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22. Juli 2014

Digitale Revolution: Die letzte Chance

 Von 
In diesen gigantischen Metallständern will die British Library 750 Millionen Zeitungsseiten in klimatisch kontrollierten Bedingungen aufbewahren.  Foto: REUTERS

Die digitale Revolution zerstört die Gesellschaft und den Einzelnen. Ist das schlimm? Nein. Wir müssen uns nur neu orientieren. Nicht um etwas zu retten, sondern um etwas Neues zu schaffen.

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Gefährdet die digitale Revolution unsere Gesellschaft? Das ist die mir gestellte Frage. Die Antwort fällt mir leicht: Selbstverständlich gefährdet die digitale Revolution unsere Gesellschaft. Sie wäre keine Revolution, wenn sie den Status Quo nicht gefährdete. Lassen Sie mich dennoch ein wenig ausholen.

1979 wurde in Berlin die taz gegründet, eine linksradikale Tageszeitung. Die Redaktion war damals im Wedding. Wenn wir aus der Haustür traten, und uns nach links wandten, sahen wir die Mauer, wandten wir uns nach rechts, blickten wir auf das Gelände der AEG. Ich genoss die Symbolik des Ortes: die kleine taz zwischen Großkapital und dem Krieg der Systeme. Der realexistierende Sozialismus war über die mitteleuropäischen Staaten, die wir damals „Osteuropa“ nannten, hergefallen und versuchte Ende des Jahres 1979 auch Afghanistan niederzuwalzen. Das war der Anfang von seinem Ende.

Zur Sache

Die digitale Revolution verändert mehr, als mancher von uns wahrhaben will. Auch wenn die Menschheit nicht aufs Internet warten musste, um sich die Fragen zu stellen, die wir heute anhand des Internets diskutieren.

Diesen Vortrag hielt unser Autor Arno Widmann auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Villigst. Wir veröffentlichen ihn leicht gekürzt.

Jeden Mittag gegen 12 Uhr verließ ich die Redaktion, setzte mich in die U-Bahn und fuhr zum Bahnhof Zoo. Dort gab es und gibt es noch immer einen Zeitungsladen, der eine große Auswahl – 100 bis 150 – ausländischer Tageszeitungen, Illustrierten, Magazine und Zeitschriften führt. Beladen mit einem halben oder gar einem Dutzend Zeitungen fuhr ich zurück in den Wedding. Heute kann ich – weitgehend kostenlos – Tausende Zeitungen des Tages aus der ganzen Welt konsultieren und nutzen für meine Arbeit. Sie stehen alle im Internet. Die einzig wirklich wichtige Beschränkung sind meine Sprachkenntnisse.

Ich belästige Sie mit diesen Erinnerungen, weil ich durch sie gelernt habe, dass es zu einer Revolution gehört, dass sie nicht dort antritt, wo ich sie erwarte. Wir starrten damals nach Nicaragua, nach El Salvador. Und alle zwei, drei Jahre rüsteten wir unsere Schreibgeräte um. Wir dachten uns nicht viel dabei. Wir glaubten, uns unsere Arbeit zu erleichtern. Und sonst nichts.

Die digitale Revolution ist das wichtigste Ereignis im Leben der nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen Menschen. Sie hat unser aller Leben radikal umgekrempelt. Selbst der Fall der Mauer, der Zerfall der Sowjetunion haben die Welt nicht so verändert wie sie. Spätestens seit den fünfziger Jahren sprach jedermann vom Ende des Industriezeitalters. Aber erst heute wissen wir, was danach kommt: die Produktion, die Distribution und der Konsum von Daten.

Selbst der Fall der Mauer hat die Welt nicht so verändert wie die digitale Revolution.  Foto: Reuters

In den letzten Jahren hat eine Informationsexplosion stattgefunden. Als zum Beispiel 2003 Wissenschaftler das menschliche Genom entzifferten, hatten sie zehn Jahre daran gearbeitet, die drei Milliarden Basen-Paare zu sequenzieren. Heute kann jedes Genlabor diese Datenmengen an einem einzigen Tag verarbeiten. Auf den Finanzmärkten der USA wechseln täglich etwa sieben Milliarden Aktien den Besitzer. Zwei Drittel dieses „Handels“ – ein rührend die Realität verfehlender Begriff, wenn man daran denkt, dass „Hand“ darin steckt – werden von Computerprogrammen abgewickelt.

Bei Facebook werden zehn Millionen Fotos in der Stunde eingespeist. Drei Milliarden Mal am Tag klicken Facebook-Nutzer den „Gefällt mir“-Knopf oder kommentieren irgendetwas. Achthundert Millionen YouTube-Freunde laden jede Sekunde einen Film herunter, der länger als eine Stunde dauert. Im Jahre 2012 wurde weltweit 400 Millionen Mal am Tag getwittert. Google verarbeitet pro Tag mehr als 24 Petabytes. Ein Gigabyte sind 1 Milliarde Bytes. Die braucht man, um einen normalen Spielfilm zu speichern. Ein Terabyte ist eine Billion Bytes. 10 davon braucht man, um die gesamten Buchbestände der US Library of Congress zu speichern. 1 Petabyte ist eine Eins mit 15 Nullen. 5 Exabyte, eine Fünf mit 18 Nullen, ist die Zahl aller jemals von Menschen gesprochenen Laute.

2013 waren weltweit etwa 1200 Exabytes Daten gespeichert. Weniger als zwei Prozent davon wurden nicht-digital aufbewahrt. Steckte man diese 1200 Exabytes in CD-ROMs, so würden die, so Martin Hilbert, fünf Türme ergeben, von denen jeder bis zum Mond reichte. Hilbert lehrt Kommunikation und Journalismus an der University of Southern California und versucht auch, sich das Unvorstellbare vorzustellen.

Krankenkassen wären sicher sehr daran interessiert zu wissen was wir genau essen.  Foto: Michael Schick

Langsam wird mir klar, dass es nicht mehr darum geht, sich diese Mengen vorzustellen. Sie zeichnen sich ja gerade dadurch aus, dass sie unvorstellbar sind. Man verfehlt eine der Pointen dieser Revolution, wenn man glaubt, sie zu verstehen, müsse man sie sich vorstellen. Das Vorstellen gehört zur prädigitalen Welt. Beim Vorstellen fügen wir Einzelnes zusammen. Wir stellen Behälter, die wir als feste Größen betrachten, übereinander, um uns ein Bild von Umfängen zu machen. Das geht an der Sache vorbei. Bisher kam es darauf an, genau zu zählen. Eins, zwei, drei. Diese Mengen sind nicht zählbar. Sie werden geschätzt. Sie merken: Meine Geschichte kippt. Eben noch nichts als Jubel über die Massen an Information, die jedem einzelnen Nutzer zu Verfügung stehen und plötzlich spielt das Einzelne, der Einzelne keine Rolle mehr? Wir merken uns diesen Punkt.

Wer eine Musik hören, wer einen Film sehen, wer seinen Freunden etwas mitteilen möchte, der kann es sofort tun. Triebaufschub wird im Internet nicht geboten. Dafür ist es nicht zuständig. Im World Wide Web, in den sozialen Medien gilt: Je schneller Sie Ihre Wünsche befriedigen, desto schneller wachsen neue nach. Darin ist das Internet Meister: Es ködert uns mit dem ständigen Wechsel der Befriedigung eines und der Weckung ständig neuer Bedürfnisse. In gewaltig wachsendem Tempo. Früher lagen einmal zwischen dem Larghissimo und dem Prestissimo 14 Tempi und ein Largho konnte es zu Weltruhm bringen. Heute wird schon bei einem Andante gelangweilt weitergezappt. Merken Sie, wie die digitale Revolution unsere Gesellschaft zerstört?

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

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