Herr Sen, in Ihrem Buch „Die Idee der Gerechtigkeit“ nehmen Sie die Ungerechtigkeit zum Ausgangspunkt Ihrer Untersuchung – und nicht etwa das utopische Ideal einer gerechten Gesellschaft. Was sind die Konsequenzen einer solchen Vorgehensweise?
Zunächst einmal verfügen wir oftmals über einen starken Sinn für Ungerechtigkeit. Ob wir nun mit Unberührbarkeit oder Sklaverei etwa in Indien und Folter anderswo in der Welt konfrontiert werden: Unser erstes unmittelbares Gefühl ist – und zwar in einem höchst natürlichen Sinne – eines der Ungerechtigkeit. Das heißt zwar nicht, dass wir darin übereinstimmen würden, wie eine vollkommen gerechte Welt aussehen könnte. Und doch stimmen wir stillschweigend darin überein, dass Sklaverei und Folter ungerecht sind. Unser Fokus ist also mehr auf Ungerechtigkeit als auf Gerechtigkeit gerichtet. Auch die Politik bezieht sich auf Ungerechtigkeiten, weil keine Politik, die wir bevorzugen würden – weder Gesundheitsversicherungen in den USA oder eine Art Beschäftigungsgarantie in Indien – die Welt vollkommen gerecht machen kann. Sie wird, so die Hoffnung, die Welt nur ein wenig weniger ungerecht machen.
Amartya Sen ist Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftsphilosoph. Er wurde 1933 in Indien geboren und ist heute Professor der Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts). 1998 erhielt Sen den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomie, zur Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung und zum Lebensstandard. Sein jüngstes Buch „Die Idee der Gerechtigkeit“ (vgl. FR vom 7. Oktober 2010) erschien 2010 im Verlag C.H. Beck. FR
Und genau an diesem Punkt beginnen die Schwierigkeiten der üblichen Gerechtigkeitstheorien. Typischerweise beginnen alle Mainstream-Theorien zur Gerechtigkeit mit der Frage: Wie würde eine vollkommene Welt aussehen? Dies ist häufig unmöglich und in jedem Fall ist es ein unnötiger Umweg. Wir werden nicht alle darin übereinstimmen, wie eine perfekte Welt aussehen mag. Einige werden sagen, dass Gleichheit in ökonomischen Ausgangsbedingungen Vorrang habe, während andere die menschliche Freiheit höher stellen werden. Wir können über diese Themen diskutieren, aber wir müssen diese Debatten nicht beilegen, um darin übereinstimmen zu können, was notwendig ist, damit die Welt ein bisschen weniger ungerecht ist. Wenn die Beseitigung der Ungerechtigkeit das Ziel ist, dann ist es der falsche Ausgangspunkt mit der Frage zu beginnen, was eine vollkommene Welt ausmacht.
In Ihrem Buch nehmen Sie Bezug auf die indische Philosophie, genauer auf die Begriffe „Nyaya“ und „Neeti“. Was versteht man unter diesen Begriffen, worin unterscheiden sie sich und warum ist ihre Unterscheidung wichtig?
Die Unterscheidung von „Nyaya“ und „Neeti“ ist kein ausschließlicher Teil des indischen oder fernöstlichen Denkens. Dieser Kontrast erscheint in unterschiedlicher Form überall. Es gab eine um Klarheit bemühte Diskussion über die Unterscheidung beider Begriffe in der indischen Philosophie. Die Idee von „Neeti“ bezeichnet die Korrektheit von Institutionen, einschließlich der Regeln des richtigen Verhaltens, während „Nyaya“ erfasst, was entsteht und wie es entsteht, und besonders darauf achtet, welches Leben die Menschen tatsächlich führen. Somit umfasst „Neeti“ alles über Regeln, Übereinkünfte und Institutionen. Es geht bei diesem Begriff nicht darum, was man von ihnen schließlich erhoffen kann. Im Kontext der Demokratie mögen demokratischen Institutionen vielleicht existieren, aber ihre Nützlichkeit kann beschränkt sein, teils durch unsere eigenen Fehler, weil wir uns nicht genug einbringen, teils wegen der Funktionen der Medien oder der Handlungen der politischen Parteien. Sie können zu einem ernsthaften Konflikt zwischen den Absichten von Neeti und der wirklichen Realisierung von Nyaya führen.
Meinen Sie, dem Verhalten der Menschen wird in den Entwürfen der Gerechtigkeitstheorien nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt?
Menschen denken über ihr Verhalten nach. Aber oft spielt es nur eine untergeordnete Rolle. Man setzt die richtigen Institutionen ein und hofft, optimistischer Weise, dass sich alles zum Besten fügen wird. Wie in der Demokratie. Es gibt Wahlen, was willst du mehr? Tatsache ist aber, dass man viel mehr benötigt, um eine Demokratie zu realisieren. Du brauchst dein eigenes Engagement mit dem vieler anderer zusammen. Es bedarf der Unterstützung vonseiten einer interaktiven Politik, es bedarf energischer Medien, es bedarf mutiger und innovativer Redakteure.
Bleiben wir beim menschlichen Verhalten: Wie kommt es, dass zum Beispiel in Indien Hungersnöte recht gut verhindert werden, während die Unterernährung in der größten unterernährten Bevölkerung der Welt nicht verhindert werden kann?
Es bedarf keines tiefgehenden Denkens, um Hungersnöte zu stoppen. Das durch Hungersnöte verursachte Elend ist so extrem, dass es einfach ist, Mitgefühl zu haben. Hingegen ist eine sich fortsetzende, wenngleich nicht akute Unterernährung eine viel kompliziertere Notlage, die eine tiefergehende gedankliche Analyse ebenso erfordert wie ein intelligentes Verstehen ihrer bösartigen Folgen. Dies sind die fehlenden Textstücke des Verhaltens, von denen ich vorhin gesprochen habe. Die Tolerierung der Unterernährung spiegelt unsere intellektuelle und politische Faulheit wider. Wir denken nicht genug über menschliche Entbehrungen in all ihren Manifestationen nach. Es ist keine Frage der moralischen Erziehung, wie etwa in der Sonntagsschule, sondern eine Aufgabe, etwas umfassender über unsere Rolle in der Gesellschaft in unserem täglichen Leben und unseren politischen Aktivitäten nachzudenken. Wir sollten über unseren eigenen Interessen nicht vergessen, dass wir in einer Gesellschaft leben und andere Menschen mit uns leben. Wir hören einander, wir lernen voneinander, wir widersprechen einander und manchmal ändern wir unsere Sichtweise auf der Grundlage geführter Diskussionen. Darauf sollten wir unseren Blick stärker richten. Öffentliches Denken kann eine starke Wirkung auf unser Denken und unsere Handlungsprioritäten ausüben. Und das kann auch unsere täglichen Aktivitäten beeinflussen.
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