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Direktor des Jüdischen Museums im FR-Interview: „Was ist deutsch an Daimler?“

Der Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt, Raphael Gross, spricht über die jüdische Identität, jüdische Mussen und den Antisemitismus.

Offen für die Gegenwart: Raphael Gross.
Offen für die Gegenwart: Raphael Gross.
Foto: Alex Kraus

Raphael? Nach dem Engel oder nach dem Maler?

Nach dem Erzengel. Meine Brüder heißen Micha und Gabriel.

Zur Person

Raphael Gross, geboren 1966 in Zürich, ist Direktor des Leo Baeck Institute in London, des Jüdischen Museums Frankfurt am Main sowie des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt. Zuletzt
erschien von ihm im S. Fischer Verlag „Anständig geblieben. Nationalsozialistische Moral“. fr

Sie sind in einem gläubigen Haushalt aufgewachsen?

Jüdisches Bildungsbürgertum. Dreimal im Jahr in eine Synagoge, nicht mehr. Aber in die orthodoxe, nicht in die liberale Synagoge.

Im Schweizer Nationalmuseum in Zürich, der Stadt, aus der Sie kommen, wird klar gemacht, dass der Schweizer vor 200 Jahren etwas völlig anderes war als heute. Das Museum macht sich lustig über die Suche nach dem Urschweizer: Den gab es nie, Emigration und Immigration haben den Schweizer immer wieder geschaffen und umgeschaffen. Sie sind Chef des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main. Ihr Thema ist die Identität im Wandel. Was ist jüdisch in einem jüdischen Museum?

Was ist deutsch an Daimler?

Könnten die ihren Firmensitz verlagern?

Ja. Daimler wäre, selbst, wenn die Autos in Singapur hergestellt würden, eine deutsche Marke. Identität, Tradition, das sind sehr vielfältige Dinge. Man kann das Wort christlich, deutsch oder jüdisch ganz beliebig zu Gegenständen hinzustellen. Es geht darum, was ich damit zeigen möchte. Das wiederum ist, wenn es um ein jüdisches Museum geht, sehr unterschiedlich: Je nachdem, ob es sich um ein jüdisches Museum in Frankfurt, Amsterdam, New York oder Tel Aviv handelt. In Frankfurt lässt sich besonders anschaulich nachvollziehen, wie vielfältig die Antworten auf die Frage nach der jüdischen Identität sind. Beispielhaft dafür unsere beiden Standorte: Das Museum Judengasse, wo das 400 Jahre bestehende jüdische Ghetto erlebbar wird, und das Jüdische Museum im ehemaligen Rothschild-Palais am Untermainkai. Mit den Rothschilds verbindet sich bis heute eine besondere Geschichte von wirtschaftlichem Aufstieg, ohne die der „Finanzplatz Frankfurt“ nicht zu verstehen ist.

Identität wird durch Abgrenzung hergestellt.

Manchmal ja, oft auch nicht. Ich möchte mit dem jüdischen Museum in Frankfurt etwas wie einen jüdischen Raum schaffen. Dazu gehört auch der Bagel, der ja nicht ausschließlich jüdisch ist. Aber für einen jüdischen Touristen aus den USA gehört er unbedingt in diesen jüdischen Raum.

Sie spielen also mit Vorurteilen?

Wir arbeiten mit allgemeinen Charakterisierungen. Von denen kann man immer sagen, es handele sich um Vorurteile. Auch ein jüdisches Museum muss mit Verallgemeinerungen arbeiten. Das ist hier natürlich besonders problematisch, weil es die Auffassung gibt, verallgemeinernde Vorurteile seien der Kern des Antisemitismus. Das ist in meinen Augen aber selbst ein Vorurteil. Beim Kern des Antisemitismus geht es um negative Gefühle, nicht um Vorurteile.

Gershom Scholem fand, dass zur deutsch-jüdischen Geschichte die der jüdischen Räuberbanden gehört. Sie kommen bei Ihnen nicht vor.

Wir neigen nach dem Holocaust dazu, Juden als Opfer zu zeigen. Aber sie waren nicht nur das. Sie waren Akteure, im Guten und im Bösen. Unsere neue Dauerausstellung wird davon etwas zeigen. Alle gehören in ein Jüdisches Museum: die Intellektuellen der Frankfurter Schule, die Bankiers, die Unterwelt. Die Frage ist: Sind wir so weit, das ganze Spektrum zeigen zu können, ohne den Vorwurf zu ernten, wir zementierten Vorurteile?

Im Zentrum eines jeden Jüdischen Museums steht der Holocaust. Der ist kein Produkt der jüdischen Geschichte, sondern der massive Versuch der Deutschen, dem Judentum ein für alle Mal den Garaus zu machen

.

Ein Jüdisches Museum ist ja nie nur ein Museum der Geschichte der Juden. Zu einem Gutteil dokumentiert es den Beitrag der Juden zur deutschen Literatur, Musik, Philosophie und bildender Kunst. Unsere Ausstellung zur Rückkehr der Frankfurter Schule nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein Stück Rekonstruktion der intellektuellen Geschichte der BRD. Wir zeigen die erste große Ausstellung des bildnerischen Werkes der Else Lasker-Schüler. Wir tun es auch, weil wir das Gefühl haben, man müsse den Deutschen immer noch zeigen, wie groß der jüdische Beitrag zu dem ist, was sie als ihre Kultur betrachten.

Im Museum stieß ich darauf, dass die jüdische Gemeinde sich im Jahr 1824 umbenannte in Israelitische Gemeinde.

1812 fand die Säkularisation statt. Der Glaube wurde zu einer privaten Konfession. Dem schloss sich die jüdische Gemeinde an. Und noch etwas: Jude war zum Schimpfwort geworden, da benannte man sich um. Später besann man sich dann und nahm den Kampf auf, griff stolz wieder auf die zum Schimpfwort gewordene Bezeichnung Jude zurück.

Was ist mit deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens?

So bezeichneten sich die Juden, die sein wollten wie Katholiken und Protestanten. Uns unterscheidet, so sagten sie, von den anderen nichts als unser Glaube. Der Glaube aber – das muss gesagt werden – ist nicht das ganze Judentum. Den deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens begegnen Sie seit 1933, spätestens seit 1945 kaum noch. Wir sagen heute: Wir wurden als Juden verfolgt, da können wir nicht so tun, als seien wir immer Deutsche gewesen.

In jüdischen Museen spielen die eine geringe Rolle, die ihr Judentum aufgegeben haben. Das berühmte „Entreebillett zur europäischen Kultur“, die Konversion zum Christentum, kommt kaum vor. Dabei ist es zentrales Element jüdischer Geschichte.

Es gibt Angst vor der Konversion, es gibt Angst vor Mischehen, es gibt Angst davor, das Judentum könnte dadurch verschwinden. Aber zu den Aufgaben eines jüdischen Museums gehört, diese Ängste zu thematisieren. Wir sollten also dieses Thema auch in unserer neuen Dauerausstellung behandeln. Es gibt da Wellenbewegungen. Zum Beispiel gab es in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wesentlich mehr Mischehen als in der Weimarer Republik. Woran das liegt, wissen wir nicht. Man hätte zunächst doch mit dem Gegenteil gerechnet. Das zeigt auch, dass es keinen Sinn macht, Hochrechnungen anzustellen. Hätte man von 1949 aus hochgerechnet, dann dürfte es heute in Deutschland gerade mal 10000 Juden geben. Es sind aber über 100000. Niemand konnte vorhersehen, dass so viele Ostblock-Juden nach Deutschland kommen und hier bleiben würden.

Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Deutschland geflohenen Ostjuden spielten eine nicht unerhebliche Rolle für die antisemitische Propaganda. Sie stellten auch das Selbstbild der deutschen Juden in Frage. Das war ja diesmal ganz anders. Heinz Galinski fand, die Regierung sollte aufnehmen, wer immer sich als Jude erklärte. Alles andere sei Selektion, die wieder einmal von deutschen Behörden vorgenommen würde. Was bedeutet diese Zuwanderung für das deutsche Judentum?

Diese Ausstellung war die erste zum Thema. Unser Museum ist offen für die Gegenwart. Bis 1989 war die herrschende Ansicht in Deutschland und in der gesamten jüdischen Welt, dass die Juden in Deutschland nach dem Holocaust ein Übergangsphänomen seien. Die leben hier, hieß es, um zu dokumentieren, dass Hitler sich nicht durchgesetzt hat. Sie leben hier, weil es offene Fragen der Wiedergutmachung gibt, weil sie zu alt waren weiterzuziehen, weil sie es aus den unterschiedlichsten privaten Gründen nicht geschafft haben, Deutschland zu verlassen. Es gab aber nur sehr wenige, die sagten: Wir leben gerne hier. Wer hier lebte, hatte ein schlechtes Gewissen. Das kompensierte er oft durch einen ausgeprägten Zionismus. Nach 1989 kamen eine Viertelmillion russischer Juden hierher. Man kann Überlegungen darüber anstellen, wie viele von ihnen nach halachischem Gesetz Juden, also Kinder einer jüdischen Mutter sind, aber sie haben sich selber als Juden bezeichnet. Da haben wir wieder das „Entreebillett zur europäischen Kultur“, diesmal andersherum. Diese „Kontingentflüchtlinge“ könnten auch nach Israel gehen, aber sie gehen nach Deutschland. 2003 wanderten mehr Juden nach Deutschland ein als nach Israel. Israel war das nicht recht. Es wurde versucht, Druck auf deutsche Behörden auszuüben. Was diese Zuwanderung für die Juden in Deutschland bedeutet, wissen wir noch nicht. Ihr Vergleich mit dem ostjüdischen Zustrom zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist interessant, aber schon insofern falsch, als etwa neunzig Prozent der nach 1945 in Deutschland lebenden Juden Ostjuden waren. Sie lebten nach 1945 erst einmal nicht in Deutschland sondern in den Besatzungszonen der Siegermächte. Dort fühlten sie sich sicher. In den Gemeinden hatten sie oft das Gefühl, dass die wenigen deutschen Juden über sie zu bestimmen versuchten. Jetzt gibt es ein ähnliches Gefühl unter russischen Zuwanderern. So wiederholen und so ändern sich die Geschichte und die Missverständnisse.

Interview: Arno Widmann

Datum:  26 | 11 | 2010
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