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Erdbeben in Italien: Goldgrube für die Mafia

Nach der Gefahr durch das Beben, droht nun die durch den Wiederaufbau: L'Aquila war bisher eine starke, von der Camorra unabhängige Stadt. Hilfsgelder könnten sie jetzt magisch anziehen. Von Roberto Saviano

Eine Stadt wurde entblößt: Wohnungen in L’Aquila.:
Eine Stadt wurde entblößt: Wohnungen in L’Aquila.:
Foto: afp

Wir werden es nicht zulassen, dass spekuliert wird. Schreib das so! Sag laut, dass sie gar nicht daran zu denken brauchen, uns mit Zement zuzuschütten! Hier entscheiden wir, wie wir unser Land wieder aufbauen...". Diese Worte sagt mir ein Mann auf dem Rugby-Platz. Direkt ins Gesicht. Er kommt mir so nahe, dass sich unsere Nasen fast berühren und ich seinen Atem spüre. Er umarmt mich kräftig, dankt mir dafür, dass ich gekommen bin. Aber seine Angst ist mit dem Erdbeben nicht vorbei.

Der Fluch des Erdbebens zeigt sich nicht nur in jener Minute, in der die Erde bebt, sondern auch in dem, was danach geschieht. Ganze Stadtviertel müssen abgerissen, Ortschaften wieder bewohnbar gemacht und Hotels neu errichtet werden. Das Geld, das eintrifft, hilft, die Wunden zu heilen, aber es droht auch, die Seelen zu vergiften. Die Bewohner der Abruzzen befürchten, dass sich beim Wiederaufbau die Hilfe zu einer grenzenlosen Spekulation auswächst.

Zum Autor

Roberto Saviano, geboren 1979 in Neapel, ist Schriftsteller und Journalist. Er hat sich spezialisiert auf Recherchen über das organisierte Verbrechen, wegen Morddrohungen muss er seit Oktober 2006 unter Polizeischutz leben und seinen Aufenthaltsort ständig wechseln.

Sein Buch "Gomorrha", eine Mischung aus Roman und sorgfältig recherchierter Mafia-Geschichte, außerdem der Grund für die Morddrohungen, erhielt 2006 den Premio Viareggio (dt. beim Hanser-Verlag). Das Buch wurde im vergangenen Jahr verfilmt.

Interaktive Grafik: Das Erdbeben in Italien

Der italienische Journalist,Roberto Saviano, wird von der Mafia bedroht.
Der italienische Journalist,Roberto Saviano, wird von der Mafia bedroht.
Foto: rtr

Hier in den Abruzzen ist mir die Geschichte eines berühmten Abruzzesen wieder in den Sinn gekommen: Benedetto Croce. Er ist hier in Pescasseroli geboren. Seine Familie wurde bei einem Erdbeben zerstört. "Wir waren zu Tisch beim Abendbrot, ich, meine Mutter und meine Schwester, als der Vater sich gerade dazusetzen wollte. Plötzlich sah ich ihn, wie er, als ob er schwerelos geworden wäre, wankte, und dann versank er im Fußboden, der sich seltsamerweise geöffnet hatte. Meine Schwester schoss wie ein Pfeil hoch in Richtung Decke. Geschockt schaute ich mich nach meiner Mutter um. Ich holte sie auf dem Balkon ein, wo wir beide hinabstürzten. Ich verlor das Bewusstsein." Benedetto Croce stand bis zum Hals im Schutt. Noch Stunden lang sprach der Vater mit ihm. Dann verschied er. Man erzählt, der Vater habe ihm immer wieder denselben Rat gegeben: "Biet dem, der dir hilft, hunderttausend Lire an."

Die Abruzzesen wurden mit einem pausenlosen Einsatz gerettet, der jedem Gemeinplatz über den angeblich faulen Charakter der Italiener und über ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden Hohn spricht. Aber der Preis, den diese Region zu bezahlen haben wird, könnte sehr hoch sein, er könnte die hunderttausend Lire, die der arme Vater von Benedetto Croce genannt hat, bei weitem übersteigen. Der Schrecken von Irpinia (Kampanien), wo vor bald 30 Jahren die Erde bebte, die Geldverschwendung dort, die Korruption, das Monopol der Politiker und Verbrecher beim Wiederaufbau geben Anlass zu Angst. Man weiß ja, was Zement bedeutet und was die Gelder bewirken, die ja nicht für die Entwicklung, sondern als Nothilfe eintreffen.

Was für die Bevölkerung eine Tragödie ist, wird für manch einen eine günstige Gelegenheit, eine unerschöpfliche Fundgrube, ein Paradies, das Profit abwirft. Konstrukteure, Landvermesser, Ingenieure und Architekten sind dabei, in die Abruzzen einzufallen. Als scheinbar harmloses Hilfsmittel, das am Anfang der Invasion von Zement steht, dienen ihnen die Formulare zur Feststellung der Schäden an den Häusern. Sie werden in diesen Tagen an die Bauämter aller Provinzhauptstädte der Abruzzen verteilt. Hunderte von Formularen für Tausende von Inspektionen. Wer dieses Blatt in den Händen hat, kann sich sicher sein, hochbezahlte Aufträge zu erhalten.

"Je höher der Schaden veranschlagt wird, desto mehr verdienst du", sagt mir Antonello Caporale. Ich bin mit ihm in die Abruzzen gekommen. Er ist Journalist und hat das Erdbeben von Irpinia erlebt. Die Wut des Erdbebenopfers wird man nicht so leicht los. Um zu verstehen, welche Gefahr den Abruzzen droht, muss man just von jenem Erdbeben vor 29 Jahren ausgehen, von einem Dorf in der Nähe von Eboli. "In Auletta", sagt der Vizebürgermeister Carmine Cocozza, "sind wir noch immer dabei, die Rechnungen im Zusammenhang mit dem Erdbeben zu begleichen. Ein Viertel der staatlichen Hilfe geht als Honorar an Techniker." In Auletta hat die Regierung noch in diesem Jahr Gelder für die Fertigstellung von Arbeiten verteilt, die das Erdbeben erfordert hat. "Meine Gemeinde hat zweieinhalb Millionen Euro erhalten. Mit dem Geld sollen die letzten Häuser gebaut und das finanziert werden, was als letztes noch getan werden muss." Es ist schwer, sich vorzustellen, dass noch nach 29 Jahren Gelder für den Wiederaufbau fließen. Aber es geht um die 25 Prozent, die den Technikern zustehen. Es sind nach den Tarifen der Berufsvereinigungen berechnete Beträge, alles korrekt und nach Gesetz abgerechnet. Projektionskosten, Kosten für die Bauaufsicht, Kosten für die Abnahme durch die vom Amt bestellten Prüfer. Die Beträge steigen und steigen. Die Kontrollen sind zahllos. Der Techniker stellt fest und stempelt ab. Die Gemeinde begleicht die Rechnung.

Die Gefahr beim Wiederaufbau liegt genau hier. Das Gutachten gibt den Schaden zu hoch an, und es fließen mehr Gelder. Wer einen Auftrag erhält, splittet ihn auf und verkauft Teile davon weiter. So kommt ein Kreislauf von Zement, Erdbewegung, Bagger zustande. Die Baumaßnahmen ziehen die Avantgarde beim Geschäft um Aufträge an: die Clans. Die Familien der Camorra, der Mafia und der 'Ndrangheta sind schon immer hier gewesen. Und nicht nur, weil in den Gefängnissen der Abruzzen die Crème de la crème der Camorra-Unternehmer einsitzt. Es besteht die Gefahr, dass es in Zeiten der Krise den Organisationen gelingt, die großen Geschäfte Italiens nun unter sich aufzuteilen. Zum Beispiel die Mailänder Expo für die 'Ndrangheta und die Aufträge beim Wiederaufbau der Abruzzen über zwischengeschaltete Firmen für die Camorra.

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Autor:  ROBERTO SAVIANO
Datum:  17 | 4 | 2009
Seiten:  1 2
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