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Deutsches Literaturarchiv Marbach: "Ich bin seit langem der Ansicht..."

Eine Ausstellung in Marbach beleuchtet Suhrkamps Weg nach Lateinamerika. Von Judith von Sternburg

Dear Octavio: Verleger Siegried Unseld und sein Autor Octavio Paz (l.) 1992. Hinten: Cees Noeeteboom.
"Dear Octavio": Verleger Siegried Unseld und sein Autor Octavio Paz (l.) 1992. Hinten: Cees Noeeteboom.
Foto: dpa

Während sich die Leser eventuell auf die Welle argentinischer Literatur vorbereiten, die der Länderschwerpunkt der diesjährigen Frankfurter Buchmesse mit sich führt, blickt das Deutsche Literaturarchiv Marbach zurück in die Zeit, in der nicht alles, aber vieles begann.

Man liest also Siegfried Unselds Prognose aus dem Jahre 1973: "Ich bin schon seit langem der Ansicht, dass mutmaßlich die wichtigste Literatur des 21. Jahrhunderts die aus Südamerika sein wird." Und man liest, wie seine Berater Hans Magnus Enzensberger und die junge Literaturwissenschaftlerin Mechthild Strausfeld ihm in den Jahren zuvor genau dies souffliert hatten.

Denn die Schau "Cortázar, Onetti, Paz. Suhrkamps großer Süden" zeigt nicht nur schöne Fotos mit den Würdenträgern Octavio Paz und Unseld im vollen Bewusstsein ihrer Wichtigkeit. Oder Unselds zügig blattfüllende Handschrift auf einem Brief "Siegfrieds" an "Dear Octavio". Sondern vor allem bekommt der Betrachter (und Leser!) einen Eindruck vom zähen Geschäft der literarischen Entdeckung.

Wie Enzensberger 1963 in der Bibliothek Suhrkamp die Gedichte von César Vallejo herausgab, was noch recht folgenlos blieb. Wie er 1968 Unseld auf Gabriel García Márquez´ Roman "Hundert Jahre Einsamkeit" aufmerksam macht und ihn mit den "Buddenbrooks" verglich (über dem Brief wurde ein "leider zu spät" notiert, Kiepenheuer hatte sich die Rechte bereits gesichert). Wie die junge Literaturwissenschaftlerin Mechthild Strausfeld Unseld 1973 auf Julio Cortázars Roman "Rayuela" aufmerksam machte und ihn mit "Ulysses" verglich.

Wie sie und Enzensberger im Auftrag Unselds jeweils Listen erstellten, auf denen sich weitgehend die Namen finden, die uns heute als die selbstverständlichsten Vertreter der lateinamerikanischen Literatur erscheinen. Und wie sich daraus die große Suhrkamp-Offensive für die Frankfurter Buchmesse 1976 entwickelte, bei der parallel zum Herbstprogramm quasi ein zweites Programm mit Büchern aus Mittel- und Südamerika aufgelegt wurde.

Ahnungslosigkeit und Elan

Dass der erste Länderschwerpunkt einer Buchmesse "Lateinamerika" hieß, spricht Bände über die Fremdheit des Terrains (heute wäre der Schwerpunkt "Arabische Welt" so ein Beispiel). Und darüber, wie einflussreich Suhrkamp damals war. Mit einer anspruchsvollen "Zeitung" zum Programm lieferte der Verlag selbst dem Publikum das biografische und literaturwissenschaftliche Fundament gleich mit.

Jan Bürger, Leiter des Siegfried-Unseld-Archivs und Mitkurator der Ausstellung, macht freilich darauf aufmerksam, dass die Öffentlichkeit zunächst gar nicht so begeistert war. Nicht nur die Politisierung Lateinamerikas stieß auf Kritik von deutschen Beobachtern, die lieber über Poesie sprechen wollten. Auch die Fülle überforderte manchen. Wer solle das alles lesen, erklärte Marcel Reich-Ranicki, und seine hier bereits unnachahmliche Art wird noch unnachahmlicher, wenn man nachschiebt, dass er "alles in allem keine Sensationen" unter den Büchern fand. Unnachahmlich ist jedoch auch das Ausmaß, in dem sich der Verleger Siegfried Unseld davon nicht beirren ließ.

Beim heillos überfüllten Frankfurter Suhrkamp-Bankett wurden unter anderem Grüne Soße und Kartoffelsalat nach Hausfrauenart gereicht. So macht die Schau einen kleinen, großen Moment aus der einstmaligen Suhrkamp-Welt tatsächlich so lebendig, wie Papier es nur irgend kann. Die Ausstellung ist die erste in einer neuen Reihe, die "Suhrkamp-Insel" heißt und genau dies in den nächsten Jahren erreichen will.

Deutsches Literaturarchiv Marbach: bis 3. Oktober. www.dla-marbach.de

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  18 | 6 | 2010
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