Sie selbst war ehrlich überrascht, als sie vor zwei Jahren - sie war in London gerade beim Einkaufen - erfuhr, dass sie mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet worden war. Schließlich war Doris Lessing mit ihren 88 Jahren die älteste Gewinnerin in der mehr als hundertjährigen Geschichte dieses Preises. Ihr berühmtestes Werk, der Roman "Das goldene Notizbuch", lag immerhin bereits 45 Jahre zurück. Mit der schwedischen Nobilitierung war 2007 wirklich nicht mehr zu rechnen gewesen.
Das Nobel-Komitee begründete die Auszeichnung rein inhaltlich und thematisch, vor allem sozial- und umweltpolitisch, nicht aber literarisch. Und das völlig zu Recht. Die Stoffe sind´s, die Doris Lessings Werk bestimmen, das sich alle Krisen, Irrtümer und Katastrophen des 20. Jahrhunderts zum Thema nimmt - und nicht die literarische Sprache; die moralische Haltung ist´s, die an dieser Autorin zu rühmen wäre - und nicht irgendein ästhetisches Projekt. Nicht von Stilproblemen wird ihr ausuferndes, inzwischen mehr als achtzig Titel starkes Werk angetrieben, sondern von Ideen - Ideen wie Postkolonialismus, Kommunismus, Feminismus, Sufismus, Mystizismus. All dies abgehandelt in glanzloser, nicht selten nachlässiger Prosa.
Seit ihrem Debütroman "The Grass is Singing" (1950, deutsch: Afrikanische Tragödie), übt diese Autorin Fundamentalkritik an gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, von der kolonialen Ausbeutung der Afrikaner über die Asymmetrien in der Geschlechterordnung bis zum Raubbau an allen Ressourcen des Planeten. Wenn ihr apokalyptischer Erzählmotor anspringt, geht es ihr nicht mehr um die Gestaltung einzelner Charaktere oder individueller Schicksale, sondern immer gleich ums große Ganze - um die Geschichte des Planeten Erde aus kosmischer Sicht.
Abstrakte Gesellschaftsentwürfe werden in Thesenromanen abgehandelt. Nicht zufällig ist die Genre-Literatur seit langem Lessings liebster Tummelplatz: mystische Zukunftsvisionen und utopische Weltraum-Phantasien; Zivilisationskritik, ins Übermorgen oder ins Vorgestern projiziert; Expeditionen in die innerpsychischen Galaxien des Wahnsinns; Weltuntergangs- und Weltrettungs-Parabeln nach einem atomaren Dritten Weltkrieg.
Im Grunde sind ihre ersten dreißig Lebensjahre der Rohstoff, von dem Doris Lessing ihr ganzes Autorenleben lang gezehrt hat. Nichts in ihrem späteren Leben konnte es an Dichte, Fülle und Buntheit aufnehmen mit ihrer Kindheit auf einer Farm in Südrhodesien, dem heutigen Zimbabwe. Wenig konnte danach noch heranreichen an die Intensität der Gefühle, den Reichtum der Erfahrungen, den Thrill der Aufbrüche während ihrer Jugend in Salisbury, dem heutigen Harare, in der letzten Phase britischer Kolonialherrschaft in Afrika.
Als sie im Alter von dreißig Jahren Rhodesien verließ und nach England ging, um Schriftstellerin zu werden, da hatte sie schon mehrere Frauenleben hinter sich. Sie hatte zwei Zufalls-Ehen durchlaufen - eine mit einem britischen Kolonialbeamten und eine mit dem deutschen Emigranten Gottfried Lessing - und drei Mutterschaften absolviert. Sie hatte Lebensrollen und Lebensläufe anprobiert wie Kleider: Sie hatte sich kurz und prüfend in ihnen gedreht und sie dann rasch abgelegt wie Kostüme, die ihr nicht standen. Ihre endgültige Lebensrolle, als Schriftstellerin, fand sie erst nach dem Krieg: 1949 übersiedelte sie nach London - frisch geschieden, fast ohne Geld, nur begleitet von ihrem Sohn aus der Lessing-Ehe und mit ihrem ersten Roman-Manuskript im Gepäck. Sie flirtete kurz mit dem Kommunismus und begann damit, ihre ungestüme Jugend literarisch auszuschöpfen.
Was sie bis dahin erlebt hatte, hat sie dann lebenslang immer wieder auf- und umgeschrieben, in Dutzenden Romanen und Erzählungen, die das zerfallende britische Empire, das koloniale Afrika der 1930er und 1940er Jahre zum Hintergrund haben. Sie alle basieren auf dem unsteten Leben des Mädchens Doris May Tayler, geboren in Persien und aufgewachsen in Rhodesien als Tochter einer Londoner Krankenschwester und eines kriegsinvaliden englischen Offiziers und untüchtigen Farmers in Afrika. Sie alle spiegeln das Chaos ständig umgestürzter Lebens- und Liebespläne, den atemlosen Taumel widersprüchlicher Existenzversuche.
Die Lebensmenschen ihrer jungen Jahre - die schwachen, unzufriedenen Eltern, die schlecht gewählten Ehemänner, die unzuverlässigen Liebhaber - lassen Doris Lessing bis ins hohe Alter nicht los. Immer wieder werden sie in ihren Büchern neu porträtiert, anders nuanciert, neu gesehen. Erst im Vorjahr erschien ihr Roman "Alfred und Emily", eine Umschrift des Lebens ihrer Eltern - wie deren Leben vielleicht gewesen wäre, hätte es den Ersten Weltkrieg nicht gegeben.
Kein Zweifel: Nicht wenige ihrer Werke sind mit Doris Lessing gealtert. Einige aber werden bleiben. Neben ihrem "Goldenen Notizbuch", einst die vielleicht etwas überschätzte Bibel der Frauenbewegung, vor allem ihr fünfteiliger Roman-Zyklus "Kinder der Gewalt". Die fiktive Doppelgängerin Lessings trägt darin den sprechenden Namen "Martha Quest", in dem die Gralssuche, das Unterwegs-Sein zu einem großen, noch unbekannten Ziel, immer mitschwingt.
Was als Bildungs- und Entwicklungsroman, als Exempel einer weiblichen Selbstfindung beginnt, weitet sich in den Folgeromanen zum Epochenfresko und Gesellschaftspanorama und endet - mit dem prophetisch-halluzinatorischen Abschlussband "Die viertorige Stadt" - als apokalyptische Untergangsvision. So spannt Doris Lessing ihr Double Martha Quest ins Raster der Weltkriege ein: geboren nach dem Ersten, zu sich gekommen im Zweiten, zugrunde gegangen in der Atomstrahlung des Dritten. Dieser Zyklus enthält wahrlich die ganze Doris Lessing.
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