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22. Oktober 2012

Deutsches Historisches Museum: Das Haus für ein europäisches Deutschland

 Von Nikolaus Bernau
Das Deutsche Historische Museum in Berlin.Foto: dpa

Vor 25 Jahren wurde das Deutsche Historische Museum eingeweiht. Bis heute ist es eine der wichtigsten Museumsgründungen in Deutschland.

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Das hat keiner, das konnte wohl auch keiner vorhersehen. 1987 wurde im Reichstag, unmittelbar an der Mauer, aber gerade noch in West-Berlin gelegen, das Deutsche Historische Museum begründet. Heute weiß man: Es ist – gemeinsam mit dem im Februar 1990 begründeten Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn und dem 2001 aus der Taufe gehobenen Berliner Jüdischen Museum – vielleicht die wichtigste Museumsgründung im Deutschland der Nachkriegszeit. 1987 aber war das Projekt sehr umstritten.

Sechs Jahre zuvor hatte der damalige Regierende Bürgermeister Richard von Weizsäcker bei drei Historikern ein Gutachten in Auftrag gegeben. Sie sollten die Möglichkeiten für ein deutsches Geschichtsmuseum untersuchen. Seit sie 1982 ihr Papier über ein „Deutsches Historisches Museum“ abgegeben hatten, tobte der Streit um Sinn und Ziel des neuen Instituts. Helmut Kohl, selbst Historiker, hatte nämlich Weizsäckers Projekt begeistert zu dem seinen gemacht, zu einem Teil der „geistig-moralischen Wende“, die er seit seiner Wahl zum Bundeskanzler versprach. Nun fürchteten kunst- und kulturhistorische Museen, dass das künftige DHM vom Bund einen so großen Ankaufsetat haben würde, dass sie nicht mehr mithalten könnten. Föderalisten fürchteten einen neuen Zentralismus. Quasi in direkter Opposition zum DHM eröffnete 1992 das Haus der Geschichte Baden-Württenbergs. Ein ferner Nachklang der Debatte: Bayern will bis 2018 in Regensburg ein Museum der bayerischen Geschichte errichten. Viele Liberale und Linke fürchteten die Negierung der deutschen Schuld in einem Museum, das dezidiert der Geschichte der vergangenen 2000 Jahre gewidmet war. Konservative fürchteten hingegen die Reduzierung der deutschen Geschichte auf die NS-Zeit, die Demontage des Ideals vom Volk der Dichter und Denker, oder gar multikulturelles Durcheinander.

Was alle diese Kritiker Kohls von links wie rechts nicht ahnen konnten, waren der 9. November 1989 und seine Folgen. Das, was für viele Geschichte oder allenfalls vage Zukunftsvision geworden schien, nämlich die Idee eines deutschen Nationalstaats, wurde plötzlich zur politischen Möglichkeit und dann zur Wirklichkeit.

Damit war einerseits die wirtschaftliche und gesellschaftliche Saturiertheit der alten Bundesrepublik bedroht; der Protest Oskar Lafontaines gegen eine schnelle Vereinigung resultierte wesentlich aus dieser Besitzstandsverteidigung. Andererseits zeigten die Bürger der DDR spätestens bei den Wahlen vom 18. März, dass auch sie der Meinung waren, West-Deutschland sei auf der richtigen Seite der Geschichte gelandet.

Legitimations-Instrument der Wiedervereinigungspolitik

Das Projekt DHM konnte damit zur Überraschung auch seiner Unterstützer zu einem Legitimations-Instrument der Wiedervereinigungspolitik werden. Die letzte und einzige demokratische Regierung der DDR bestätigte diese neue Aufgabe quasi staatsoffiziell: Sie übergab das 1952 von der SED begründete Museum für Deutsche Geschichte (MDG) der Treuhandschaft des DHM. Damit war der direkte Konkurrent zuständig für das Schicksal eines der wichtigsten Instrumente der DDR-Geschichtspolitik. Im MDG hatten die umfangreichen, bis in die Zeit des preußischen Militärmuseums zurückreichenden Sammlungen dazu gedient, den Vorrang der Arbeiter- und Bauernklasse sowie das Gesetz des Historischen Materialismus durchzusetzen. Ein Geschichtsbild, das nun durch die Wirklichkeit widerlegt schien.

Das DHM reagierte zunächst ziemlich genau so wie viele andere Treuhänder, denen um 1990 DDR-Vermögen übertragen worden war: Die durch und durch vom Staatssozialismus geprägten Ausstellungen des MDG wurden ausgeräumt, die Mitarbeiter des Hauses entlassen, seine inneren Strukturen neu geordnet. Möglich war das, weil das DHM aus Rücksicht auf den bundesdeutschen Kulturförderalismus nicht als Bundesinstitution, sondern als GmbH begründet worden war. Bei dieser konnten sich die einstigen Angestellten des MDG wieder bewerben, und einige wurden nach Stasi-Überprüfung und bei fachlicher Eignung auch wieder eingestellt.

Einerseits ein Trauma. Andererseits auch eine Chance, die Gründungsdirektor Christoph Stölzl beherzt ergriff: Während etwa die Staatlichen Museen zu Berlin oder die Staatsbibliothek über Jahre mit ihrer Ost-West-Vereinigung zu kämpfen hatten, stürmte er vorwärts. Neben dem DHM erschienen die Preußen-Museen lange blass. Das DHM erhielt einen atemberaubenden Ankaufs- und Betriebsetat vom Bund, veranstaltete eine Ausstellung nach der anderen. 1998 begann die denkmalpflegerisch vorbildliche Generalsanierung des Zeughauses durch den Berliner Architekten Winfried Brenne, 2003 konnte auch der Anbau eröffnet werden, der nach den Plänen des von Helmut Kohl engagierten Sino-amerikanischen Architekten I.M. Pei errichtet wurde. Vor allem die Glaswendeltreppe und der dank Kalksteinzusätzen aus der Champagne erlesene Sichtbeton sowie das große Glasdach über dem Innenhof des Zeughauses erregten Aufsehen. Dass der Anbau viel zu klein und zu niedrig ist für große Ausstellungen und der Ehrenhof akustisch eine Katastrophe, wurde erst nach und nach deutlich.

Das Gesamt-Deutsche fehlte

Kohl war der erste Bundeskanzler, der aktive Geschichtspolitik machte. Er trieb die Planungen für ein Holocaust-Denkmal in Bonn und dann in Berlin voran, bewegte Ronald Reagan und Francois Mitterand zu hochsymbolisch aufgeladenen Freundschaftsgesten über den Soldatengräbern in Bitburg und Verdun. Dabei war Kohl keineswegs der einzige, der in diesen Jahren forderte, dass sich die Bundesrepublik der deutschen Geschichte stellen müsse. Ganz im Gegenteil: Seit den 1970er-Jahren waren etwa die Geschichtswerkstätten geradezu endemisch geworden. Doch was fehlte, war die große Erzählung, das Gesamt-Deutsche an den vielen Einzelberichten. Und genau diese sollte das Deutsche Historische Museum leisten.

Der eigentliche Glücksfall war deswegen die Berufung von Christoph Stölzl. Er hatte zuvor das Münchner Stadtmuseum aufgefrischt und sorgte nun dafür, dass mit durchaus kritischen Ausstellungen etwa zur deutschen Kolonialgeschichte die Angst zerstreut wurde, das DHM werde nur nationalistische Repräsentation betreiben. Er vor allem, weit mehr als sein Nachfolger Hans Ottomeyer, der vor allem durch eine ausgreifende Sammlungstätigkeit auffiel, versöhnte auch Liberale und Linke mit dem Projekt DHM, gab der Idee Kohls eine museale Grundlage, dass die bundesrepublikanische Gesellschaft nach Wiederaufbau und Wiedervereinigung einen neuen Kitt benötige: Den der selbstkritisch, aber in aller Fülle betrachteten Geschichte.

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