Das einprägsamste Bild des Abends ist ein Dia. Es zeigt eine trostlose Sackgasse in Berlin. Aus einigen Fenstern der Mietskasernen hängen Hakenkreuz-Fahnen. Am Ende der Gasse prangt ein Schild in großen Lettern: "Erst Essen, dann Miete", steht da.
Deutschland am Vorabend der Machtergreifung wird in Carola Moritz' Inszenierung von "Das kunstseidene Mädchen" nach der Romanvorlage von Irmgard Keun (Bühnenfassung Gottfried Greiffenhagen) in der Katakombe in Frankfurt wieder greifbar. Dazu tragen nicht zuletzt Lieder wie "Küss mich Schnucki Putzi!" bei, kess vorgetragen von Mirjam Tertilt, die die Doris gibt.
Die 18-Jährige ist ein typischer Flapper: Tagsüber tippt sie in einem Anwaltsbüro, nachts reißt sie Männer in Jazzclubs auf. Doch auf der Jagd nach dem mondänen Leben, das sie im Tagebuch festhält, gerät sie in den Abwärtsstrudel von Wirtschaftskrise und Zerfall der Weimarer Republik.
In der naiven Alltagssprache von Doris entstehen scharf umrissene Bilder. Von der wachsenden Frauenarmut und von Männern, denen sie begegnet, und die Hitlers Machtergreifung nicht zu verhindern wissen: Sie sind selbstgefällig und verlogen.
Tertilt schreit, weint, flüstert diese Sprache heraus. Und wenn sie singt, verwandelt sich das junge Mädchen in "ein Glanz", einen verruchten Star mit rauer Stimme. Der Kontrast ist atemberaubend und mitreißend. Kostüm und Ausstattung bleiben dabei Nebensache (sie hätte auch einen Jogging-Anzug tragen können).
Alles passt zusammen: Das kleine Off-Theater, das Flapper-Mädchen, der faule Sonntagabend.
Die Katakombe, Frankfurt: 29. März, 5., 26. April. www. katakombe.de
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