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25. März 2016

Dresden: Zähne fletschen, Kuchen essen

 Von 
Skulpturen von Rainer Opolka, hier in Dresden, die nach dem Willen des Aktivisten durch die Landeshauptstädte ziehen sollen.  Foto: REUTERS

66 große böse Metallwölfe, „Gendergaga“ und 800 Jahre Kreuzchor und andere heiße Eisen: Womit Dresden dieser Tage beschäftigt ist.

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Das Ende ging im Regen unter, Rainer Opolka, 60, brach während seiner kleinen Dankesrede neben der Dresdner Frauenkirche in die Plastikkiste ein, auf der er stand, verletzte sich aber nicht und konnte weiter vor 100 Zuhörern bilanzieren, was er die vergangenen Tage erlebt hatte.

Das Resultat seiner zehntägigen Kunstaktion: 80 000 Passanten, 3000 Hände geschüttelt, unzählige Gespräche geführt, auf 95 Prozent Wohlwollen gestoßen, der Oberbürgermeister war auch da. Am Donnerstag nach der Eröffnung gab es eine Morddrohung gegen die „Islamsau“. „Seit Freitag“, sagt der Brandenburger Taschenlampenhersteller, Millionär und Aktivist, „ist dieser Platz ein hassfreier Raum.“

66 Wolfsstatuen hatte der Mann herankarren und neben dem Luther-Denkmal Aufstellung nehmen lassen, Monster aus Metall, die mehr an Werwölfe aus Horrorfilmen oder manche Drachenfiguren vor China-Restaurants erinnerten als an das Tier, das sich seit 16 Jahren wieder in den menschenarmen Regionen Sachsens breit macht.

Natürlich ging es Opolka mit seinen zähnefletschenden Wolfswesen, eines mit Hitlergruß, um die wütenden Abendlandretter von Pegida, die am selben Ort ihre Versammlungen abhalten. Sein Fazit: „Verbitterte arme Leute.“ In zehn Tagen 25 Schimpfer, ansonsten mehrheitlich nette Dresdner, die Kuchen, Kaffee und Schokolade vorbeibrachten.

Was das soll? Dresden, die gespaltene Stadt, versucht mit sich selbst ins Gespräch zu kommen. Wie auch immer. Da kann auch Kunst nicht schaden. Die Pegida-Versammlungen an fast jedem Montag, rund 3000 Leute und 300, die dagegen protestieren: Ein Ritual, eine Sackgasse. „Ein gewaltiger Imageschaden ist entstanden, auch wirtschaftlich. Investitionen und Unternehmensansiedlungen gehen zurück. Dresden verzeichnet weniger Touristen“, schreibt Daniel Dettling, Leiter des Berliner Standortes des Zukunftsinstituts in der „Sächsischen Zeitung“.

Nun müssen andere Bühnen, andere Gelegenheiten und andere Akteure her, um die Sache aufzubrechen. Plötzlich wird überall geredet und mit heißen Eisen hantiert. Während die Wölfe noch auf dem Neumarkt standen, versuchten es die Dresdner CDU-Bundestagsabgeordneten Arnold Vaatz und Andreas Lämmel mit einer Veranstaltung, die auch Frauke Petry Spaß gemacht hätte: „Mal ernsthaft – mit Gendergaga gegen das arabische Frauenbild?“ Ein Abend, der unter Gebrüll und etwas Tumult litt, auch weil draußen vor der Tür Grüne, SPD und Linke schimpften, was dem ehemaligen Umweltminister und alten Poltergeist Vaatz Genuss bereitet haben dürfte.

Und in den Leserbriefspalten?

Tatsächlich aber, nimmt man die Leserbriefspalten der örtlichen Blätter als Stimmungspegel, bewegt etliche Dresdner momentan etwas ganz anderes noch etwas mehr als Pegida, metallene Wölfe oder Vaatz und Gendergaga: Was wird aus dem berühmten, in diesem Jahr 800 Jahre alten Kreuzchor? Drohen dem evangelischen Knabenchor Verweltlichung und Verflachung durch Auftritte wie jüngst vor 12 000 Zuhörern im Stadion von Dynamo Dresden? Driftet er ins ideologische und religiöse Niemandsland ab? Das sind dann Themen, wo sich auch der weltberühmte Tenor Peter Schreyer, 80 Jahre alt und selbst einst Kruzianer, wortgewaltig und fachkundig einschaltet und die Vorwürfe abwehrt: „Es triumphiert der Dresdner Kleingeist.“

Rainer Opolka übrigens will seine Werwölfe fortan überall in Deutschland zeigen, in allen Landeshauptstädten, zunächst Potsdam. „Eine wunderbare Aktion“, lobt er sich und sein Werk. Dass ihn außer dem Oberbürgermeister kaum Politiker besuchten, findet er aber skandalös. „Ich mache ja den Job, den eigentlich Dresdner und sächsische Politiker machen sollen.“

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