Rube Goldberg (1883-1970) war einer der größten Erfinder seltsamer Maschinen. Nach der Devise "Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht" entwarf er Apparate, die keinen anderen praktischen Nutzen hatten, als die eigene Mechanik vorzuführen. Das Künstlerpaar Fischli & Weiss ließ sich von ihm zu seinem Film "Der Lauf der Dinge" inspirieren, und seit 22 Jahren wird Goldberg zu Ehren ein Wettbewerb um die spleenigste Maschine ausgetragen. Auch Jean-Pierre Jeunet und seine Produktions-Designerin Aline Bonetto hätten gute Chancen, wenn sie Jeunets neuestes Werk "Micmacs - Uns gehört Paris!" einreichen würden. Der "Amelie"-Erfinder ist ein begnadeter Regietüftler und hat sich in dieser Hinsicht jetzt selbst übertroffen.
Jeunets Filme sind Kettenreaktionen; einmal in Gang gesetzt, hält sie nichts mehr auf. In "Micmacs" gibt ein französischer Soldat den Startschuss. Er tritt in Algerien auf eine Mine und stirbt, worüber seine Witwe den Verstand verliert, was wiederum ihren Sohn, den kleinen Bazil, in ein Waisenhaus bringt. Hier ergeht es ihm nicht besonders gut, und als der von Dany Boon gespielte Held des Films erwachsen ist, sitzt er einsam in einer Videothek und spricht die Dialoge amerikanischer Gangsterfilme mit. Auf der Straße bekriegen sich derweil echte Gauner mit der Polizei. Eine verirrte Kugel trifft Bazil in den Kopf, im Hospital wirft der Chirurg eine Münze und operiert ihn lieber nicht: Gratuliere, Sie könnten jederzeit tot umfallen, sind ansonsten aber kerngesund!
Nun ist Bazil ganz allein und arbeitslos und weiß nicht wohin. Er findet Unterschlupf bei den Micmacs, einem Völkchen wunderlicher Außenseiter, die auf einem Schrottplatz hausen und sich der Konstruktion seltsamer Maschinen widmen. Jeder Micmac hat ein Talent, das sich als nützlich erweisen wird: Da ist die Schlangenfrau, die lebende Kanonenkugel, das Rechengenie oder der Typ, der die aberwitzigsten Bestleistungen aus dem Guinnessbuch der Rekorde herbeten kann. Gemeinsam hecken sie den verwegenen Plan aus, zwei konkurrierende Rüstungsunternehmen in den Ruin zu treiben und die Welt dadurch ein bisschen sicherer zu machen. Die eine Firma hat Bazils Vater auf dem Gewissen, die andere die "magische" Kugel in Bazils Schädel produziert.
Eine Szene jagt die nächste, bis sich die Handlung zu einer grotesken "Rififi"-Hommage steigert. Tetsuo Nagata hat dieses Kabinettstückchen in das für Jeunet typische Sepiabraun getaucht, und um die nostalgische Stimmung noch zusätzlich zu betonen, wird ausgiebig aus Max Steiners Hollywood-Kompositionen zitiert. Der schrullige Stil passt hier weit besser als zuletzt in Jeunets Kriegsdrama "Mathilde". Trotzdem ist auch bei den Micmacs häufig der Punkt erreicht, an dem sich die ausgefeilte Mechanik tot zu laufen scheint.
Micmacs - Uns gehört Paris!, Regie: Jean-Pierre Jeunet, Frankreich 2009, 104 Minuten.
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