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20. Januar 2012

Elbphilharmonie: Der Turmbau zu Hamburg

 Von Bernhard Honnigfort
Schick sieht es aus, das Ärgernis von Hamburg. Foto: dpa

Alle gegen alle: Die Elbphilharmonie in Hamburg wird immer teurer und vielleicht auch irgendwann fertig. Ende und Kosten sind offen - der Hamburger Senat spricht von 2014, Hochtief soll angeblich das Jahr 2015 genannt haben.

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Drei Kräne, aber keiner dreht sich oder hebt etwas. Bestes Wetter, aber kein Handwerker in Sicht. Fantastisch funkelt der Klotz aus Glas und Backsteinen über dem Wasser in der Wintersonne. Stillstand mal wieder auf Hamburgs berühmtester Baustelle, der Hamburger Elbphilharmonie mitten im Hafen. „Nur noch Streitereien“, sagt der Matrose auf der „Olympic Star“, die eine Runde mit Touristen durch den Hafen dreht und kurz vor dem Bauwerk anhält.

„Da laufen angeblich mehr Anwälte rum als Handwerker.“ Und warum das so sein soll, erzählt der Mann in der dicken Jacke auch noch: „Der Clou sind die Fenster. Jedes eine Eigenkonstruktion, 1700 Stück, jedes 10.0000 Euro. Und dann haben sie die Haken vergessen für die Fensterputzer, die sich da abseilen sollen. Nun müssen die alle wieder raus.“ Die Sache stimmt so nicht ganz – die Fenster müssen nicht wieder raus. Aber tatsächlich wurde die Reinigungsanlage weggelassen, und zwar aus Kostengründen. Und wie die Fenster im 22. Stock einmal geputzt werden sollen, ist völlig offen.

Nur eins von hunderten Problemen

Aber das Fensterproblem ist nur eines von Hunderten. „Jeder kämpft für sich, niemand schaut auf das Ganze. Wenn der Senat das nicht ändert, gerät das Projekt unter die Räder“, beschreibt es Jens Kerstan, der Chef der Grünen-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft. Eigentlich sollte die Elbphilharmonie 2011 feierlich eröffnet werden. Eigentlich sollte sie der Höhepunkt in der politischen Karriere des früheren Bürgermeisters Ole von Beust werden. Aber dessen Regierung aus CDU und Grünen ist längst Geschichte wie auch alle Zahlen und Berechnungen, die jemals zur Elbphilharmonie angestrengt wurden. „Das Projekt ist nach wie vor richtig. Dass es so vor die Wand fährt, ist tragisch“, meint Kerstan.

Seit Jahren wird gezankt. Als der Megabau vor sieben Jahren angeschoben wurde, sollte sich die Stadt mit 77 Millionen Euro beteiligen. Im Jahr darauf wurde alles vertraglich festgezurrt: Der Konzern Hochtief baut, was das Architektenbüro Herzog & de Meuron entwirft. Als Obergrenze legte die städtische Gesellschaft ReGe, die das Projekt steuern und kontrollieren sollte, 114 Millionen Euro fest. Alle waren dafür. Aber das war immer eine unwirkliche Zahl, wie das Datum der Fertigstellung. Mittlerweile spricht das Rathaus von 323,5 Millionen Euro. Dazu kommen noch die Summen, die private Investoren für Hotel, Restaurant, Wohnungen und Tiefgarage auf dem Gelände der Elbphilharmonie beisteuern. Insgesamt hat der Bau längst die halbe Milliarde Euro hinter sich gelassen.

Ende und Kosten sind offen

Was irgendwann sicher ein Juwel unter den Konzerthäusern der Welt sein wird, steht derzeit als verwaister Rohbau da. 2014 soll es fertig werden, verkündete der Hamburger Senat kurz vor Weihnachten. Angeblich soll Hochtief aber kurz danach schon das Jahr 2015 genannt haben. Ende und Kosten – offen. „Es war mal eine schöne Idee“, erinnert sich Kerstan. Aber dann wurde daraus der Turmbau zu Hamburg. Nicht Sprachverwirrung, sondern Vertragswirrwarr sorgte dafür, dass alles immer teurer und komplizierter wurde.

„Die Verträge sind nicht wasserdicht“, sagte schon vor zwei Jahre der heutige Finanzsenator Peter Tschentscher (SPD). „Es gibt keine synchronisierte Planung.“ Die fehlt heute noch. Die Teufel stecken in den Details: Generalunternehmer Hochtief habe den Auftrag zu einem Preis bekommen, der nie realistisch war. Und Herzog & de Meuron, ein renommiertes Büro in der Schweiz, welches das legendäre Vogelneststadion in Peking und die Fußballarena in München entworfen hat, wurde auch mit der Feinplanung beauftragt, was nicht üblich ist. Normalerweise kümmert sich der Generalunternehmer um die Details der Ausführung.

Baustelle ruht seit fast vier Monaten

So begann der Streit. Auf der einen Seite Architekten und ihr hipper Entwurf, auf der anderen ein knapp kalkulierendes Bauunternehmen, das umsetzen sollte, was sich so einfach nicht bauen ließ. Die Stadt hatte mit beiden Seiten Verträge, aber es gab keine zwischen Architekten und Bauunternehmen. Ein unglaublicher Lapsus einer Stadt, die sich ihrer jahrhundertealten Kaufmannstradition rühmt.

Mittlerweile ruht Europas prominenteste Kulturbaustelle seit fast vier Monaten. Hamburg beschäftigt knapp zwanzig Anwälte, um aus dem Wirrwarr herauszukommen. Es gibt bereits einen zweiten Parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der das Durcheinander auf der Baustelle durchleuchtet.

Aktuell streitet man um das Dach. Hochtief hält es in der geplanten Form für nicht baubar und fürchtet um die Statik des gigantischen Konzertsaals darunter. Der soll das Nonplusultra der Akustik werden, ein Saal für 2150 Menschen, auf riesigen Stahlfedern ruhend, ausgekleidet mit 10000 einzeln angefertigten, unterschiedlich geformten Gipsplatten, was den weltbesten Klang liefern soll. So jedenfalls plant es Yasuhia Toyota, der Meister der Akustik aus Japan. Die Architekten behaupten, das Dach sei akkurat berechnet und zu bauen.

200.000 Euro pro Tag Verspätung

Am Freitag entscheidet das Hamburger Verwaltungsgericht erst einmal einen Streit zwischen Stadt und Baukonzern über Bauzeitenverlängerung und Vertragsstrafen. Es geht um 200.000 Euro – pro Tag Verspätung. Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) ist jetzt offenbar die Hutschnur geplatzt. Er hat das Ärgernis zur Chefsache erklärt und hofft auf „Fortschritte im Laufe dieses Jahr es“ – was fast bescheiden anmutet. Man sei konfliktbereit. Jetzt setze Scholz auf „maximale Konfrontation“ und gebe sich als „Rambo“, sagt der Grüne Kerstan. „Dabei geht doch schon lange nichts mehr. Das Ganze wird immer mehr eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für gutbezahlte Rechtsanwälte.“

Am 3. Februar wird erstmals Scholz’ Vorvorgänger Ole von Beust vor dem Untersuchungsausschuss befragt. Vielleicht kann er besser erklären, wie aus dem Hamburger Traum ein Ärgernis ohne absehbares Ende wurde.

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