Barks nimmt den Geschichten das Vorhersehbare. Ob Donald Pech oder Glück hat, entscheidet sich nun jedes Mal neu. Außerdem lebt der Erpel jetzt in einem komplexen sozialen Umfeld (Entenhausen ist Barks' Erfindung). Donald darf sogar längere Reisen in exotische, von Barks in der Zeitschrift National Geographic sorgfältig recherchierte Weltgegenden unternehmen. Überhaupt erhalten Donalds Geschichten mehr ausgearbeitete Handlungsstränge, ständig tauchen neue Figuren auf, in deren Gegenwart sich Donalds Charakter weiter entfalten kann. Sogar vor politisch inopportunen Aussagen schreckt Barks nicht zurück, wie etwa die in der "Stadt der goldenen Dächer" deutlich geäußerte Kritik am US-Imperialismus zeigt oder auch seine Einlassungen gegen den Vietnamkrieg in "Der Schatz des Marco Polo".
Im Rückblick hat Barks seinen Donald so beschrieben: "Er war manchmal ein Schuft, aber oft auch ein wirklich guter Junge und jederzeit eine Person mit Fehlern, so wie der Durchschnittsmensch." Etwas genauer lässt sich sagen, dass Donald ein durchaus selbstsüchtiges, auf seinen Eigennutz bedachtes Wesen hat, so wie auch sein superreicher Onkel Dagobert, nur nicht über dessen Geschäftssinn verfügt und auch sonst, wie der Vergleich mit seinen Neffen zeigt, nicht zu den Klügsten gehört. Vor allem, dass er nicht strategisch, das heißt, über den Augenblick hinaus zu denken in der Lage ist, lässt ihn immer wieder leichtsinnig handeln. Er sieht zumeist nur das Naheliegende, das unmittelbar Verlockende und erliegt ihm sofort. Er stellt somit den idealen Endverbraucher dar - ähnlich wie heute sein Bruder im Geiste, Homer Simpson.
Donald ist also auf der Höhe der Zeit. Doch dem Zeichner Barks verdankt der Enterich auch seine bis heute gültige Gestalt. Im Vergleich zu Taliaferros schon sehr entwickelter Gestaltung wird der Enterich jetzt noch eleganter. Vor allem die Gesichtszüge wirken lebendiger, Barks' Strich ist schwungvoll und geschmeidig. Wenn Donald etwa durch eine Tür läuft, dann wird das nicht mehr nur mit Speedlines (Bewegungsstrichen) kenntlich gemacht, sondern durch einen sich unter dem Eindruck einer Art Druckwelle biegenden Türrahmen. Kurzum, Barks definiert Zeit und Raum in Donalds Universum vollkommen neu. Donald erscheint jetzt plastischer und realistischer. An Barks' Schöpfung werden sich alle nachfolgenden Zeichner mehr oder weniger orientieren. Sein Donald ist der Muster-Erpel schlechthin.
Wichtige Impulse aus Italien
Es folgen jetzt noch einige wichtige Variationen. Don Rosa etwa, der bekannteste noch lebende Disney-Zeichner, entwickelt ab den späten 1980ern einen sehr eigenwilligen Stil. Nicht nur sind seine Geschichten überaus sorgfältig recherchiert und voller Anspielungen auf andere, insbesondere von Barks gezeichnete Comics. Es sind vor allem die extrem kontrastreichen Szenerien, die scharfen Licht- und Schattenkonturen, die eine ganz neue, düstere, an den film noir erinnernde Ästhetik etablieren. Die vielleicht wichtigsten Impulse sollten allerdings ganz woanders herkommen, nämlich aus Europa, genauer: aus Italien. Denn hier taucht Donald bereits 1937 auf. Der von Federico Pedrocchi geschriebene und gezeichnete 18-seitige Comic ("Paolino Paperino e il mistero di Marte") gilt als Donalds erste eigene Abenteuergeschichte.
In Italien kann sich insofern recht früh ein ganz eigener Donald oder, wie er hier heißt: Paperino entwickeln. Nach dem Krieg geht es dann 1949 richtig los. Das Magazin Topolino avanciert zu einer Art Zentralorgan für Disneys Figurenzoo. Zeichner wie Romano Scarpa, der bedeutendste italienische Disney-Künstler, und sein Schüler Giorgio Cavazzano legen die Grundlagen. Und so ereignet sich hier auch die wichtigste Neuerung: Guido Martina und Giovan Battista Carpi verpassen Donald ein Alter Ego. Als Phantomias verkleidet gibt er seit 1969 den kostümierten Rächer, abgebrüht, furchtlos und, wenn es sein muss, auch brutal. Zuerst noch auf Rache an seinen Verwandten aus, insbesondere am knausrigen Onkel oder an seinem Rivalen im Kampf um Daisys Gunst, Gustav Gans, mausert sich Donald bald zum gefeierten Beschützer Entenhausens. Aus dem ewigen Underdog ist ein umschwärmter Held geworden - der Batman des Duck-Universums.
Im Laufe seiner 75 Lebensjahre hat sich Donald somit zu einem facettenreichen Charakter gewandelt. Doch während die Disney-Comics in den USA nach einer kurzen, insbesondere auf Don Rosa zurückgehenden Neubelebung mittlerweile als tot gelten dürfen, leben sie in Europa fort. Der alte Kontinent, so scheint es, wird zur Zufluchtstätte der in ihrer Heimat obdachlos gewordenen Helden. Dass Donald zu seinem 75. Geburtstag hier sein Exil findet, freut uns selbstverständlich. Dass er in den USA nicht mehr erscheinen soll, macht dann doch ein wenig traurig: Die neue Welt erfindet sich gerade neu, Donald aber, der "Durchschnittsmensch", hat dort keinen Platz mehr.
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