Elliott Carter ist ein lebender Beweis dafür, dass Amerika es besser hat. Denn erstens hat Amerika in ihm einen bedeutenden Komponisten, der heute bei bester Gesundheit seinen 100. Geburtstag feiern kann, nachdem Europa gestern den ebenfalls 100 Jahre alten, aber schon vor 16 Jahren verstorbenen Olivier Messiaen feiern konnte. Zweitens ist Carter der Glücksfall eines Komponisten, der das Unzutreffende jeder prägnanten Unterscheidung zwischen amerikanischer und europäischer Musik repräsentiert. Und so einen hat Europa nicht zu bieten.
Natürlich ist er durch und durch Amerikaner. Geboren in New York in einer begüterten Familie mit regen Beziehungen nach Frankreich, mangelte es ihm nicht an Bildung und Anregung. Der große Charles Ives, ein Freund der Familie, nahm ihn unter seine Fittiche, Edgard Varèse lebte in der Nachbarschaft, und in der US-Premiere von Alban Bergs "Wozzeck" saß er neben George Gershwin. Carter studierte englische Literatur und klassische Philologie an der Harvard University und später Komposition bei Gustav Holst, Strawinsky prägte seine New Yorker Musik-Erfahrungen. Eine gute Portion altes Europa gehörte also zu seiner Bildung - nicht untypisch für das großbürgerliche Ostküsten-Milieu des frühen 20. Jahrhunderts.
1932 ging Elliott Carter, wie alle bildungshungrigen Amerikaner, nach Paris. Er hatte Unterricht bei der legendären Nadia Boulanger, von der sich auch Aaron Copland, Quincy Jones oder Philip Glass beeinflussen ließen. Carter blieb bis 1935 und wurde nach seiner Rückkehr in die USA Ballettchef, Musikkritiker und Hochschullehrer. Im Selbststudium hatte er sich mit Schönbergs Dodekaphonie vertraut gemacht - Nadia Boulanger hatte an der Zwölftontechnik kein großes Interesse -, aber er komponierte in den 30er Jahren in einem damals "populistisch" genannten neoklassischen Stil, der seine Ballettwerke "Pocahontas" (1939) und "Minotaur" (1947) charakterisiert. 1930 heiratete er die Bildhauerin Helen Frost-Jones, mit der er bis zu ihrem Tod 2003 zusammenblieb.
1950 zog er sich, in eine stilistische Sackgasse geraten, nach Arizona zurück. Sein dort entstandenes 1. Streichquartett war ein großer Schritt zu neuen musikalischen Ufern. In den folgenden Jahren beschäftigt ihn vor allem das Projekt eines trennscharfen Zusammenklangs verschiedener Ereignisse und metrischer Überlagerungen. Diese Werkphase markiert seinen Durchbruch zur europäischen Avantgarde. Sein 1965 komponiertes, Strawinsky gewidmetes Klavierkonzert entstand unter dem Eindruck der Berliner Mauer und zeichnet das Verhältnis zwischen Orchester und Klavier folgerichtig als ein letztlich vergebliches Sichaufbäumen des Solisten gegen die massierten Angriffe des Orchesters.
Carters Partituren sind hoch organisiert und komplex, gleichwohl ist er, was Klangvorstellungen, Besetzung und Notation anbelangt, konservativ: Geräuschhaftigkeit, Aleatorik, Elektronik, minimalistische Täuschungsmanöver - all das käme ihm nicht in die Tüte. Viele seiner Anhänger überraschte er vor einigen Jahren mit der Feststellung, er halte das Atonale der Neuen Musik inzwischen für einen Irrtum. Darin erscheint aber nicht nur Alterskonservatismus, sondern auch die Entwicklung von Hörerfahrungen. Denn keineswegs hat sich Carter wieder in die Arme eines abgelegten Populismus geworfen. Aber er hat selbst an der Veränderung der Hörgewohnheiten mitgearbeitet: Was vor einem halben Jahrhundert noch Schmerzen verursachte, wird heute oft wie nebenbei weggehört.
Carter ist in seiner künstlerischen Entwicklung nicht stagniert, und schon gar nicht hat er sich zurückentwickelt. Sein Werk umfasst über 130 Opuszahlen, die letzten 30 Kompositionen entstanden in den letzten zehn Jahren. Er war fast 91, als seine erste Oper, "What next?", uraufgeführt wurde, und seine Musik ist heute, wie Pierre Boulez sagt, "flexibel, erfindungsreich, weniger kompliziert und leichter aufzuführen" als früher. Carter selbst hofft, dass das viele Reden über Musik im Umfeld seines runden Geburtstags bald wieder aufhöre, damit er wieder Zeit zum Komponieren habe.
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