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06. Januar 2012

Donald-Duck-Zeichner gestorben: Vicar: Vom Playboy- zum Donald Duck-Zeichner

 Von Christian Schlüter
Vicar war der produktivste Zeichner Entenhausens.  Foto: dpa

Er prägte unser Bild von Donald Duck und Entenhausen wie kein anderer: Victor José Arriagada Rios, besser bekannt als Vicar. Der chilenische Zeichner und Disney-Interpret ist mit 77 Jahren gestorben. Ein Nachruf auf einen großen Künstler.

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Der Mann konnte zeichnen. Vor allem sehr schnell. Allein für den Disney-Konzern fertigte Vicar in gut 30 Jahren mehr als 10.000 Seiten. In den 800 Geschichten, in denen er sich hauptsächlich mit der Familie Duck beschäftigte, prägte er unser Bild von dem Entenhausener Federvieh wie kaum ein anderer Zeichner. Doch verfügte Vicar auch über einen außerordentlich geschmeidigen Strich. Kein Geringer als Carl Barks, der legendäre Disney-Zeichner und Erfinder von Entenhausen, lobte seinen Kollegen für die unerreichte Eleganz und Effizienz. Kein unnötiger Zierrat sollte von der Handlung ablenken, die Geschichten waren flüssig erzählt und die Zeichnungen von größter Klarheit.

Vicar wollte kein Künstler werden

        

Donald und Daisy in einer ganz alltäglichen Szene. Wir entnehmen die Abbildung dem im Egmont/Ehapa-Verlag erschienenen dreibändigen „Micky Maus Jubiläumsalbum. Das Beste von 1970 bis 1991“ (Berlin 2011).
Donald und Daisy in einer ganz alltäglichen Szene. Wir entnehmen die Abbildung dem im Egmont/Ehapa-Verlag erschienenen dreibändigen „Micky Maus Jubiläumsalbum. Das Beste von 1970 bis 1991“ (Berlin 2011).
Foto: © Disney / Egmont Ehapa

Dabei hätte alles auch ganz anders kommen können. Victor José Arriagada Rios wurde am 16. April 1934 in Santiago de Chile geboren – also im selben Jahr, in dem auch Donald Duck in „The Wise Little Hen“ das Leinwandlicht dieser Welt erblickte. Diese zufällige Koinzidenz ließ den späteren Zeichner Vicar zwar seine tiefe Verbundenheit mit dem cholerischen Erpel begründen. Doch eigentlich wollte er gar kein Künstler werden.

Der Chilene, der schon als Kind viel und gerne zeichnete, setzte auf einen ordentlichen Beruf und absolvierte in den 50ern ein Ingenieursstudium in Elektrotechnik. Das allerdings finanzierte er, indem er nebenher auch künstlerische Aufträge von Zeitungen annahm.

Zeichner für Playboy und Tageszeitungen

Offenbar fiel ihm das Zeichnen immer schon leicht, so sehr, dass er gar nicht auf die Idee kam, sein artistisches Talent für etwas anderes als zur vorübergehenden Geldbeschaffung zu nutzen. Erst 1957 musste ihm dämmern, dass hier mehr zu holen sei: Vicar gewann einen Talentwettbewerb der Journalistischen Vereinigung Chiles und beschloss, nun hauptberuflicher Comiczeichner zu werden. In der Tageszeitung El Mercurio veröffentlichte er seine ersten Strips. Mit seiner Serie „Huaso Ramón“ wurde er sehr populär; sie handelt von einem dauerscheiternden und stehaufmännchenhaften Taugenichts, fast schon eine chilenische Version von Donald Duck.

Schnell eignete sich Vicar die verschiedensten Genres an. So reüssierte er auch als Karikaturist und Cartoonist. In der politischen Satire „El Paleta“ nahm er sich den chilenischen Präsidenten Jorge Allessandri vor, dessen rigide Sparpolitik in den späten 50ern für größere Unruhen sorgte. 1960 zog es Vicar nach Spanien, wo er weiterhin für Tageszeitungen arbeitete. Nebenher illustrierte er Kinderbücher, zeichnete für den Playboy und für die dänische Serie „Rasmus Klump“ – wir kennen sie in Deutschland unter dem Titel „Petzi“.

Und mit „Lord Applepie“ erzählte er uns in der quasi-erotischen Comic-Anthologie „Pip“ des Kauka-Verlages die Abenteuer eines „Lustgreises“ (so die Übersetzung des Originaltitels „Viejo Verde“).

1971 begann Vicars große Zeit

Es gab eigentlich nichts, was Vicar nicht konnte. Doch seine ganz große Zeit sollte 1971 beginnen. Der dänische Lizenznehmer für Disney-Comics (Gutenberghus / Egmont) war auf den chilenischen Tausendsassa aufmerksam geworden. Die Abenteuer von Micky und Donald erfreuten sich zunehmender Beliebtheit und der Egmont-Verlag suchte händeringend nach neuen Zeichnern, um den Ausstoß zu erhöhen. Ein so enorm produktiver Künstler wie Vicar musste da wie gerufen kommen. Der allerdings zögerte, weil er die Festlegung auf einen allzu begrenzten Kanon von Figuren und Stilen fürchtete; Carl Barks etwa hatte sehr genaue Zeichenanleitungen für Donald und die anderen Enten verfasst.

Doch innerhalb kürzester Zeit arbeitete sich Vicar in das Entenhausener Personaltableau ein. Im Unterschied zu eher experimentell arbeitenden Zeichnern wie Don Rosa, William Van Horn oder Giorgio Cavazzano kam der Chilene dem von Carl Barks geprägten Stilideal sehr nahe. Wie beim amerikanischen Vorbild fehlte Vicars Zeichnungen alles Kantige und Eckige. Seine Figuren besaßen perfekt austarierte Proportionen und erschienen in ihrer Rundheit organisch und plastisch.

Vicars Strich wirkte stets leichthändig und beließ das gesamte Bildpersonal wie -inventar in einer Art Schwebe. Seine Bildräume waren deshalb nie statisch, sondern immer dynamisch.

Eleganz ist keine Schande

Das ist schlicht meisterhaft zu nennen. Gleichwohl weckte Vicars auch Argwohn. Er wurde wegen seiner sagenhaften Produktivität als „Massenproduzent“ verunglimpft.

Diese Kritik verkennt allerdings, dass Comics ihrer ganzen Ästhetik nach populärkulturelle und deshalb massenmediale Artefakte sind. Sie folgen dem Prinzip der Serie, gestalterisch und auch erzählerisch. Vicar hat dieses Prinzip einfach nur konsequent umgesetzt. Er fügte sich bestens ein in den Apparat.

Zugleich entdeckte er auf diese Weise eigene Freiheiten. Eleganz ist keine Schande, und Falle Vicars legte sie auf kürzestem Wege einige bis dahin nicht gekannte oder gesehene Wahrheiten frei.

Erfinder der Entenhausener Alltäglichkeit

Vicar ist der Erfinder der Entenhausener Alltäglichkeit. Oft wurde beklagt, er hätte ein so viel besserer Zeichner werden können, wenn man ihm nur bessere Geschichten gegeben hätte. Doch umgekehrt wird es richtig: Vicar suchte gar nicht die großen spektakulären Abenteuer, sondern machte uns mit Donald und seinen drei Neffen Tick, Trick und Track in ihrem alltäglichen Einerlei bekannt, mit der ewigen Freundin Daisy und dem geizigen Onkel Dagobert, mit dem Glückspilz Gustav Gans, dem Erfinder Daniel Düsentrieb, und zwar so, wie sie sich in eher beiläufigen, also kleinen Situationen begegnen.

Genau das hat unser Bild von Entenhausen geprägt. Vicars Geschichten, die er mit großer Disziplin und mithilfe zweier Assistenten an einem etwa zehnstündigen Arbeitstag zeichnete, wurden vor allem im deutschen Micky-Maus-Magazin veröffentlicht. Bis ins hohe Alter trug er die Hauptlast für die Produktion und bereicherte das bei Egmont erscheinende Magazin mit seinen Titelgeschichten – bis ihn die schon seit Jahren belastende Leukämie zu sehr schwächte. Am Dienstag ist Victor José Arriagada Rios nach langer schwerer Krankheit in seiner Geburtsstadt gestorben.

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