Sie ist klein, beinahe zart und trägt eine viel zu große Brille. Aber wenn sie spricht, hat Ibthihal Younis nichts Gebrechliches. Von ihrem Stuhl blickt sie geradewegs auf das Bild ihres Mannes, das von einem Projektor an die Wand geworfen wird: Nasr Abu Zayd. Der große Koran- und Literaturwissenschaftler, der vor einem Jahr in Kairo starb, verkörperte jene Art von „Islamic Newthinking“, die ihm 1995 nicht nur eine Verurteilung vor einem ägyptischen Gericht und die Annullierung seiner Ehe einbrachte, sondern weltweiten Respekt vor der Tiefe und Modernität seines wissenschaftlichen Denkens. Seine Frau Younis sitzt nun im Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) in Essen in einem Kreis von Gelehrten aus Südafrika, Iran, den USA, Libanon, Ägypten, Türkei und Indonesien, die Abu Zayds Vermächtnis fortführen wollen: den Islam neu zu denken.
Die Wissenschaftler beabsichtigen, in einem innerislamischen Kreis eine neue Landkarte eines reformierten Islam zu zeichnen. Unter ihnen sind bekannte Vordenker aus der auch hierzulande geführten Debatte: Navid Kermani, Almut Bruckstein oder KWI-Direktor Claus Leggewie, der die Veranstaltung gemeinsam mit der federführenden Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur (Uni Zürich) leitet. In sieben Diskussionsrunden wollen die Gelehrten einen Anstoß geben, das Weltbild des Islam umzustürzen. Das Weltgespräch der Denker spannt den Bogen über Demokratie hin zum Feminismus, es handelt von Religionskritik und der Rolle der Intellektuellen.
Klischees müssen zerstört werden
Aber den Islam neu denken zu wollen, heißt auch, Klischees zu zerstören. Wie den Blick des Europäers auf die islamisch geprägten Länder. Allzu leicht subsumiert der „westliche Beobachter“ alle Vorgänge, sei es politischer, wirtschaftlicher oder kultureller Natur unter den Oberbegriff Islam. Al-Azmeh Aziz, ein filigraner Denker aus Damaskus, bezeichnet dies als die Islamisierung des Islam durch den Westen. „Der Westen glaubt, dass schlichtweg alles in den islamischen Ländern mit Islam zu tun hat.“ Und nimmt anderes nicht zur Kenntnis. „Auf dem Tahrir-Platz in Ägypten fragt hingegen niemand nach dem Islam“, sagt Kermani.
Andererseits: Nicht nur der Westen will wissen, wie es um die Menschenrechte im Islam bestellt ist, um die Scharia, das islamische Recht also, ob die islamischen Gesellschaften sich dem säkularen Leben öffnen können –, sondern auch viele Muslime selbst.
Sadik al-Azm, einer der berühmten Gelehrten aus Damaskus, erörtert zu diesem Zweck die Pflicht der Intellektuellen. Er selbst zählt sich zu den säkularen Vordenkern des Islam, und seine Aufgabe scheint er darin zu sehen, die arabischen Intellektuellen zurechtzustutzen. Auf ein neues Denken, einen Reform-Islam in den arabischen Ländern zu warten, wäre wie in Samuel Becketts Stück „Warten auf Godot“.
Zwischen Marx und Koran
Al-Azm beklagt eine mangelhafte Debattenkultur: Wie im 9. Jahrhundert über den Koran diskutiert wurde, ob er eine göttliche Eigenschaft darstelle oder nicht, sei in der gegenwärtigen arabischen Welt unmöglich. Und die fundamentalistischen und konservativen Deutungen unter den theologischen Gelehrten nehmen überdies zu. Eine neue Sicht auf den Islam bei den Intellektuellen werde nur dann Kontur gewinnen, wenn eine Autorität auftritt und es ihnen vorgibt. Al-Azms Hoffnung: der sogenannte Euro-Islam unter den in Europa lebenden muslimischen Intellektuellen könne die Debatte in den arabischen Ländern beleben.
Abdolkarim Soroush, einer der einflussreichsten liberalen iranischen Denker, glaubt hingegen, dass der Marxismus, als eine offenkundig säkulare Gesellschaftsform, sich eher mit der Idee der sozialen Gerechtigkeit im Islam anbinden lasse als der Liberalismus mit den Ideen der Menschenrechte. „Mohammed galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Prophet der Sozialisten“, sagt der Philosoph, der lange an der Harvard University lehrte. „Im tiefsten Herzen waren selbst die reinsten Kleriker Sozialisten.“
Mit Ludwig Wittgenstein den Koran auslegen, das unternimmt der iranische Philosoph Mohammad Majtaed Shabestari. Der heilige Text der Muslime soll mit Hilfe einer Sprechakt-Theorie analysiert werden. Doch Sprache braucht einen natürlichen Sprecher, einen menschlichen Akteur, so Shabestari. Damit wird einer der traditionellen Deutungen des Korans der Boden unter den Füßen entzogen: die verbale Inspiration des Propheten durch Gott. „Gott kann als metaphysisches Wesen aus sprachphilosophischer Sicht nicht dem Propheten in einer physischen Welt seine Gesetze mitteilen“, sagt der iranische Denker. Der Koran werde so zu einer Kopie ohne Original, der allein mit Hermeneutik zu deuten sei. Alles soll interpretiert werden, denn nichts ist von selber klar – dies verdeutlicht zu haben ist ein Verdienst einer ertragreichen Tagung.
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