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Kultur
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13. Januar 2011

Deutscher Kulturrat : Muslime gehören einfach dazu

 Von Christian Schlüter
Muslime lesen im Koran in der Abubakr Moschee, Islamische Gemeinde Frankfurt e.V.  Foto: FR/Boeckheler

Für ein differenzierteres Bild jenseits der Sarrazin-Hysterie: Das Dossier des Kulturrats "Islam, Kultur, Politik" versteht sich als Problemanzeige für die Gegenwart, von Kopftuch und Verschleierung über Islamunterricht an Schulen bis zur Anerkennung von Religionsgemeinschaften. Den Fundamentalisten auf beiden Seiten keine Chance!

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Es war einmal: Navid Kermani pries die Schönheit des Koran. In seinem Buch „Gott ist schön“ begeisterte sich der Orientalist für die ästhetische Qualität dieses wundersamen Offenbarungstextes. Damit wollte er nicht so sehr die Überlegenheit eines Glaubensmanifests rechtfertigen, sondern auf die sinnlichen Dimensionen verweisen, die einem Menschen muslimischen Glaubens bei der Lektüre eines heiligen Texts begegnen. Kermanis Traktat handelt von den vielfältigen Beziehungen eines Buches mit seinen Lesern, er handelt von Hingabe und Begeisterung, sie mag gelehrt sein oder nicht, und entdeckt eben darin die besondere Schönheit des offenbarten Gottes.

Ein märchenhaft gewagter, ein längst vergangener Gedanke aus der Zeit vor den Terroranschlägen des 11. September 2001. Seitdem werden selbsternannte Islamkritiker nicht müde, uns vor den Glaubenskriegern und Hasspredigern aus dem Morgenland zu warnen. Seitdem gilt es, unsere eilig ausgerufene und zusammengestoppelte jüdisch-christlich-abendländische Leitkultur gegen den Islam zu verteidigen. Und seitdem ist ein sachliches Gespräch nicht mehr möglich, konstatiert auch Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, im Vorwort des von ihm herausgegebenen Dossiers „Islam, Kultur, Politik“, einer 40 Seiten starke Textsammlung.

Die Richtung gibt der Herausgeber vor: „Wir wollen in diesem Dossier die üblichen Fahrrinnen, die sich gerade in den letzten Monaten in den Medien und der Politik durch die ,Sarrazin-Hysterie’ noch tiefer eingegraben haben, so oft wie möglich verlassen und ein möglichst weites und differenziertes Bild über den Islam, seine Kultur und Politik anbieten.“ Differenzieren heißt dabei nicht, wie sich nach der Lektüre des Dossiers erweist, Schönreden oder Verharmlosen. Es ist ein erstaunlich vielstimmiges Dokument, das nicht nur im Bundestag ausliegen wird, in den öffentlichen Bibliotheken, in evangelischen und katholischen Akademien, sondern auch in den Moscheen.

Vier Millionen Muslime

In Deutschland gibt es über 3000 islamische Gotteshäuser, hier leben rund vier Millionen Muslime. Sie sind längst ein Teil Deutschlands geworden, ein Teil der deutschen Kultur, eine Einsicht, mit der sich nicht nur all jene Politiker schwer tun, die von der Bundesrepublik immer noch nichts als Einwanderungsland wissen wollen. Und so ist es ausgerechnet der Deutsche Kulturrat, der uns an eine Lebenswirklichkeit erinnert, die vor Jahren schon der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble und kürzlich noch einmal Bundespräsident Christian Wulff formulierten: Die Muslime und der Islam gehören dazu. Das Dossier macht uns die Vielfalt dieser Zugehörigkeit anschaulich.

Dazu gehören nicht nur historische, sondern auch politische Gründe. Denn so selbstverständlich wenigstens die Ahnung sein sollte, dass unsere Kultur in vielfältiger Weise islamisch geprägt ist, und wie heilsam verwirrend auch die Einsicht sein mag, dass Judentum und Islam sich in ihrer Konzeption des Monotheismus sehr viel näherstehen als dem Christentum mit seinem „ketzerischen“ Tritheismus von Heiligem Geist, Gottvater und Jesus Christus: Das Dossier des Kulturrats versteht sich vor allem als Problemanzeige für die Gegenwart, von Kopftuch und Verschleierung über Islamunterricht an Schulen bis zur Anerkennung von Religionsgemeinschaften.

Zur Sache

Das Dossier des Deutschen Kulturrats: "Islam, Kultur, Politik"

(PDF-Dokument)

Warnung vor islamkritischen "Hasspredigern"

Olaf Hahn von der Robert-Bosch-Stiftung, die das Dossier maßgeblich unterstützt hat, konstatiert nüchtern: „Angesichts der großen Zahl der in Deutschland lebenden Muslime kann in unserem Staat, in dem Religionen über den privaten Bereich hinaus öffentliche Aufgaben übernehmen, die Gestaltung des Zusammenlebens nicht ohne Einbezug muslimischer Gruppierungen geschehen.“ Und dazu gehört auch, nicht länger nur über Muslime, sondern mit ihnen zu reden und sie selbst zu Wort kommen zu lassen. Worum sich das Kulturrats-Dossier ausdrücklich bemüht, immerhin war an seiner Erstellung auch Aiman A. Mazyek beteiligt, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

Olaf Zimmermann hat in diesem Zusammenhang von einer eigentümlichen Schwierigkeit berichtet. Bei der Suche nach „unbedenklichen“ Kooperationspartnern auf muslimischer Seite habe sich der Kulturrat irgendwann an den Verfassungsschutz gewandt, aber keine befriedigende Antwort erhalten: „Da mussten wir uns einfach auf unseren Instinkt verlassen.“ Doch erweist sich der Präsident des Verfassungsschutzes als durchaus auf der Hut und warnt uns vor „islamkritischen“ Hasspredigern. Denn sie, so Heinz Fromm in seinem Dossierbeitrag, „nutzen ebenso wir die Islamisten eine Strategie der Ausgrenzung und Feindbilderzeugung“.

Besser lässt es sich nicht sagen. Den Fundamentalisten auf beiden Seiten keine Chance!

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