Spätnachmittags, wenn es bereits zum frühen Abend hin geht, ist das Verbraucheraufkommen auf der Zeil besonders groß. Als Zeilverbraucher und Frankfurter befindet man sich dann in einer speziellen Zeilstimmung. Sie hat aber nicht so sehr damit zu tun, dass man immer wieder auf Berichte (es sind Wirtschaftsberichte, für die ich nun mal anfällig bin) stößt, die belegen, dass die Zeil, auch wenn sie in den letzten Jahren kein Prosperitätsriese mehr war, doch weiterhin zu den Umsatzriesen, ja Absatzrekordhaltern unter den deutschen Einkaufsmeilen zählt. Die Zeilstimmung besteht vielmehr darin, dass diese Einkaufszone gerade an Spätnachmittagen auf den Beobachtenden den Eindruck heilloser Überbevölkerung macht.
Mit der Menschendichte auf der Zeil steigen zwangsläufig die Hast und der Durchsetzungswille der Zeilbenutzer, die offensichtlich keine Zeit mehr haben. Wenn ich auf der Zeil stehe und sie hinauf- oder hinabschaue, bin ich sicher, dass auf den Zeilbenutzer ununterbrochen das Gefühl der Zeitknappheit einwirkt wie ein Verhängnis.
Mit "MyZeil" wird Ende der nächsten Woche ein neues Einkaufszentrum an der Frankfurter Zeil eröffnet. Bereits vor Wochen nannte die Oberbürgermeisterin der Stadt, Petra Roth, die Wortschöpfung "geradezu genial".
"MyZeil" aus dem Architekturbüro von Massimiliano Fuksas ist eine Herausforderung. Sie verlangt die radikal subjektive Perspektive.
In dieser Situation (kaum dass diese Tatsache nicht mehr an mir nagt) geht mir auf, dass man auf der Zeil nicht untätig geblieben ist. Denn auf dieses grundlegende Zeilproblem haben die Manager und Architekten von "MyZeil", wie das neueste Einkaufszentrum getauft wurde, reagiert. "MyZeil", ein Name, den die Oberbürgermeisterin der Stadt als "geradezu genial" bezeichnet hat, ist natürlich eine Formulierung, durch die man sich als Individuum bis zum Äußersten herausgefordert sieht. "MyZeil" versetzt den Verbraucher in eine monumentale Ichkonsum-Stimmung.
Zu diesem Zweck haben Architekten und Manager alles getan, um mir den Einlass in "MyZeil" zu ebnen. Um zu verhindern, dass ich den Einlass zu "MyZeil" in meiner ganzen Hast übersehe und/oder verfehle, ist er so üppig gestaltet worden wie kein zweiter, Galeria Kaufhof und Karstadt, Nike Town oder P&C inbegriffen.
Noch ist dem "MyZeil"-Konsumenten sein Einlass nicht übergeben worden. Aber als Individuum fühle ich mich schon vor Eröffnung von "MyZeil" aufgerufen, mich zu orientieren, und so mische ich mich unter die in Höhe ihres zukünftigen Eingangs stockende Menschenmenge. Was sich da am Bauzaun bildet, könnte man einen Pulk nennen.
Mir dagegen geht es bei diesem Menschenauflauf eher wie bei einem Bienenkorb; es ist nämlich ein unaufhörliches Kommen, Verharren und Gehen. Kaum wird der Pulk/Bienenkorb von einem "MyZeil"-Beobachter, der sich satt gesehen hat, verlassen, wird er schon vom nächsten Neugierigen aufgefüllt.
Immer wieder kommt es dazu, dass der Bienenkorb sogar anschwillt. Das damit verbundene Ausweichen der Zeilverbraucher um den Bienenkorb herum geht nicht ab, ohne dass es zu einem Gedränge kommt, in dessen Gefolge sich die beiden Zeilhauptströme, der eine von Osten nach Westen, der andere in entgegengesetzter Richtung, aufstauen, verwirren und ineinander verstricken.
Damit aber zeigt sich nicht jeder Zeilbenutzer einverstanden. Ein Mann, um diese Zeit (spätnachmittags) wahrscheinlich ein Frührentenverbraucher oder Hartz-IV-Konsument, schaut mich an. Er tut es mit einem langen Gesicht, aber er sagt nicht, wie tief er ganz offensichtlich von der ganzen Situation um ihn herum enttäuscht ist. Auch die Pöbeleien, die wir beide, ob freiwillig oder unfreiwillig (wie ich), zu hören bekommen, sind eine Folge davon, dass sich der Querschnitt der Zeil, direkt vor "MyZeil", in den letzten Monaten immer wieder dramatisch verändert hat.
Normalerweise sind für die Veränderung des Zeilquerschnitts (das ist der Zwischenraum zwischen den sich gegenüberliegenden Zeilfassaden) Bettler, Tätowierer, Jongleure, überhaupt ganz unterschiedliche Klein- oder auch Lebenskünstler verantwortlich, darunter auch Punker. Nicht dass sie, die Lebens- und Kleinkünstler, den Menschenstrom, den Zeilfluss auf gleiche Weise aufstauen, sie tun es höchst unterschiedlich. Wobei die Zeilverbraucher gerade gegenüber den Jongleuren ohne weiteres Geduld zeigen. Dem in den Pluderhosen à la Mongolei und dem Westchen sehen sie, wenn er mit seinen Gläsern arbeitet, geradezu wehmütig zu, weil er wie ein Zugvogel immer wiederkommt und den Zeilzuschauer an die seit seinem letzten Zeilaufenthalt verflossene Zeit erinnert, ganz anders als die permanenten Punker. Für einen Moment frage ich mich, wie abgefetzt die Zeilfassaden eigentlich noch werden müssen, damit die Punker sich nicht mehr unwohl fühlen. Aber schon im nächsten Moment möchte ich keine Antwort mehr auf meine Frage, weil sie mir asozial vorkommt.
Ich sehe weitere Gesichter vor dem Bauzaun von "MyZeil". In vielen von ihnen liegt ein ungläubiges Staunen, in anderen wiederum eine deutliche Erwartung. Ein ganz anderer Beobachter der Vorgänge auf der Baustelle hält eine Pommes-frites-Papiertüte in der einen Hand, hat eine Einkaufstasche und zwei pralle Plastiktüten zwischen seine Waden geklemmt, damit er sich mit der anderen Hand füttern kann.
Unter den (mich) Umstehenden macht sich immer wieder eine gewisse Aufgekratztheit breit, die der "MyZeil"-Schauseite gilt. Direkt neben mir steht ein Pärchen, und während der Mann mit dem Finger auf die dunkle und trübe und eigentlich recht undurchsichtige "MyZeil"-Glasfront deutet, flammen hinter ihr stoßweise blaue Lichtpunkte auf. Sie versprühen einen gelben Funkenregen.
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen