Es gibt eine wunderbare kleine Erzählung des Schriftstellers Herman Melville. Sie heißt in der deutschen Übersetzung „Bartleby der Schreiber“ und handelt von einem jungen Mann, der bei einem Anwalt in der Wall Street Arbeit als Hilfskraft gefunden hat. Bartleby erweist sich zwar erst als willig, sagt aber bald bei jeder Aufgabe, die seiner Ansicht nach nicht zu seinem Arbeitsfeld gehört, den Satz „Ich möchte lieber nicht“.
Ein wenig erinnern die Grünen derzeit an Bartleby, jedenfalls ein Teil der Grünen, manche linke, viele von der Basis der Partei. Die Umfragen der vergangenen Monate, die 20 Prozent und mehr an Zustimmung zutage fördern, scheinen die Partei zu erschrecken. Und wenn es um die Frage geht, ob man nun kraftvoll nach mehr Verantwortung streben soll, hört man ein zaghaftes „Ich möchte lieber nicht“. Was sich alle anderen Parteien wünschen würden – steigende Mitgliederzahlen und steigende Zustimmung bei Wählern – die Grünen stürzt es in Verwirrung. Die Partei ahnt wohl, dass diese Situation sie endgültig aus ihrem Oppositionsparadies vertreiben wird. Sie weiß aber nichts mit dem vorläufigen Ende ihrer eigenen Schöpfungsgeschichte anzufangen.
Das hat auch damit zu tun, dass die Grünen nicht wissen, warum die Wähler ihr derzeit in Scharen zulaufen. Sie haben Angst, es könne sich um eine Blase handeln, wie man sie bei der FDP im vergangenen Jahr beobachten konnte. Nüchtern betrachtet, ist die Angst der Grünen unberechtigt. Die Anhänger scheinen dieser Partei in großer Rationalität zu folgen. Sie erwarten von den Grünen Konsequenz in der Sache und Kompromissfähigkeit im Handeln. Eine Kombination, die offenbar anderen Parteien immer weniger zugetraut wird.
Eine Partei der Mitte
Wenn die Grünen selbst also jetzt darüber diskutieren, ob sie eine Volkspartei oder ob sie gar in der Mitte angekommen sind, so machen sie einen Denkfehler. Die Grünen sind nur insofern eine Volkspartei, als ihre Themen inzwischen fast alle Milieus erreicht haben. Bei einer Umfrage über das Umweltbewusstsein in Deutschland ist jüngst der Umweltschutz bei der Frage der Wichtigkeit bei den Bürgern an die dritte Stelle nach Arbeitsmarkt und Finanzpolitik gerückt. Das heißt, die Bürger sehen das Thema Umwelt nicht mehr als Randbereich, als Additiv, als Schönwetter- oder Luxusthema, sie sehen es als ein Problem, das im Zentrum von Politik zu stehen hat. Wenn man zudem bedenkt, dass den Grünen von mehr als 60 Prozent der Bürger bei der Umweltpolitik die höchste Kompetenz im Konzert der Parteien zugesprochen wird, ist es nicht verwunderlich, dass die Zustimmung wächst.
Reden die Grünen allerdings über sich als Volkspartei, beginnen sie, die Klarheit und Kompetenz bei diesen Themen zu verwässern. Wie überhaupt die Grünen glauben, um Volkspartei zu sein oder zu bleiben, müssten sie sich weichspülen. Sie kritisieren den Papst nicht mehr, sie sind für Olympia in Bayern, sie möchten am liebsten nicht dabei erwischt werden, eine Vermögensabgabe zu fordern. Kurzum, sie tun das Gegenteil dessen, weshalb die Wähler sie attraktiv finden.
Bürgerliche Herkunft
Walter Mossmann, Freiburger Liedermacher der Anti-AKW-Bewegung, aber selbst kein offizielles Grünen-Mitglied, hielt auf dem jüngsten Parteitag eine bemerkenswerte Rede. Er räumte auf mit dem Irrglauben, die Grünen seien eine Partei, die vom Rand der Gesellschaft komme und sich auf die Mitte zubewegt habe. Mossmann erklärte der irritiert lauschenden Partei, woher sie kommt: Aus den Dörfern im Südwesten, aus dem niedersächsischen Wendland, aus den Kleinstädten, aus den Tiefen der deutschen Länder. Die damals organisierte Linke aus den K- und sonstigen Gruppen hat bei den Urgrünen angedockt, hat sie allerdings jahrelang auch dominiert. Doch die Wurzeln der Grünen sind, auch wenn die Partei sich manchmal fast dafür schämt, bürgerlich.
Wenn mehr als 20 Prozent der Wähler den Grünen ihre erste Präferenz geben, wenn sie in Bundesländern wie Baden-Württemberg dies in dem Bewusstsein tun, dass die Grünen möglicherweise stärkste Kraft sind und den Ministerpräsidenten stellen, dann setzen sie auf diese Bürgerlichkeit. Die Grünen aber sind weit davon entfernt, diese Dimension verstanden zu haben. Die Führung tritt ohne Not die Flucht nach vorn in die weichgespülten Positionen an. Viele an der Basis – vor allem viele Linke – sehen trotz Regierungsbeteiligungen und Verantwortung in den Kommunen Politik immer noch als Kampf und den Kompromiss nicht als das Wesen der Demokratie, sondern als ein im besten Fall notwendiges Übel. Das geht einher mit der unerschütterlichen Vorstellung, Grüne wüssten alles besser und behielten am Ende Recht. Diese Haltung ist es, die den Grünen bei ihrer neuen Verantwortung im Wege steht. Denn Verantwortung, die einem von 20 Prozent aufgegeben wird, braucht in erster Linie das: ein offenes Ohr.
Es gibt derzeit bei den Grünen nur einen Politiker dieses Typs: Winfried Kretschmann, Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Baden-Württemberg. Sollten die Grünen in Stuttgart in die Verantwortung kommen, wäre Kretschmann ein Glücksfall. Denn mehr Fähigkeit zum Ausgleich und Kompromiss als in dem völlig verfahrenen Streit um den Bahnhofsneubau ist derzeit nirgendwo gefragt. Und alle Grünen könnten üben: Denn wie man jenseits wohlfeiler Ankündigungen Bürger tatsächlich stärker beteiligt, wird für die Grünen ein Überlebensthema werden.
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen