Ist das wirklich Kino? Wer einen Dokumentarfilm dreht, muss sich irgendwann an diese Frage gewöhnen, die ironischerweise besonders gern von Fernsehredakteuren vorgebracht wird. Stets ist sie mit bestimmten Erwartungen verbunden an das, was angeblich "filmisch" sei: spektakuläre Drehorte, eine lebensnahe Kamera, überraschende Protagonisten.
Der Film "Die Anwälte" hat sehr wenig von all dem zu bieten. Die einzigen Drehorte sind ein paar leere Gerichtssäle, die Kamera zeigt sprechende Köpfe, und die Protagonisten, drei ehemalige RAF-Anwälte, haben den empfindlichen Nachteil, dass man sich an den ersten beiden - Otto Schily und Hans-Christian Ströbele - schon reichlich satt sehen konnte und den dritten kaum mehr sehen wollte: Rechtsextremist Horst Mahler gehört zu den verbissensten Holocaust-Leugnern des Landes. Und zu dritt vor eine Kamera bekäme man die Weggefährten der frühen Siebziger Jahre heute schon gar nicht mehr.
Die Anwälte, Regie: Birgit Schulz, Deutschland 2009, 90 Minuten.
Die Filmemacherin Brigit Schulz hatte es also nicht einfach mit ihren Stoff, und doch ist ihr einer der besten deutschen Kinofilme des Jahres 2009 gelungen. Und, ja, es ist sogar ein aufregend visueller Film, wenn auch auf eine zurückhaltende Art.
Die Anwälte, Trailer. Deutschland 2009
Schon sein Ausgangspunkt ist ein Bild, auf dem Filmplakat teilt es sich wie ein Triptichon. In der Mitte der Gerichtsszene von 1972 sitzt Host Mahler auf einer Anklagebank, ein hellwacher Agitator mit Vollbart und Nickelbrille. Von links wendet sich Ströbele zu seinem Mandanten; warme Augen bekräftigen ein Lächeln der Zuversicht. Rechts außen auf diesem Pressefoto steht Otto Schily, auch er verteidigt in diesem Prozess seinen ehemaligen Mentor in der linken Anwaltskanzlei. Wie die anderen hat Schily seinen Stil bereits als junger Mann gefunden: eine elegant-herrenhafte Erscheinung, den Blick visionär in die Ferne gerichtet.
"Ursprünglich wollte ich gerne Dirigent werden", wird er später im Film bekennen. "Ich war ja nun mit der Musik sehr verbunden, habe auch mal versucht, eine kleine Komposition zu schreiben. Das war aber alles ziemlich läppisch und dann habe ich doch erkannt, dass mein Talent dafür nicht ausreicht." So wird das Gericht zu seinem Konzertsaal, und die Sinfonie seines Lebens ist der Rechtsstaat. Leider wird sie nirgends fehlerfrei gespielt.
Mit drei begabten jungen Männern voller Ambition beginnt also dieser Film, und wer nach einer Erklärung sucht, warum sie heute so viel trennt, findet die wichtigsten Spuren schon auf diesem Foto. Zu den merkwürdig divergierenden Idealen dieser Männer gehören auch unterschiedliche Männlichkeitsideale. Ihnen nachzuspüren, das ist das eigentliche Faszinosum bei diesem willkommenen Nachzügler zur Filmwelle über den bundesdeutschen Terrorismus.
Hans-Christian Ströbele scheint als Idealbild männlicher Empfindsamkeit noch am besten in seine Zeit zu passen. Als fehlte es noch an einem Leumundszeugnis für dieses integre Bespiel des Neuen Mannes stellt es ihm ausgerechnet Horst Mahler aus. Der vermittelt eindringlich, wie sehr sich sein heutiger politischer Gegner um seine Familie sorgte, während er selbst eine lange Haftstrafe verbüßte.
Dokument zeigt furchtlosen Wutausbruch Ottos Schilys
Anders als Ströbele gab sich Otto Schily trotz Beatles-Frisur recht unzeitgemäß. Eine nicht uneitle Gentleman-Eleganz ließ den Anzugträger auf frühen Apo-Fotos ebenso ins Auge stechen wie bei späteren Grünen-Parteitagen mit Pulloverzwang. Das Ideal der Rechtstaatlichkeit trug Schily so unverrückbar wie die Kravatte, was sattsam bekannt ist bis hin zum Sicherheitswahn des späteren Innenministers. Doch was die Filmemacherin dann in bemerkenswert ausgewähltem Archivmaterial offenlegt, ist eine schwer verborgene Emotionalität. Ein nur durch Zufall gerettetes Tondokument aus Stammheim bezeugt einen furchtlosen Wutausbruch gegenüber einem Richter.
Der Film erinnert in beklemmender Weise an die damaligen Versuche, die Rechtsbeistände der Angeklagten zu kriminalisieren. Bei einer Bundestagsrede zur Wehrmachtsausstellung schließlich sieht man Schily schließlich mit den Tränen ringen als er über den glücklosen Antifaschismus in seiner Familie spricht. Das selbe merkwürdig anrührende Sentiment findet sich plötzlich auch in Schilys Interviewäußerungen.
Eines der Lieblingsworte des verhinderten Künstlers heißt "Tragödie": Es fällt beim Krebstod der RAF-Sympathisantin Hammerschmidt in der U-Haft , die er überredet hatte, sich der Polizei zu stellen. Für das Ende der Idealisten Holger Meins und Gudrun Ensslin und sogar für das Abgleiten Horst Mahlers in den Neo-Faschismus.
Regisseurin Birgit Schulz hatte Glück mit ihrem Drehplan: Der zuletzt wegen wegen fortgesetzter Holocaust-Leugnung zu sechs Jahren Haft verurteilte Mahler stünde kaum noch einmal zur Verfügung. Und auch er ist ein bemerkenswerter Repräsentant seiner Generation: um 1970 noch ein medienbewusster Staranwalt, stilisiert er bald darauf wechselnde politische Theorien zu einem alle Lebensbereiche umfassenden Gesetzbuch. Nachdem er in der Haft die von Schily geschenkte Gesamtausgabe Hegels durchgearbeitet hat, lebt er weiterhin im Gefängnis der Konzepte.
Wie jeder gute Porträtfilm findet "Die Anwälte" mehr Menschlichkeit in seinen Figuren als uns manchmal lieb ist. Selbst bei Mahler, dessen Weg in den Irrsinn plötzlich psychologisch erklärlich scheint. Es steckt ein wunderbarer Mehrwert in diesem Film, und tatsächlich rührt er aus dem, was ihm vermeintlich fehlt: dem so genannten Filmischen.
Seit die Gebrüder Lumière das Kino erfanden, nahmen ihre Kameras stets etwas mehr auf als beabsichtigt war. So lässt sich auch in den bekannten Medienbildern der Demonstrationen und Prozesse der 68er Jahre noch immer Unbemerktes entdecken. Die Anwälte zum Beispiel: Sie waren Nebenfiguren auf diesen Bildern. Man muss nur ein wenig hinein zoomen und schon hat man ein großes Kinostück zusammen, ein Zeitbild mit bemerkenswerten Hauptdarstellern.
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