Die Vorverlegung der Oscar-Verleihung hat auch eine erfreuliche Seite. Einerseits kann sie die Berlinale stören, weil große Hollywood-Produktionen zugunsten einer Nominierung dort den Wettbewerb hier nicht abwarten. Andererseits entwickelt der Oscar Leuchtkraft in Bezug auf die vergangene Berlinale: Sehs Filme der Berlinale 2011 sind für das Oscar-Ranking aufgestellt. Das wirkt wie eine gut getimte Rehabilitierung für den Berlinale-Chef Dieter Kosslick nach der Kritik von 2011. Jetzt kann er gelöst dem neuen Jahrgang mit 18 Weltpremieren entgegensehen. Wobei Kosslicks gute Laune nicht von solchen Nachrichten abhängt, sondern offenbar wesenseigen ist. Ein Gespräch vor dem Auftakt zur 62. Berlinale, die vom 9. bis 19. Februar in Berlin läuft.
Dieter Kosslick, Jahrgang 1939, war Redenschreiber, Büroleiter des Ersten Bürgermeisters in Hamburg, Redakteur und Leiter diverser Filmorganisationen, bevor er 2001 die Berlinale übernahm. Hier führte er jedes Jahr neue Sparten wie den Talent Campus ein.
Herr Kosslick, was macht Sie unruhig, zwei Wochen vor Beginn der Berlinale?
Wenn Sie mich so fragen, morgens um zehn, bin ich eigentlich ganz ruhig. Still ruht der See. Seit das Programm fertig ist, komme ich früh zur Arbeit mit der Frage: Ist was passiert? Aber ich sehe es auch schon beim Blick ins Büro.
Sie meinen die Frage: Hat jemand abgesagt?
Diese Formulierung existiert bei uns nicht. Es gibt, glaube ich, auch nur zwei Kandidaten, die wackeln. Und wir schauen mal, wohin die Filme wackeln, ob nach Berlin oder nach Hollywood.
Wie viele Filme haben Sie für den Wettbewerb gesichtet?
Mehr als 200, denke ich. Ist ja jetzt auch schon wieder ein halbes Jahr her. Wie wir die Filme überhaupt in verschiedenen Stufen anschauen. Also was im Sommer gesichtet wurde, muss ja im Herbst nicht mehr verfügbar sein. Ich könnte es auch präzise sagen, weil wir ja in Deutschland sind und alle 6185 Filme Eingangsstempel tragen, eine Nummer und ein Blatt zum Film, wann er geguckt wurde und welche Bemerkungen es dazu gibt. Es bedarf eines ausdifferenzierten Systems, aber wir schaffen das.
22 Filme für den Wettbewerb sind bestätigt, einer fehlt noch. Haben sich Ihre Auswahlkriterien verändert mit den Jahren?
Schwer zu sagen. Man kann ja immer nur aus dem auswählen, was es gibt. Und natürlich ziehen wir nicht die besten Filme eines Jahres aus einer Schachtel und fertig ist das Festival. Wir wollen Weltpremieren, möglichst nichts nachspielen. Na gut, mit dem amerikanischen Sundance-Festival haben wir ein Übereinkommen, dass wir amerikanische Independents zeigen, die dort schon liefen. Aber lieber sind uns die Weltpremieren, logisch. Dieses Jahr sind alle 18 Filme im Wettbewerb Weltpremieren. Auch der Film, der noch aussteht.
Durch die Vorverlegung des Oscar-Termins ist es für die Berlinale schwerer geworden, Hollywood-Filme zu zeigen.
Sicher, gefragt wird immer, warum wir Martin Scorseses „Hugo (Cabret)“ nicht zeigen. Ganz einfach: Weil er seit Monaten weltweit im Kino läuft. Wir werden trotzdem viel Hollywood in Berlin haben.
Ihre Filme sollen den Zustand der Welt spiegeln. Sie setzten 2012 den Schwerpunkt auf Rechtsterrorismus – ist das eine auch im Film abgebildete internationale Entwicklung oder ein eher deutsches Problem?
Vielleicht war das eine zu frühe Feststellung. Heute sage ich: Das Programm hat viel mit Auf- und Umbrüchen zu tun, sowohl fiktional als auch dokumentarisch. Es geht darum, dass sich wirklich was verändert. Einige Dokumentarfilme haben wir zum Arabischen Frühling zusammengestellt. Vor fünf Jahren beschäftigten sich die Filme mit der Globalisierung, heute geht es um deren Folgen. Der Eröffnungsfilm, das französische Revolutionsdrama „Les Adieux à la Reine“ mit Diane Kruger, zeigt die letzten 48 Stunden vor einer Weltrevolution, vor der Guillotinierung von Marie Antoinette. Ein Kostümfilm mit spannenden Vorgängen in einer Umbruchsituation. Diese 48 Stunden sahen bei Mubarak – dessen erzwungener Rücktritt sich während der Berlinale jährt – vielleicht ähnlich aus. Wenn man nichts mehr hat, geht’s einem doch ums Leben. Da werden alle irgendwie gleich. Diese Fragen ziehen sich sehr durch das Programm.
Der Wettbewerb geht mit einigen sehr jungen, wenig bekannten Regisseuren an den Start, darunter Miguel Gomes oder Edwin. Das ist doch sehr riskant.
Ja. Aber so darf man nicht rangehen. Und dieser berühmte Edwin aus Indonesien, also ich darf hier ja nichts bewerten, aber der hat einfach einen Film gemacht mit einem ziemlichen Charme, der aus der Rolle fällt. Ich weiß nicht genau, wie alt der ist, natürlich jung, er hat uns überzeugt. Wir wollen schließlich nicht zwölf Filme aus Deutschland nehmen, acht aus Frankreich und einen aus Asien. Wir wollen gute Filme aus verschiedenen Kontinenten. Aber man kann nicht alle Matrixen drauflegen, und politisch korrekt auch noch 50 Prozent Frauenanteil einhalten.
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