Am Sonntag vor genau 50 Jahren begann im Osten Deutschlands ein einzigartiges Projekt. Am 28. August 1961 drehte der damals 26-jährige Regisseur Winfried Junge in der Oderbruch-Gemeinde Golzow, rund 60 Kilometer östlich von Berlin, zum ersten Mal für einen Kurzfilm über Sechsjährige und ihre ersten Tage in der Schule. Seither kehrte er immer wieder in das Dorf zurück, begleitete die damaligen Schulanfänger mit Kamera und Tonband. Aus dieser Nähe entstanden bis 2007 neunzehn Filme mit einer Gesamtlänge von 42,5 Stunden. „Die Kinder von Golzow“ gelten damit als die längste Landzeitdokumentation der internationalen Filmgeschichte. Wir sprachen mit Winfried und Barbara Junge über damals und heute.
Vor 50 Jahren filmten Sie die Golzower Kinder erstmals im Sandkasten. Gab es seinerzeit schon die Idee, sie ein halbes Leben lang zu begleiten?
Eine Schulklasse aus dem Dorf Golzow im Oderbruch und die unterschiedlichen Lebensläufe von achtzehn Schülern sind seit 1961 Gegenstand der ältesten Langzeitbeobachtung des internationalen Films. Regie führten Barbara und Winfried Junge.
Es geht um Menschen der Jahrgänge 1953 bis 1955, die in der DDR geboren wurden, dort aufwuchsen und in der Mitte ihres Lebens Bürger der Bundesrepublik Deutschland wurden, um historische Brüche. Es ist eine authentische Geschichte, die filmisch 2007 ihr Ende fand.
„Die Kinder von Golzow“ umfasst 19 Filme: gut 42 Stunden alltägliches Leben in seiner Veränderung. Alle erschienen im Progress Film-Verleih.
Eine Gesamtedition als DVD-Box „Die Kinder von Golzow“ erschien bei Absolut Medien (18 DVDs); ab ca. 100 Euro.
W. J.: Nein, ich wollte nur versuchen, diesen einen Film so gut wie möglich zu machen. Karl Gass, der Leiter der Künstlerischen Arbeitsgruppe bei der DEFA, in der ich beschäftigt war, sah das sicher anders. Von ihm kam die Idee zu dem Projekt. Er hatte die Vision, Jungen und Mädchen zu porträtieren, die einmal als Erbauer des Sozialismus in die Geschichte eingehen würden.
Wann wurde Ihnen klar, dass daraus ein Langzeitprojekt wird?
W. J.: Nachdem der erste, rund viertelstündige Golzow-Film „Wenn ich erst zur Schule geh“ aufgeführt wurde, stand schnell fest, dass ein zweiter Film folgt. Für mich begann damit eine wunderbare Lehrzeit. Ich konnte meine Fehler korrigieren, suchte jene Poesie auf die Leinwand zu bringen, die in der Arbeit mit den Kindern verborgen ist, und erfuhr, wie man Szenen mit ihnen provoziert. Ich bekam Selbstvertrauen. Auf diesem Weg hat mir mein damaliger Kameramann Hans-Eberhard Leupold sehr geholfen. Im Vorspann des dritten Golzow-Films, „Elf Jahre alt“ (1966), wurde dann schon mitgeteilt, dass die DEFA die Kinder bis zu ihrem 25. Lebensjahr begleiten würde.
„Elf Jahre alt“ gilt als der „demokratischste“ der frühen Golzow-Filme. Sie haben auf jeden Kommentar verzichtet und ganz auf die Worte, Gestik und Mimik der Heranwachsenden vertraut. Deren Sicht auf die Welt erscheint sozusagen pur.
W. J.: Dieser Film eröffnet viele Themenkomplexe, bis hin zu Krieg und Frieden, und wirkt von den frühen Arbeiten bis heute am frischesten. Ich mag ihn sehr. In anderen Filmen schaute der politische und pädagogische Pferdefuß heraus. Ich hätte vorsichtiger sein sollen, kann mich aber heute nicht damit entschuldigen, dass es mir aufgedrückt worden wäre. Die Zeit war eben so. Später arbeitete ich gemeinsam mit dem Schriftsteller Uwe Kant, der eine feine Ironie in seine Texte einbrachte und gern mit doppeltem Boden arbeitete. Auf diese Weise gelang es uns, auch Sachen in die Filme aufzunehmen, die sonst nicht zeigbar gewesen wären.
Was war Ihr schönster, was Ihr schwierigster Golzow-Film?
B. J.: Das war in beiden Fällen „Drehbuch: die Zeiten“ (1992), der erste Film nach dem Ende der DDR. Er musste unheimlich viele Aspekte abdecken: Was geschah nach 1989 mit der genossenschaftlichen Landwirtschaft und den Menschen in Golzow? Welchen Brüchen war jeder Einzelne ausgesetzt? Was war überhaupt mit dieser ganzen DDR passiert? Darüber hinaus wollten wir auch vom Ende der DEFA erzählen, und von unserem eigenen Sprung in die freie Marktwirtschaft. Wir hatten Sorge, nur eine Materialsammlung zu montieren, aber nie einen richtigen Film. Schließlich wurde „Drehbuch: die Zeiten“ 4 Stunden und 44 Minuten lang. Ein Konglomerat aus 35- und 16-mm-Material, mühsam gebunden von einem Sprechertext, der tausend Details mitzuteilen hatte. Dennoch wurde er, vor allem im Ausland, der erfolgreichste unserer Filme. Übrigens erklärte auch der Landwirt Hans-Georg von der Marwitz, der nach 1990 aus dem Westen ins Oderbruch, das Land seiner Ahnen kam, die Golzow-Filmreihe habe dazu beigetragen, die Mentalität seiner damals noch neuen Nachbarn zu verstehen.
Wenn vom Lebenswerk der Junges die Rede ist, heißt es immer wieder: Golzow. Aber Sie haben, vor allem bei der DEFA, noch 35 andere Produktionen realisiert.
W. J.: Nicht alles war gut, vieles hat nicht den Rang der Golzow-Reihe. Aber dass manches in Vergessenheit gerät, wie so vieles andere von meinen DEFA-Kollegen, macht uns traurig. Deshalb habe ich beim DVD-Label absolut Medien nun auch angeregt, eine Doppel-DVD mit zehn, zwölf anderen unserer Filme zu edieren. Mal sehen, ob das finanziell machbar ist.
Gehen Sie mit Golzow noch auf Reisen?
B. J.: Hin und wieder. Wir waren unter anderem in São Paulo, Japan, Taiwan. Das chinesische Fernsehen hatte uns zu einer Zentralen Dokumentarfilmkonferenz zum Thema Alltagsgeschichte eingeladen. Demnächst laufen Teile des Golzow-Films „Lebensläufe“ (1981) in der Universität Grenoble auf einer Tagung über „Fortschrittliche Kultur im Kalten Krieg“. Und unlängst hat der italienische Sender RAI alle 42 Stunden in seinem Wochenend-Nachtprogramm ausgestrahlt. Das müssen Leute gesehen haben. Wir erhielten Mails aus Italien.
Ihre letzten Dreharbeiten fanden 2005 statt, die letzten Schnittarbeiten 2007. Könnten Sie sich vorstellen, dass ein jüngerer Regisseur die Arbeit fortsetzt und dabei vielleicht das alte Material neu sichtet und montiert?
B. J.: Im Moment nicht. Der Abstand ist zu kurz; vielleicht könnte man in zehn, fünfzehn Jahren an ein PS denken. Wichtig ist auch, dass jeder, der zu drehen anfängt, sich das Vertrauen der Golzower neu erobern muss. Ich fände es schon aufregend, einmal zu sehen, was aus den Kindern und Kindeskindern geworden ist.
Eine Fortsetzung der Golzow-Reihe wäre auch deshalb spannend, weil das Amt Golzow inzwischen zu den Gemeinden im Land Brandenburg mit den meisten Kindern unterhalb der Armutsgrenze gehört. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?
W. J.: Es hat uns überrascht, denn es ist eine weitgehend unsichtbare Armut. Man geniert sich, arm zu sein. Verdeckte Armut wird erst deutlich, wenn Anträge beim Amt gestellt werden oder ein Kind nicht an der Klassenfahrt teilnehmen kann. Es gibt eben nicht genügend Arbeit in der Gegend. Jüngere Leistungsträger ziehen weg. Der Ort hat seit zwanzig Jahren rund zweihundert Einwohner verloren, er beginnt zu überaltern. Die Gemeinde hat zudem über 200 000 Euro Schulden. Die Landwirtschafts-GmbH steckt alle ihre Gewinne in Investitionen und zahlt deswegen auch keine Steuern; sie hatte außerdem ein schlechtes Jahr hinter sich. Die Felder standenr unter Wasser und es gab eine schwache Ernte. Steuereinkünfte gibt es zwar von einigen kleinen Gewerbetreibenden, aber das reicht nicht hinten und nicht vorn.
Ist durch eine solche Geldknappheit auch das Golzower Filmmuseum bedroht, in dem seit rund zehn Jahren Dokumente Ihres Lebens und Wirkens, viele Fotos, Dokumente, aber auch zwei Schneidetische, eine Kamera und mehr ausgestellt sind?
B. J.: Es könnte eng werden. Die Gemeinde muss Miete für die Räume und Zuschüsse für die Beschäftigten zahlen. Zudem sind bauliche Veränderungen nötig. Der Eintritt ins Museum kostet drei Euro. In diesem Jahr kamen schon 1 000 Besucher. Ein kleiner Rekord, aber es genügt nicht. Der Verein „Golzower für Golzow“ hat aufgerufen, einen Förderkreis für das Museum zu gründen. Das soll auf auf einem Festakt am Vormittag des 3. September geschehen, während der Feiern zum 50. Jahrestag des Drehbeginns. An diesem Tag werden dann einige unserer „Kinder von Golzow“ ihre Gäste durchs Dorf und die Schule führen. Eine schöne Gelegenheit, in die Geschichte unseres Langzeitprojekts und in die Gegenwart des Ortes einzutauchen.
Das Gespräch führte Ralf Schenk.
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