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Interview mit Irvin D. Yalom

Ein guter Therapeut braucht selbst Therapie

Der US-amerikanische Autor und Psychiater Irvin D. Yalom spricht mit der Frankfurter Rundschau über Nietzsches Tränen, Lou Salomé, Freud und Breuer und den Tod.

Es wäre doch toll gewesen, wenn Nietzsche  zu einem Therapeuten hätte gehen können, sagt Irvin D. Yalom.
"Es wäre doch toll gewesen, wenn Nietzsche zu einem Therapeuten hätte gehen können", sagt Irvin D. Yalom.
Foto: reid yalom

Sie haben in zwei Bereichen Karriere gemacht haben - als Psychotherapeut und als Schriftsteller: Was macht einen guten Schriftsteller aus, und wo treffen Therapeut und Schriftsteller aufeinander?

Gute Frage! Ich habe eine persönliche Regel, an die ich mich beim Schreiben halte: Ich schreibe nie über etwas, das ich selbst nicht ganz verstehe.

Zur Person

Irvin D. Yalom, geboren 1931 als Sohn russischer Einwanderer in Washington D.C., gilt als einer der einflussreichsten Therapeuten der USA. Als Autor von Romanen und Erzählbänden ("Und Nietzsche weinte", "Die rote Couch", "Die Schopenhauer-Kur"), die in erster Linie im Milieu der Psychoanalyse angesiedelt sind, erreichte er international ein Millionenpublikum. Yalom war als Professor an der Stanford-Universität tätig und lebt im kalifornischen Palo Alto. (ksp)

Tun das Ihrer Meinung nach viele andere Autoren?

Es gibt doch einige, die eine unnötig komplizierte und hermetische Prosa schreiben. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist Martin Heidegger. Von ihm stammen viele tiefe Einsichten, aber er schreibt in einem unzugänglichen Stil. Diesen Zugang zum Schreiben verstehe ich nicht. Ich denke darüber im Moment viel nach, weil ich gerade einen Roman über Spinoza schreibe, der sehr schwer zu fassen ist, weil er so unendlich komplex ist. Ich selbst möchte im Schreiben klar und konzise sein. Und ich bemühe mich darum, interessante Geschichten zu erzählen. Auch in meinen Lehrbüchern wie "Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie"

..das sich allein in den USA über 700 000 Mal verkauft hat

Ja, es ist einer meiner größten Erfolge. Der Grund ist, glaube ich, dass es für die Studenten eine anregende Lektüre ist. Das liegt an den vielen Geschichten, mit denen ich es vollgepackt habe. Ich habe immer wieder gehört, es lese sich wie ein Roman und nicht wie trockene Theorie.

Sie haben einmal geschrieben, dass es Ihre Liebe zur Literatur war, die Sie die medizinisch-psychiatrische Karriere hat einschlagen lassen. Wie das?

Ich bin im russischen Immigrantenmilieu meiner Eltern in Washington D.C. aufgewachsen. Dort wusste man nicht viel über Berufe. Zwei Dinge kamen für mich in Frage: Geschäftsmann oder Arzt. Auch weil die größtenteils farbige Nachbarschaft für einen kleinen, jüdischen Jungen wie mich ein gefährliches Pflaster war, hielt ich mich vor allem drinnen auf und wurde zu einem leidenschaftlichen Leser. Und die Medizin schien mir bedeutend näher an Tolstoj und Dostojewski als die Geschäftswelt. Ich wusste auch, dass ich mich in dem Gebiet der Medizin spezialisieren wollte, das der Literatur am nächsten liegt - und das ist sicher die Psychiatrie.

Weil die großen Autoren auch als große Meister der Psychologie gelten?

Sie waren tatsächlich geniale Psychologen und Psychiater und hatten ungeheuer tiefen Einblick in die menschliche Seele. Wir müssen von ihnen lernen. Freud zum Beispiel hat das getan.

In Ihrem Roman "Als Nietzsche weinte" erzählen Sie die - fiktive - Geschichte des Zusammentreffens zweier historischer Figuren: des renommierten Wiener Arztes und Freud-Mentors Josef Breuer und des Philosophen Friedrich Nietzsche. Warum haben Sie gerade diese beiden zusammengespannt?

Die Jahre zwischen 1881 und 1882, in denen Josef Breuer die Hysterikerin Bertha Pappenheim behandelte, die später als der berühmte Fall "Anna O." die Grundlage für seine und Freuds "Studien zur Hysterie" bildete, waren zufällig auch eine schreckliche Zeit für Friedrich Nietzsche. Er war nie näher am Selbstmord, den er damals in Briefen auch dezidiert als Möglichkeit erwähnt. Unter anderem ging es dabei um das Ende seiner Beziehung zu Lou Salomé.

die in Ihrem Buch das erste Treffen zwischen Breuer und dem suizidgefährdeten und unter schwerster Migräne leidenden Nietzsche einfädelt. Die echte Lou Salomé wurde später eine Schülerin Freuds.

Die Beziehung zu Lou Salomé war einer der Gründe für Nietzsches schlechten Zustand. Jedenfalls dachte ich mir: Es wäre doch toll gewesen, wenn Nietzsche in dieser Zeit tatsächlich zu einem Therapeuten hätte gehen können.

Nur dass es damals keine Therapeuten im heutigen Sinn gab?

Es gab ein bisschen Arbeit mit Hypnose in Frankreich, aber der einzige, der damals tatsächlich in Frage gekommen wäre, war Josef Breuer in Wien.

Für Freud selbst war es noch ein paar Jahre zu früh.

Ja, 1882 war er noch Student. Breuer hingegen hatte schon Erfahrung mit dem Fall Anna O.. Ich hatte folgende Idee: Vielleicht kann ich Studenten vieles über Psychotherapie beibringen, wenn ich sie zu lesenden Augenzeugen der Erfindung der Psychoanalyse mache.

Bald behandelt ja Nietzsche Breuer mindestens genauso wie Breuer Nietzsche. Ist in der Art von Psychotherapie, die Sie die beiden durch ihre Gespräche miteinander entwickeln lassen, auch Ihre Kritik an der Freudschen Psychoanalyse enthalten?

Mein Hauptkritikpunkt an Freud war immer, dass das Psychosexuelle so sehr im Mittelpunkt seiner Theorien steht. Also habe ich mir eine Geschichte und eine Personenkonstellation einfallen lassen, bei denen der Kern der Entwicklung der Psychotherapie eher in der Existenzphilosophie liegt.

Am Ende ist nicht mehr klar, wer Patient ist und wer Therapeut. Einen solchen Rollentausch gibt es auch in Ihrem Roman "Die rote Couch". Was interessiert Sie so an diesem Motiv?

Ich will damit zeigen, dass jede Psychotherapie ein Kooperationsprozess ist. Indem ich beschreibe, wie Breuer langsam auf den Gedanken kommt, dass er mit seinen Problemen auch ein bisschen Hilfe gebrauchen könnte, zeige ich außerdem, wie wichtig Therapie ist. Dazu kommt noch: Will man ein guter Therapeut sein, braucht man selber ebenfalls Therapie, um die Rolle des Patienten aus eigener Anschauung zu kennen.

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Datum: 20 | 11 | 2009
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