Der schlanke Mast war leicht gebogen, als Ingo Niermann, Erik Niedling und April Lamm am Montag auf dem Platz der Berliner Schlossfreiheit eine Flagge hissten. Die Fahne war ein Vehikel ihrer Demonstrationskunst. "Unser Freiheits- und Einheitsdenkmal soll ein Ort für die Bürger werden", sagen die Projektkünstler, "ein Speakers Corner, an dem man sich treffen debattieren und agitieren oder auf den dessen Stufen rasten kann."
Man kann das demonstrative Flaggenhissen (www.diegroßeflagge.de) als Beitrag zum inzwischen gescheiterten Wettbewerb für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal sehen. Ganz sicher ist das allerdings nicht. Möglicherweise ist es bloß ein ironischer Kommentar zum Desaster des Verfahrens, das der Deutsche Bundestag mit seinem Beschluss vom 9. November 2007 auf den Weg gebracht hat. Das ambitionierte Projekt eines deutschen Nationaldenkmals, das der Einheit, aber auch der demokratischen Tradition der deutschen Geschichte Rechnung trägt, hängt in der Luft.
Das zu dokumentieren, hätte es nicht eigens einer Ausstellung bedurft, in der nun im Berliner Kronprinzenpalais bis zum 31. Mai die 532 Entwürfe gezeigt werden, die nicht das Plazet jener Jury gefunden haben, der u.a. Kulturstaatsminister Bernd Neumann, Bundestags-Vize Wolfgang Thierse und Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz angehörten.
Die Ausstellung ist alles andere als repräsentativ. Werden Wettbewerbsergebnisse in der Regel vorgestellt, um das hohe Niveau eines demokratischen Verfahrens transparent darzustellen, so gerät diese Schau von vornherein in den Verdacht, die ablehnende Haltung der Jury nachträglich legitimieren zu wollen. Einige Teilnehmer haben sich denn auch dagegen gewehrt, mit ihrer Eingabe bei einer solchen Verlierervorführung mitzuspielen. Es ist keine Frage der Ehre, nun aufs Feld geschickt zu werden.
Dabei hätte man sich auf einige der Vorschläge verständigen können. Beate Rothensee hat eine kreisförmige, begehbare Skulptur entworfen, die sie "Ringe der Einheit in Freiheit" genannt hat. Dekonstruktivistisch könnte man das zerbrochene Vieleck nennen, das Rudolf Henniger eingereicht und mit der Aufschrift "Wir sind ein Volk" versehen hat. Burkhard Vierus favorisiert eine Kugel, die den offenen Prozess der der zukünftigen Geschichte andeutet. Die Ausstellung der 532 gleicht einem Karneval der Formen, zu dem, wenn Farbe ins Spiel kommt, auf schwarz, rot und gold zurückgegriffen wird.
Es dürfte leicht fallen, sich über das Gezeigte lustig zu machen. Der Hit des ersten Tages war ein Schlumpfdenkmal. Es muss kein Nachteil sein, dass zu einem Wettbewerb für ein Freiheitsdenkmal auch den Spaßvögeln und Ernstverweigerern hinreichend Platz eingeräumt wird. Ansonsten zeigt die Schau die ganze Bandbreite vom Runden bis zum Eckigen und vom Spitzen zum Gebrochenen. Es gibt einige beachtliche landschaftsarchtektonische Entwürfe zu sehen und manches, was an die Fantasiebauten erinnert, die Peter Jackson in seinem "Der Herr der Ringe" perfektioniert hat. Noch immer scheint in den Köpfen der Gestalter auch Fritz Langs "Metropolis" herumzuspuken.
Wer jedoch die Nase über das Gezeigte rümpft, wovon rund einhundert Entwürfe in eine zweite Runde gelangten, darf die Auslober des Verfahrens nicht ungeschoren davonkommen lassen. Vom Initiator, die Deutsche Gesellschaft (DG), stammte die Idee, einen anonymen und offenen Wettbewerb durchzuführen. Professionelle Architekten und Künstler haben sich unterdessen längst darauf verständigt, derlei Ausschreibungen nicht mit ihrem Berufsethos vereinbaren zu können. Der Deutsche Bundestag, der aus einer Feiertagsarithmetik heraus zeitlichen Druck auf das Verfahren ausgeübt hat, steht nun vor einem Scherbenhaufen. Die Jury hat wohl aus Selbstschutz auf die Präsentation eines Siegers verzichtet. Das symbolische Durcheinander, das das Gesamtbild der Entwürfe ergibt, sagt nicht zuletzt einiges über die unausgegorenen Vorgaben des Bundestages aus. Wer an einem satisfaktionsfähigen Denkmal Interesse hat, der sollte dem fortgesetztem Verfahren vor allem Zeit gönnen.
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