Haben Sie irgendwelche Erfahrungen mit Schusswunden?" Der Chefarzt des Krankenhauses im kolumbianischen Cali macht sich keine Illusionen darüber, dass er es bei dem deutschen Medizinstudenten Marc (August Diehl) mit einem rechten Grünschnabel zu tun hat. Wenigstens keinem, der auf den Mund gefallen ist: "Wissen Sie, in Deutschland ist es sogar verboten, sonntags den Rasen zu mähen. Und fast alle halten sich dran, um die Nachbarn nicht zu stören."
Auch wenn er bei einer wohlhabenden Gastfamilie untergekommen ist, wird Marc bald feststellen, dass es in Cali geradezu unmöglich ist, seine Nachbarn nicht zu stören. Oder umgekehrt. Tolerante und weltoffene Ausländer werden von Straßenräubern, wer hätte es gedacht, ebenso sorgfältig ausgenommen wie die fiesen. Dass ihn sein Chef gleich mit "Heil Hitler" angeredet hat, stört ihn nicht wirklich. Als Kosmopolit hat man gelernt, mit dem schlechten Ruf der Landsleute umzugehen, ohne ihn gleich auf sich zu beziehen.
Der Regisseur Tom Schreiber hat mit "Narren" schon einmal einen Film darüber gedreht, wie es sich anfühlt, vom schillernden Sog eines fremden, surrealen, durchaus reizvollen aber hemmungslos korrupten Systems aufgesogen zu werden - dem Kölner Karneval. Schon in der Domstadt ging es gefährlich zu. In Cali wird es ernst.
Migration ist ein Dauerthema im zeitgenössischen deutschen Kino, doch fast immer sind Einwandererschicksale damit gemeint. Wer "die andere Seite" zeigen will - um mit Fatih Akin zu sprechen -, muss als Filmproduzent selber zum Migranten werden. "Dr. Alemán" entstand durchweg in spanischer Sprache mit den besten örtlichen Schauspielern in Kolumbien und kommt wie ein ausländischer Film bei uns parallel in einer Synchronfassung ins Kino.
Ein touristisches Unternehmen ist es indes nicht: Obwohl Cali eine schöne Stadt ist, gibt es hier keine Postkartenansichten. Wenn Schreiber ein Gefühl von einem Ort vermitteln will, inszeniert er lieber halbdokumentarisch ein Fußballspiel mit Straßenkindern. Anders als die meisten jüngeren deutschen Regisseure meistert Schreiber nicht nur das überschaubare Kammerspielformat. Wirklich wohl fühlt er sich, wenn er ein vielansichtiges Prisma bauen kann. Er entwirft überaus glaubhaft ein komplexes System aus Reiz und Schrecken. So bleibt auch der sträfliche Leichtsinn des Deutschen zu jedem Zeitpunkt verständlich.
Ein Schutzengel hilft
In vollen Zügen genießt Marc den Lohn seiner wie es scheint überaus selbstlosen Tätigkeit. Bald kokst er, was das Zeug hält. Von keiner hübschen Frau, die sich ihm anbietet, lässt er die Finger, was ihn erst seinen Schlafplatz kostet und dann beinahe den Hals. Denn die Freundin des Drogenkönigs ist früher oder später auch darunter.
Schreibers Film ist schon auf Grund der Neugier von Olaf Hirschbergs erstklassiger Kamera erst einmal auf der Seite seines unbefangenen Helden. Wer würde nicht sein Pflichtjahr nutzen, alle Eindrücke in sich aufzusaugen. Doch ohne es zu merken entwirft Marc - die Geschichte basiert auf einem wahren Erlebnisbericht - allmählich seine eigene Version der Korruption, die ihn umgibt. Selbstherrlich bevorzugt er die Armen und weigert sich, einen reichen Verbrecher zu operieren. "Heil Hitler", sagt der Chefarzt dann und wirft ihn hochkant aus dem OP.
Der immer gute August Diehl ist dann am besten, wenn ihn eine Rolle aus dem Ensemble heraushebt. Seit seinen Anfängen in Hans-Christian Schmids "23" entwickelte er ein Charisma, das ihn von der Normalität ein gutes Stück entfernt. Das ist Chance und Bürde zugleich. Tom Schreiber besetzt diese oft schwer zu beherrschende Autorität Diehls höchst geschickt als tragische Unbefangenheit. Hier ist ein junger Mann, der sich alles zutraut, und wer könnte das besser spielen als August Diehl? Das bringt ihn einerseits in Teufels Küche, und verschafft ihm anderseits das Abonnement eines Schutzengels.
Es ist ein Vergnügen, dieser Reise zu folgen, so wie es ein Vergnügen sein kann, der Erzählung eines Alptraums zuzuhören. Für das deutsche Kino, das gegenwärtig einen Heimatfilm nach dem nächsten dreht, weist dieser Film in eine neue Richtung. Weg von den bürgerlichen Generationendramen in der ostdeutschen Provinz, hin zu einer echten Internationalität.
Dr. Alemán, Regie: Tom Schreiber, Deutschland 2008, 105 Minuten.
Trailer zum Film
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