Elfriede Jelineks „Winterreise“ wurde Anfang des Jahres uraufgeführt und seither als Theaterstück so sehr gelobt (die Inszenierungen dazu weniger), dass man als Regisseur schon gute Nerven braucht oder aufhören muss, Zeitung zu lesen. Und doch kommt das jetzt in Frankfurt unbefangen daher. Kein Theaterabend, der das ganz Große sucht, aber einer, der das Kleine findet: eine detailreiche Melancholie, die dem (hier auf 80 Minuten heruntergekürzten) Text gut steht.
Den schwarzen Boden im röhrenhaft langen Seitenraum des Bockenheimer Depots hat Claudia Rohner mit Papierschnitzeln wie mit Schnee bestäubt. Das Eis-Knacken signalisiert gefährliches Terrain. Spektakulär weit hinten im langen Raum ahnt man Gestalten. Später zeigt sich: Das sind Statisten, mit denen Regisseurin Bettina Bruinier die Schauspieler doppeln lässt, kein zwingendes, aber zutiefst romantisches Motiv.
Die Statisten tanzen zwischendurch den Tanz der Schulterklopfer und Ellenbogenstoßer, eine von ihnen vertritt in einer Szene eine angefeindete Figur, eine Natascha Kampusch, die in die Kiste zurück muss, aus der sie gekommen ist. Diese fast berührungslose, allein in abstraktem Knuffen und Puffen sich äußernde Aggression gegen die puppenhafte junge Frau entwickelt sich wunderbar nebenbei. Kaum weiß man, wie es dazu kommen konnte, ohne dass es dadurch an Schärfe verlöre.
Unterm Flügel leuchtet ein Kronleuchter. Das wird früher ein prächtiger Saal gewesen sein, jetzt im Winter sieht man bloß Gerüst, Leitungen. Kornelius Heidebrecht spielt vom Flügel aus einen Hauch Schubert ein, aber wirklich nur einen Hauch. Das muss nicht immer „Winterreise“ sein, sondern beispielsweise auch etwas „Der Tod und das Mädchen“. Manchmal wird dazu gesungen, vorzugsweise von Josefin Platt, bei der es allerdings gleich klingt, als wäre das ein Brecht-Abend. Manchmal ist die Musik aber so leise – und das ist seltsamer, faszinierender –, dass man gar nicht recht weiß: War da jetzt überhaupt etwas oder nicht oder wie?
Alles bleibt vage, nur der Text ist wie gestochen. Josefin Platt, Lore Stefanek, Wilfried Elste und Andreas Uhse teilen ihn unter sich auf, reichen ihn durch ihre Reihen, manchmal im Wortsinn. Justina Klimczyk hat sie biedermännisch, aber letztlich unauffällig eingekleidet. Sie wirken oft sehr vereinzelt – das Licht, mal fahl, mal schmeichelnd ist dabei behilflich –, lange ist es ein simples Vorwärts-/Rückwärtsgehen. Dann bildet sich ein keifendes Häufchen, ein trauriges Nebeneinander- und Weit-weg-voneinander-Hocken. Situationen schälen sich heraus und verschlieren wieder.
Auf dünnem Eis
Josefin Platt ist dabei am ehesten die Fidele – wie sie fast ins Eis bricht, ist gerade noch witzig, es passiert ja auch nichts weiter – und die Energische, bei der man aber möglicherweise auch nur denkt, dass man sie am leichtesten durchschaut. Lore Stefanek ist die Beherrschte, trotz ihrer scheinbaren Bodenständigkeit divenhaft und geheimnisvoll. Beide Frauen nutzen ihren süddeutschen, österreichischen Einschlag zunehmend und mit Gewinn. Uhse, bisweilen ein Conférencier, tatsächlich ein Zauberer, bewegt sich großartig elastisch, schlenkernd, schlingelnd, Bürschchen und Tod in Personalunion. Elste – der abservierte Papa in einem schauerlichen Familiendrama – wird am Ende regelrecht rausgeschmissen. Halb stoßen sie ihn, halb rollt er von selbst durch den Pulverschnee.
Inzwischen hat sich die hintere Bühnenwand immer weiter vor geschoben (wann fing das eigentlich an?). Am Ende ist von der Bühne nichts mehr zu sehen. Das Licht geht an. Die Schauspieler, die jetzt noch dort vorne an die erste Zuschauerreihe geklemmt sind, hören einfach auf zu spielen. Der Raum ist weg, die Zeit vorbei.
Schauspiel Frankfurt, Bockenheimer Depot: 19., 21., 28., 30. Sept., 2.-5., 6. Okt. www.schauspielfrankfurt.de
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