Kinstliche Mutter nix guter Titel, verrät alles." Das antwortete der rumänische Philosoph E.M. Cioran bei einem Treffen im Tessin auf Hermann Burgers Frage, wie er den Titel seines neuen Romans finde. Dann fragte er Cioran, wie der Titel überhaupt zu verstehen sei - ihm selbst sei das nämlich in dreijähriger Schreibarbeit noch nicht klargeworden. "Doch gutes Titel" habe der Philosoph eingelenkt, notiert Hermann Burger in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen über "Die allmähliche Verfertigung der Idee beim Schreiben".
"Die künstliche Mutter", das kühne, verführerische und vertrackte Meisterwerk aus dem Jahr 1982 ist mittlerweile leider vergriffen. Der Romantitel lässt an künstliche Befruchtung, aber auch an Goethes Trauerspiel "Die natürliche Tochter" denken. In einem Gespräch mit dem Publizisten Klaus Colberg erklärte Hermann Burger im Herbst 1982: ",Die künstliche Mutter' ist eine Chiffre für eine Therapie. Diese Therapie wird im Bergesinneren, und zwar im Gotthard, durchgeführt von einer gewissen Auer-Aplanalp. Sie geht von der Erkenntnis aus, dass die natürliche Mutterliebe sehr oft psychosomatische Folgen haben kann, nämlich dann, wenn die Mutter bei der ersten Geburt sehr unsicher ist, wenn sie ihre Probleme auf das Kind überträgt."
Natürlich, die Mütter sind an allem schuld. Hermann Burger kam 1942 im Kanton Aargau als erstes Kind eines Versicherungsinspektors zur Welt. Stets behauptete er, seine Mutter und Schwester hätten sich gegen ihn verbündet. Mit 25 erfuhr er zum ersten Mal in aller Härte, was er im berühmten FAZ-Fragebogen als das größte Unglück bezeichnete: "Eine moderne Zeitkrankheit, die Depression". Das Alter Ego des habilitierten Germanisten Burger in der "Künstlichen Mutter", Wolfram Schöllkopf, erleidet in der Alma Mater oder "Schreckensmutter" der ETH Zürich einen tragikomischen psychosomatischen Zusammenbruch. Das lässt den Dozenten für Germanistik und Glaziologie, also Gletscherkunde, stante pede in die Tiefen des Gotthardtunnels flüchten.
Dort, im Mutterschoß des Helvetismus, im Fort Réduit der wehrhaften Alpenrepublik, erhofft sich Schöllkopf durch eine erotische Tiefentherapie, durchgeführt von den Gotthardschwestern, die Erlösung von seiner Unterleibsmigräne. Angesichts dieser stupenden Verschränkung von Phantasie und Wirklichkeit erreichten Burger Leseranfragen nach der "Eros-Klinik im St. Gotthard". Strahlende germanische Lieblingsschwester ist die blonde Dagmar Dom, eine heilende Helena des Nordens oder "Diseuse vom Gazellenkamp". Unschwer lässt sich eine bekannte deutsche Nachrichtensprecherin in dieser Lichtgestalt erkennen.
Für Hermann Burger waren Künstler nicht weniger als "Therapeuten der Wirklichkeit". Ihm selbst half diese Erkenntnis tragischerweise nicht. Skeptisch blickt der Schriftsteller durch seine überdimensionale eckige Brille, als er im Heilstollen von Bad Gastein den Bademantel ablegt, um in den Bettenzug zu steigen, der die Patienten ins immer heißer werdende Bergesinnere bringt. Die Fotografie aus Beat Kuerts Filmessay über "Die künstliche Mutter" ist noch bis 1. März in der Ausstellung "Hermann Burger: Nachlass zu Todeszeiten" im Zürcher Strauhofmuseum zu sehen.
Die wütende Lebensfeier des Wolfram Schöllkopf alias Armando findet in Lugano bei einer euphorischen Ferrarifahrt ihr tödliches Ende, so wie der Tod als Drohung und Verlockung das gesamte Werk des manisch-depressiven Übertreibungskünstlers grundiert. "Ferrari humanum est" lautet treffend ein Kapitel der Zürcher Ausstellung. Burgers Stammgarage, die seine beiden Boliden wartete, steuerte einen strahlend roten Kotflügel bei. Angeblich hatte er vom S. Fischer-Verlag vergeblich einen Ferrari als Dienstwagen verlangt. Dass er mit seinen letzten beiden Büchern, den "Brenner"- Romanen, unter lautem Getöse zu Suhrkamp wechselte, ist ebenfalls Teil jener grellen Selbstdarstellung, deren Opfer er am Schluss auch wurde.
Stellt "Die künstliche Mutter" Hermann Burgers Genesungsroman dar, so handelt es sich bei "Schilten" von 1976 um einen dezidierten Todesroman. Der "Schulbericht zuhanden der Inspektorenkonferenz" machte ihn als einen der originellsten und wortmächtigsten Autoren deutscher Zunge bekannt. Marcel Reich-Ranicki, der ihm 1985 den Ingeborg-Bachmann-Preis für "Die Wasserfallfinsternis von Badgastein" überreichte, war von der Brillanz des Schweizer Egozentrikers zutiefst überzeugt. "Schilten" immerhin wurde jetzt neu aufgelegt. In einem abgelegenen Aargauer Tal schreibt der vereinsamte Scholar von Schilten seinen "Schulbericht". Darin teilt er der desinteressierten Inspektorenkonferenz mit, wie der Schulbetrieb vom benachbarten Friedhof usurpiert wurde.
Von Kafka stammt das Motto: "Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit." Aus Heimatkunde wird Todeskunde, der Appell verhallt ungehört. Hermann Burgers Protagonisten sind häufig im Leben unterlegene Figuren, die sich durch hyperbolische Beschwerdebriefe an die Instanzen rächen wollen. Mit ungeheurer Sprachgewalt schleudern sie dabei Wortgeröll empor. "Da muss ich immer aufpassen, dass ich nicht auch den Leser zudecke, dass der Leser zwischen diesen Sätzen noch atmen kann", räumte der Autor selbstkritisch ein.
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