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03. Oktober 2012

Deutsches Theater: Ich explodiere

 Von Dirk Pilz
Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza.  Foto: dpa

Also bin ich: Das Deutsche Theater bringt Rezas Stück "Ihre Version des Spiels" zur Uraufführung.

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Diese Inszenierung war schon vor ihrer Premiere ein Erfolg. Ausverkauft auf Wochen, mit zappeliger Vorglühpresse versehen. Dem Deutschen Theater ward die Ehre zuteil, das neue Werk der französischen Schauspielerin und Schriftstellerin Yasmina Reza zur Uraufführung zu verhelfen. Die ganz sichere Erfolgsnummer. Reza: Superstar der Gegenwartsdramatik, meistgespielt weltweit. Und „Ihre Version des Spiels“, das neue Stück: ein Text, bei dem die Regie nichts falsch machen, allenfalls nur weniger überzeugend aussehen kann. Eher mehr an diesem Abend, was Stephan Kimmig, der Regisseur, seinen vier mitwirkenden Schauspielmenschen zu danken hat. Denn Katrin Wichmann, Alexander Khuon, Sven Lehmann und vor allem Corinna Harfouch scheinen sich den Text geradewegs einzuverleiben. Sie spielen, als genössen sie die Freiheit einer sehr langen Regieleine.

Das passt. „Ihre Version des Spiels“ erzählt von der Schriftstellerin Nathalie Oppenheim, die in die französische Provinz reist, um in einer Lesung ihren neuen Roman „Das Land des Überdrusses“ vorzustellen. Es ist dies ein Buch, das von einer Schriftstellerin handelt, die soeben ihren neuen Roman „Ihre Version des Spiels“ beendet hat, der sie aber nicht erfreut, sondern „vollkommen entmutigt“. Es kommt ihr vor, „als wäre es das Buch eines anderen, das ich nicht mal besonders gern lesen würde“.

„Ihre Version des Spiels“ ist also ein Roman über einen Roman, über den sie, so will es Rezas pfiffigerweise gleichnamiges Stück, mit der Kulturjournalistin Rosanna Ertel-Keval vor Publikum spricht, was bei Reza heißt, dass es ein Gespräch über die verwinkelten Verhältnisse zwischen Roman im Roman und der Schriftstellerin zur Schriftstellerin im Roman ist. Die Journalistin hat es darauf abgesehen, herauszubekommen, was echt und was erfunden ist, was der Nathalie Oppenheim begreiflicherweise nicht preisgeben mag.

Das ist also der Konflikt: wo hört die Fiktion auf? Kann man das wissen, sollte man es? Er spielt auf philologischer, methodischer, psychologischer und, auch das, erotischer Ebene. Es geht um die weit verbreitete Eifersucht auf fiktive Figuren, um literarischen Voyeurismus, um Authentizitätswahn und Autorenkult. Dass der Text noch einen Bibliothekar und den Bürgermeister vorsieht, macht die Sache nicht komplexer, sondern vielförmiger. Vielgesichtiger.

Verdacht des Boulevardesken

Die Schwäche an Rezas Stück ist, dass die Figuren alles aussprechen, was ihnen durch Hirn und Herz rauscht. Das setzt es dem Verdacht des Boulevardesken aus. Die Stärke des Stückes ist, dass die Figuren alles, aber auch wirklich alles, aussprechen, was ihnen in Hirn und Herz rutscht. Das verleiht ihm die Aura einer existenziellen Radikalität. Stets entwerfen Rezas Theatertexte Gesprächsgrundsituationen, die mit stupender Zwangsläufigkeit eskalieren – alle ihre Stücke führen in Kommunikationsexplosionen. In „Gott des Gemetzels“, uraufgeführt von Jürgen Gosch, verfilmt von Roman Polanski, treffen sich zwei Ehepaare zum freundlichen Gespräch, weil sich ihre Jungs geklopft haben. Am Ende wird in eine Vase gekotzt und geschrien bis die Ehefassaden gefallen sind. In „Drei Mal Leben“, uraufgeführt 2000 von Luc Bondy in Wien (ganz große Sache damals, mit Susanne Lothar und Ulrich Mühe), werden drei Versionen eines Ehepaarenabends gezeigt, bis aller Liebeslack ab ist. Der Mensch ist bei Reza immer einer, dem man den Schleier herunterreißen muss, um sein wahres Gesicht zu sehen. Das macht ihre Stück so erfolgreich: der Glaube daran, dass der Mensch erst in der Katastrophe zu sich kommt. Und niemand sonst kann so schöne Dialoglocken auf besonders glatt polierten Glatzen drehen wie sie. Auch das ist eine Kunst.

Größer, bewundernswerter jedoch ist die Kunst einer Corinna Harfouch, die derart realistisch spielt, dass ihre Figur Risse bekommt. Sie nestelt am Haar, fingert am grellgelben Brillenetui, ruckelt mit dem Stuhl und nimmt jede Silbe wie eine heiße Kartoffel in den Mund. Es ist, als wolle sie ihre Nathalie Oppenheim vor Wirklichkeitsgehalt zum Platzen bringen, als wüchsen der Figur an den Rändern surreale Fransen, als würde sie vor lauter Überschärfe ins Unwirkliche, Gespensterhafte kippen. Sie erspielt sich ein seelisches Figurenmagnetfeld, dass man meint, alle anderen seien Ausfällungen ihrer Phantasie.

So scheu und hypernervös, wie sie am Beginn des Gesprächs mit Rosanna ist, so angeschossen sie von dieser durch Katrin Wichmann konsequent als journalistische Wadenbeißerin genommenen Konkurrenzfrau wirkt, so flatterig sie auf die Avancen des von Alexander Khuon zur Karikatur gewendeten Herrn Bibliothekar reagiert – wenn diese Nathalie explodiert, wenn sie auf den Tisch haut und knalllaut schweigt, wenn sie von der Bühne marschiert und den Rotwein in sich hineinschüttet, ist alles um sie herum Bestandteil der einen unverrückbaren Nathalie-Welt. Der Leitspruch dieser Figur lautet: Ich explodiere, also bin ich. Und es gibt keine raffiniertere Explosionsspielerin als Harfouch, weil niemand sonst so viele Neben- und Hauptwege findet, eine Situation eskalieren zu lassen. Das muss man gesehen haben.

Soeben ist übrigens Rezas Prosaband „Nirgendwo“ erschienen. Eines der Erzähl-Krumen heißt: „Der Ort des Vergessens“, dort steht: „Der Kummer ist sehr, sehr nah an der Freude.“ Das ist ihre literarische Grundüberzeugung: Alle Gegensätze liegen sehr, sehr nah beieinander. Bei einer Schauspielerin wie Corinna Harfouch werden sie ununterscheidbar.

Ihre Version des Spiels, 6., 9. 10., DT, Restkarten an der Abendkasse.

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