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31. Mai 2012

Deutsches Architekturmuseum: Verführung durch Elementarteilchen

 Von Christian Thomas
Die Vision aus dem Büro Barkow Leibinger war als temporärer Pavillon für das Deutsche Architekturmuseum gedacht.  Foto: DAM/Hagen Stier

Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt präsentiert eine prachtvolle Schau über Architekturmodelle. In unmittelbarer Nachbarschaft Werkzeuge und Fetische.

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Eines Tages war ihm wohl ein Halm zur Hand. Am Ende hing die Zukunft, der Plan war ein 120-geschossiges Spiralhochhaus, am Faden aus Garn. Vorgesehen als Gegenentwurf zu allen Hochhauskonventionen, war der 440 Meter hohe Turm abgeschaut der Natur, deren Rohrkolben (Typha latifolia), bezieht doch der schwache Halm seine Steifigkeit aus in sich verdrehten, gegeneinander gekrümmten Flächen. Fünfzig Jahre ist es heute her, dass Conrad Roland die Konstruktion eines Rohrs im Wind zur Hochhaus-Bauweise erklärte.

Das Ganze, die verdrehte Gestalt, überzog er mit einem Gewebe aus Garn. Gemeinsam mit dem Gebäudekern, den er einer flexiblen Wirbelsäule nachempfand, machte das Netzwerk das Gebilde zu einem Traum von Hochhaus – und das heißt ja: leicht schwankend, doch vorbildlich stabil.

Conrad Rolands Großtat war 146 Zentimeter hoch. Sie ist eines von 300 Objekten der Ausstellung „Das Architekturmodell – Werkzeug, Fetisch, kleine Utopie“ im Deutschen Architekturmuseum (DAM). Für die prachtvolle Akkumulation auf sämtlichen vier Geschossen des DAM sind 102 Exponate aus den derzeit 1240 Modellen der eigenen Sammlung ausgewählt worden, weitere 200 Objekte hat Oliver Elser als Leihgaben nach Frankfurt lotsen können, aus Büros, Museen oder Werkstätten; Rolands Schatz wurde aufgestöbert in einer Berliner Spedition.

Betörend sinnlich

Als Gegenentwurf zu den schlichten Zwillingstürmen des World Trade Center in Manhattan geplant, zählt Rolands Vision zu den betörend sinnlichen Versprechen der Architekturgeschichte. Waren doch die 1960er-Jahre die Gründerzeit der Leichtbaukonstruktionen, der Gewebe, der Gitter und Membranen – und so ist es nicht von ungefähr die unmittelbare Nachbarschaft zu Frei Ottos Schirm- und Zeltarchitekturen, in die sich Rolands Spiralturm fügt, als eine „kleine Utopie“, die jedoch bei keinem Bauherrn oder Investor verfing, obwohl verführerisch schön.

Das legendäre Modell des Potsdamer Einsteinturms wird durch die Ausstellung ein wenig entzaubert.
Das legendäre Modell des Potsdamer Einsteinturms wird durch die Ausstellung ein wenig entzaubert.
Foto: DAM/Hagen Stier

Attraktiv wurden Modelle spätestens in den Goldenen Zwanzigern, neben dem traditionellen Darstellungsrepertoire verdrängten sie zunehmend die suggestiven Perspektivzeichnungen. Programmatisch war der Satz Wassili Luckhardts zu verstehen, der Papier und Bleistift „beiseite“ gelegt und allenthalben das Kneten mit Ton und Plastilin durchgesetzt sah.

Mit dem Aufstieg der klassischen Moderne vor 90 Jahren setzte der Modellboom ein. Es war ein rigoroser Neuerer wie Walter Gropius mit seinen harschen Absagen an die Tradition, der an das Erbe der Anker-Steinbaukästen aus dem 19. Jahrhundert erinnerte. Gropius, dies vielleicht als Anekdote, hatte als sehr schlechter Zeichner seine Leute zur Darstellung des Zweidimensionalen – aber ganz abgesehen davon: Mit seinem Rückblick auf die Anker-Baukästen beschwor er die Aura des architektonischen Modellwesens. Und viele der Miniaturen später, nein, nicht eine jede, aber gewiss Norman Fosters luftige Hightech-Hüllen oder aber Gottfried Böhms feste Betonburgen sind so etwas wie Schwellenräume der Phantasie. Da muss man nicht einmal die Tür nehmen.

Goldene Zwanziger Jahre

Die Verführung hat Geschichte. Und so sind es denn einige historische Beispiele der architektonischen Modellbauweise, die das Entree in diese Schau bieten, zurück bis in die Gotik, die bereits, anders als in der Kunstgeschichte sehr gern kolportiert, das Kirchenmodell kannte; ja, der Gedanke an das „Himmlische Jerusalem“ fand sich ein in der Miniatur. Erst recht Renaissance und Barock stellten ihre monumentalen Herrlichkeiten zunächst im Liliputformat vor Augen – und so musste die Architekturmoderne, als sie daran ging, Gebautes zu simulieren, überhaupt nicht bei Null anfangen, um auf Reißbrettern Tabula rasa zu machen mit Gebautem, mit Stadtteilen, mit ganzen Städten.

Die Verführung durch das Modell kannte keine Grenzen mehr - exemplarisch in den megalomanen Planungen der Nazis. Es gibt davon eines in der Ausstellung. Es ist ein Demonstrationsstück, wie der Modellbau die städtebauliche Hybris von Architekten auf wahrhaftig kolossale Weise unterstützt. Erst recht mit Modellen ließ sich für Architekten, die sich als Sozialingenieure definierten, die urbane Zukunft regelrecht auswürfeln, darin die Bauwerke als Spielmasse, Verfügungsmasse einer technoiden Phantasie, und nicht nur der Japaner Arata Isozaki verhängte in den 1960er-Jahren mit seinem Plan für Tokio eine für das Individuum wenig erbauliche Zukunft. Der Betrachter im DAM darf dem Gedanken nachhängen, dass der Essay über das Modell als Topographie des totalitären Denkens noch geschrieben werden muss.

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