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Eine wilde Erinnerung an Michael Baxandall: Introvertierter Star

Er war einer der größten Kunstgeschichtler unserer Zeit. Er war ... Michael Baxandall, der Mann mit den großen Augen, der Raubvogelnase, dem gegurgelten Urteil.

Kunsthistoriker Baxandall starb am 12. August in London.
Kunsthistoriker Baxandall starb am 12. August in London.
Foto: UEZ

Der Akademiesaal war wieder voll, Kunststudenten und wir, die Externen, und alle staunten diesmal noch ein bisschen mehr über die Ausführungen des Redners, der uns mitten hineinzog in die Werkstätten der Renaissance, von der Gewinnung der Farben bis zu den Vereinbarungen von Gönnern und Künstlern, was die Verwendung von Gold und Blau betraf. Erst bei Mitte der Vorlesung stellte sich heraus, dass Robert Kudielka nicht plötzlich besessen war, sondern uns ein ganzes Buch präsentiert hatte, und das war eines von Michael Baxandall.

Wenige Jahre vergingen, dann war er selbst in Berlin, als Gast des Wissenschaftskollegs, und zwar zusammen mit Svetlana Alpers. Das war ein Paar! Sie geerdet, wendig, fordernd, direkt, er flüsternd, kryptisch, verschraubt, ätherisch. Zurückversetzt ins 15. Jahrhundert, hätte ich gesagt: Er Mystiker, sie Inquisition. Deren Fusion als Buchautoren stand noch bevor.

Erst habe ich es übersehen, obwohl man sich dafür gewiss anstrengen musste, aber Michael Baxandall hatte eine exzentrische, kreisende Körpersprache, die Schultern schließend wie hydraulische Pforten, der Kopf sich plötzlich vorbeugend, die Arme ihr Ziel suchend (gleich wird der Bleistift angespitzt): bis zuletzt, als ich ihn kaum verbal noch verstand, habe ich das nicht als Krankheit verstanden. Ich hielt es für den gewaltsamen Ausdruck einer mir unbekannten Passion.

Er war ein richtiger Salonmarxist, falls man versuchte, mit ihm zu parlieren. Dafür war er schließlich bekannt, die Kunstgeschichte über die Analyse ihrer sozialen Praxis aufgerollt zu haben. Aber das war nicht er. Ich meine, das war nicht der Mann auf dem Beifahrersitz meines roten Pandas, als wir durch Berlin tourten, von einer Galerie zur anderen, damals die schicken im Westen und die schrottigen im Osten. Sonst wäre er, zeitgenössisch, ein Freund der Kunst der "Institutionskritik" geworden, die Abschaffung der Kunst um ihrer Verbesserung willen: Baxandall aber bewegte sich im Zeitgenössischen wie ein Gesandter von Sotheby's, mit einem scharfen Auge für Form und Raum, Referent und Mythos. Er hatte keinen Spaß daran, sich täuschen zu lassen. Er hatte eine Ahnung davon, wie Kunst wirklich gemacht wird. Jenseits des Wissens und diesseits auch.

Später saßen wir auf der Terrasse des Alperschen Hauses in Berkeley, wo er, hoffentlich täusche ich mich nicht, leidenschaftlich Zigaretten rauchte. Er hatte dort eine Professur angenommen: Amerika für die Lehre, London für die Binnenschau. Er führte zwei Leben, pendelnd. Das war ein riesiges Vergnügen in der Küche, wir vor dem Fernseher in Berkeley. Michael schnappend wie ein Alligator; ja, das Übel! Denn Bilder und Worte zu trennen und zu versöhnen, das war unsere Kunst, und dieses Infomuddel war genau das Gegenteil.

Gewiss habe ich es irgendwann begriffen: Er war einer der größten Kunstgeschichtler unserer Zeit. Ich lag im Bett mit über vierzig Fieber, als sein Schatten-Buch kam, mit einer persönlichen Widmung: "You don't need to read it", was ich dann tat, ein Höllentrip. Es gibt Bücher, die sich erst im Nachhinein entschlüsseln, und dieses war eines davon. Manchmal dachte ich, er hätte nicht bei Sedlmayr in München hören sollen. Dieser spekulativ-düstere Zug.

Michael Baxandall verstand Deutsch sehr gut. Ich zitierte seine Widmung, als ich ihm meinen Roman schickte, aber er las ihn trotzdem. Er schrieb zurück: "Was ich meine, ist, dass ein Fremder Formalitäten für Ironie halten könnte und andersherum; und sich auch irren kann, was das Objekt ironischer Stimmlagen betrifft - das Geschehen und die Personen; das Romanschreiben selbst, der Leser, das Leben? Alles auf einmal?" Er wusste eben, worum es beim Schreiben geht und was die Risiken betrifft. Übrigens war er gegen das Redigieren: Er glaubte an den Autor als originäre Kraft, als Denkmaschine.

Ach, er ist tot. Gestorben sechs Tage vor seinem 75. Geburtstag, dem Montag dieser Woche. Ich habe keine Ahnung, was er war, Autokrat oder Pädagoge, Zyniker oder Romantiker, Systematiker oder Eklektiker. Er war eben Michael Baxandall, der Mann mit den großen Augen, der Raubvogelnase, dem gegurgelten Urteil. Indirekt ist er mir erschienen, und so ist er gegangen. (Für den Terminkalender: Sein Buch über die deutschen Holzschnitzer bestellen.)

Michael Baxandall schrieb u.a. "Die Wirklichkeit der Bilder", "Die Kunst der Bildschnitzer", "Löcher im Licht" und, zusammen mit Svetlana Alpers, "Tiepolo und die Intelligenz der Malerei".

Autor:  ULF ERDMANN ZIEGLER
Datum:  20 | 8 | 2008
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