsatzfragen waren in den Sektionen des Historikertages nicht zu erkennen. Feststellen konnte man jedoch eine gewisse Frustration und Sorge über das sich immer schneller drehende Rad der Evaluierungen und Initiativen zur vermeintlichen Förderung von Exzellenz. Der scheidende Vorsitzende des Verbandes, der Münsteraner Althistoriker Peter Funke, konstatierte zwar, dass die Geschichtswissenschaft bei der Forschungsförderung unter den Geisteswissenschaften eher auf der Gewinnerseite stehe, sorgte sich jedoch über die erodierende Grundausstattung an den Universitäten, die insbesondere für den Nachwuchs keine längerfristige Perspektive erlaube.
Zum offenen Streit kam es dann bei der Mitgliederversammlung. Während die einen die Initiative des Wissenschaftsrates, nach der Chemie und Soziologie nun das Fach Geschichte einem "Rating" zu unterziehen, konstruktiv umzusetzen bereit waren, stellten sich andere auf die Hinterbeine und lehnen das Vorhaben ab. Man darf gespannt sein, wie der neu gewählte Vorsitzende Werner Plumpe (Frankfurt/Main) diesen Dissens moderiert.
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