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Dichter des Unbewussten: Mann in der Menge

200 Jahre Edgar Allen Poe: Was es heute bedeutet, ihn zu lesen.

Es ist seltsam mit Poe, dem Dichter des Unbewussten, der Bilder und Gleichnisse für unsere Ängste und heillosen Seelenzustände gefunden und mit Erzählungen wie "Der Doppelmord in der Rue Morgue" oder "Das verräterische Herz" der Literatur neue Räume erschlossen hat; mit jenem vom Unglück in jeder Form, vor allem aber von Armut, Schwindsucht und Alkohol verfolgten Menschen, dessen sich allein auf Verstand und Einfühlungsvermögen verlassender Detektiv Auguste Dupin das Vorbild für all die Besserwisser vom Schlage Sherlock Holmes', Hercule Poirots oder Maigrets bis hin zu den Profilern der Vorabendserien abgegeben hat und abgibt und der zum ersten Mal ein Verbrechen aus der Sicht des psychopathischen Täters geschildert und damit der Rollenprosa eine ungeahnte Richtung gegeben hat. Die sich durch ihr Reden selbst entlarvenden Psychopathen der Weltliteratur haben in dem auf das Klopfen unter den Dielen lauschenden Mörder ihren Ahnen.

Wer sich mit Poe beschäftigt, stößt unweigerlich auf die Frage nach der Wirklichkeit. Was ist das? Nur das Sicht- und Anfassbare? Oder auch das in der Gedanken-, Vorstellungs- und Phantasiewelt Existente? Auch das also, was man, ohne es zu wissen, mit sich herumträgt, was als Möglichkeit in einem schlummert und einen nachts in Schrecken versetzt. Für Poe (und nach Poe) ist klar, dass auch das Wirklichkeit ist, und nicht nur, weil es sich unter Umständen in Handlungen oder Unterlassungen manifestiert.

Man kann die Bedeutung Poes gar nicht hoch genug ansetzen. Und doch, muss ich gestehen, hat er auf mich nie eine ähnliche Anziehungskraft ausgeübt wie der zehn Jahre jüngere Melville oder die um einiges älteren deutschen Romantiker, von denen eine Linie zu Poe führt. Obwohl ich ein Liebhaber spannender Geschichten bin und obwohl Poes Erzählungen alle Ingredienzien der Spannungsliteratur enthalten, blieb ich oft unberührt. Sein Poem "The Raven" ist eins der von mir am meisten bewunderten Gedichte. Aber in seinen Erzählungen steckte für meinen Geschmack immer eine Spur zu viel Emphase, zu viel auch an Schreckensbeschwörung und Berechnung, um mich wirklich in Bann zu schlagen. Die Emphase mag dem romantischen Lebensgefühl geschuldet und die Berechnung notwendig sein, um das Undurchsichtige nachvollziehbar zu machen, aber es führte dazu, dass ich bei aller Hochachtung auf Abstand blieb und Poe in eine Ecke mit C.R. Maturin und Mary W. Shelley stellte.

Daran hat sich erst beim Wiederlesen eines Textes etwas geändert, der, wie mir scheint, gar kein typischer Poe-Text ist, nämlich "Der Mann in der Menge": Eine eingangs genau beobachtende, mal wütend-, mal nüchtern-spöttische Flaneursprosa, die sich nach der Beschreibung von Straßenszenen zur Erzählung weitet und in der anders als in den meisten Poe-Erzählungen nicht der Versuch unternommen wird, dem dann doch auftauchenden Geheimnis durch Erklärung einen Platz in der Verstandeswelt zuzuweisen und es so zu bändigen.

Der namenlose Ich-Erzähler, von dem wir nur erfahren, dass er kürzlich von einer längeren Krankheit genesen ist, sitzt in einem Londoner Café, als ihm durchs Fenster das verlebte Gesicht eines alten Mannes auffällt, in dem er "große Willenskraft, Vorsicht, Knauserigkeit, Raffgier, Gefühlskälte, Heimtücke, Blutdurst, Triumph, Lustigkeit, maßlosen Schrecken und große, ja grenzenlose Verzweiflung zu erkennen" glaubt. Er ist vom Anblick des Alten so fasziniert, dass er auf der Stelle zahlt, hinausrennt und ihm nachgeht, in der Hoffnung, "mehr über ihn zu erfahren". Er folgt ihm kreuz und quer durch die Straßen, durch Basare, Läden und Kneipen, einen Tag, einen Abend, eine Nacht und noch einen Tag lang, um am Abend des zweiten Tags erschöpft festzustellen, dass der andere ihn nirgendwohin geführt hat und wohl auch nirgendwohin führen wird, an keinen Ort, an kein Ziel, aus dem sich ihm die Identität des Alten erschließen würde, sondern dass dieser wohl - ohne auszuruhen, ohne je anzukommen - immer so weiterziehen wird.

"In diesem alten Mann", lässt Poe seinen Ich-Erzähler resümieren, "sind das Urbild und der Geist des tiefsten Verbrechens verkörpert. Er weigert sich, allein zu sein. Er ist der Mann in der Menge."

Also doch eine Erklärung? Nein, und wenn, dann eine, die das Geheimnis nicht lüftet, sondern vertieft. Worin besteht das Verbrechen des durch sein unermüdliches Herumgehen längst über die Statur einer realen Person hinausgewachsenen Alten? In seiner Weigerung, allein zu sein? Dann hätte Poe in ihm das Porträt einer aus Angst vor der Einsamkeit nie zur Ruhe kommenden, sich zwanghaft unter Menschen aufhaltenden, vom Kontakt zu ihnen abhängigen, aber nie in Beziehung zu ihnen tretenden, einer, wie es einmal heißen wird, "außengeleiteten" Person entworfen, die erst ein dreiviertel Jahrhundert später als Prototyp des modernen Menschen ins Bewusstsein rücken wird. Sieht man, wie Poe die um 1840 neben New York größte Stadt der Welt als Moloch und Bühne der Eitelkeiten beschreibt, drängt sich diese Lesart auf. "Ich sah die Passanten als Masse", heißt es einmal, "und stellte sie mir in ihren Gesamtbeziehungen vor". Ein Satz, der ins Auge springt, da er wie aus Canettis erst 120 Jahre später zum ersten Mal aufgelegten sozio-philosophischen Hauptwerk "Masse und Macht" entliehen scheint und einen in dieser Sicht bestärkt.

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Autor:  Gert Loschütz
Datum:  17 | 1 | 2009
Seiten:  1 2
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