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05. Oktober 2014

Ernest Wichner: Das ist Freizeit und Entspannung

 Von 
„Ich bin für eine friedliche Koexistenz meiner unterschiedlichen Arbeiten“, sagt Ernest Wichner, Literaturproduzent und -organisator.  Foto: Marko Lipus/pA

Wie richtet man sich das Leben ein? Wie wird man von ihm eingerichtet? Fragen, die auch den Lyriker Ernest Wichner beschäftigen.

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Herr Wichner, Sie sind Lyriker, Essayist. Zuletzt haben Sie zum 3. Oktober eine Erzählung geschrieben. Im Hauptberuf aber sind Sie Leiter des Literaturhauses in Berlin. Daneben übersetzen Sie. Wie geht das alles zusammen?

Michael Krüger leitete den Hanser-Verlag, hatte ständig mit fremden Texten zu tun. Das hinderte ihn nicht daran, eigene Gedichte und Erzählungen zu schreiben. Der konnte das. Mir fällt es schwer, neben der Arbeit im Literaturhaus meine eigenen Sachen zu schreiben. Krüger hatte einen literarischen Willen, über den ich offenbar – in diesem Ausmaß – nicht verfüge. Ich habe die Befürchtung, dass, wenn ich mich hinsetze und anfange zu schreiben, während ich gerade den Roman dieses Autors, die Erzählung jener Autorin lese, diese Geschichten, diese Schreibweisen sich hineindrängen in das, was doch mein Eigenes werden soll. Ich brauche offenbar mehr Abstand zu den anderen. Auch zu den anderen Tätigkeiten. Ich habe Termine zu verwalten, Geld zu besorgen. Viel Bürokratisches.

Ist es das, was Sie wollten und wollen?

Ich hatte schon als Jugendlicher eine literarische Existenz angestrebt. Ich wollte Gedichte, Prosa, Literaturkritiken schreiben. Mit denen hörte ich dann ganz auf, als ich 2003 Leiter des Literaturhauses wurde. Ich wollte nicht, dass die ja doch sehr übersichtliche Szene dann auf Grund meiner Kritiken glaubt, mich ausrechnen zu können. So habe ich dann, weil ich ohne Schreiben nicht leben kann, mich dem Übersetzen zugewandt. Das lässt sich sehr gut mit der Arbeit im Literaturhaus – mit der Verwaltungs-, Planungs- und Organisationsarbeit – verbinden. Vor mir liegt der Text eines Autors. Ich muss mir nichts ausdenken. Ich muss mein deutsches Sprachvermögen aktivieren und kann Literatur schreiben. Wenn man beim Übersetzen knifflige Fragen klären muss, ist man intellektuell hellwach, manchmal sogar „inspiriert“, und das führt zu den gleichen Adrenalinausschüttungen, wie wenn man selber ein Gedicht schreibt.

Zur Person

Ernest Wichner, Leiter des Berliner Literaturhauses, wurde 1952 in Guttenbrunn (Banat/Rumänien) geboren. 1975 kam er nach West-Berlin, studierte hier Germanistik und Politikwissenschaften. 1986 wurde das Literaturhaus Berlin eröffnet. Chef war Herbert Wiesner. Ernest Wichner wurde ab 1988 sein Stellvertreter.

Seit 2003 leitet Wichner das Haus. Zuletzt erschien von ihm im hochroth Verlag, Berlin, der Gedichtband „Neuschnee und Ovomaltine“ (2010).

Aber es ist doch nicht dasselbe?

Es ist ein hochwertiger Ersatz. Aber es hat doch keinen Sinn, sich darüber zu beklagen, dass man nicht zum authentischen Selbstausdruck kommt. Wer tut das schon? Solange ich das Literaturhaus zu verwalten habe, muss ich darauf verzichten. Es kommt vielleicht zu fünf Gedichten im Jahr: wenn ich mal weg bin, den Kopf frei habe oder mich etwas so anrührt, dass ich gezwungen werde, ein Gedicht zu schreiben. Ich freue mich darüber, wenn das gelingt, aber es ist nicht mein permanentes Bestreben, parallel zu meinem Job auch dichterisch tätig zu sein.

Sie sagen parallel. Sie sagen nicht gegen …

Nein, so sehe ich das nicht. Ich bin für eine friedliche Koexistenz meiner unterschiedlichen Arbeiten. Sonst entstünde ein Ressentiment. Ich kann mir aber kein Ressentiment auf meinen Brotjob leisten: Ich will ihn ja gut machen.

Es ist ja auch ein schöner Beruf. Sie laden ein, wen Sie mögen. Sie malen mit Ihren Veranstaltungen den Berlinern ein Bild von der Literatur. Sie zeigen gerade eine Ausstellung über den tschechischen Schriftsteller Bohumil Hrabal (1914 bis 1997). Die Jüngeren werden ihn nicht kennen.

Ich habe gestaunt. Bei der Vorbereitung der Ausstellung habe ich diesem und jenem davon erzählt. Mitte September erzählte ich einer Lyrikerin davon. Sie ist Anfang Dreißig. Sie war hellauf begeistert und sagte: „Das ist einer meiner Leib-und-Magen-Autoren!“ So kann es gehen. Man glaubt, einen weitgehend Vergessenen ans Licht zu ziehen, und es stellt sich heraus, dass es viele gibt, die ihn schon für sich wiederentdeckt hatten. Man entdeckt die Autoren, die man braucht.

Sie haben es mit interessanten Menschen zu tun.

Das ist großartig. Wir hatten hier eine große Ausstellung über die deutsch-jüdische Literatur aus Czernowitz. Wir machten ein Buch dazu mit dem Titel „In der Sprache der Mörder. Eine Literatur aus Czernowitz, Bukowina“. Wir wollten zur Ausstellung Aharon Appelfeld einladen. Ich hatte Kontakt mit seinem Agenten, der mich warnte: Appelfeld wird nicht deutsch sprechen. Angesichts des Holocausts lehnt er das ab. Appelfeld kam nicht zur Ausstellung, aber fünf Jahre später war er im Literaturhaus, hatte die Gästewohnung oben. Wir sprachen englisch miteinander. Dann holte ich den Czernowitz-Band, gab ihn ihm. Er sah auf den Titel und sagte in seinem Bukowiner Deutsch: „In der Sprache der Mörder.“ Er sah mich an und fragte: „You did it?“ Ich nickte und sagte: „Sie haben den Titel auf Deutsch gelesen, können wir nicht deutsch über diese Dinge sprechen?“ Seine Antwort: „Wenn Sie das gemacht haben, bestimmt.“ Von diesem Moment an sprachen wir deutsch. Ich hatte das Gefühl, ihm ein wenig dabei geholfen zu haben, wieder einen Zugang zu seiner Kindheitssprache, der Sprache, in der seine Mutter mit ihm gesprochen hatte, freigelegt zu haben. So etwas vergisst man nicht.

Solche Begegnungen machen Sie nicht nur für sich. Sie machen Sie für uns.

Dafür bin ich da. Das ist die Aufgabe des Literaturhauses. Das ist eine sehr schöne Arbeit. Es sind ja nicht nur die Veranstaltungen, die auch vorbereitet werden müssen. Es sind die Ausstellungen und die Kataloge dazu. Ich lerne jeden Tag etwas Neues. Dazu kommt: Ich habe das Gefühl, ich kann tun und lassen, was ich will – es geht gut. Das ist großartig. Zumal ich ja weiß, dass ich mich für Dinge interessiere, für die viele andere sich ganz und gar nicht interessieren. Aber das macht nichts. Es sind immer genug Leute da. Außerdem gibt es natürlich Entwicklungen, bei denen es sich von selbst versteht, dass wir dazu etwas machen müssen. Als es im Frühjahr in der Ukraine eskalierte, kam Manfred Sapper von der Zeitschrift „Osteuropa“ zu mir und meinte: Wollen wir nicht im Mai eine Veranstaltungsreihe mit Schriftstellern und Intellektuellen aus der Ukraine machen? Die Programmhefte waren schon gedruckt, aber natürlich haben wir das gemacht. Als Wolfgang Hörner vom Galiani-Verlag anrief und mich fragte, ob nicht nächste Woche Michail Chodorkowski sein Buch über seine Mitgefangenen bei uns vorstellen könnte, habe ich freudig Ja gesagt.

Neben dieser Arbeit spüren Sie offenbar den Druck, noch zu übersetzen.

Ich habe keinen Druck. Das ist Vergnügen.

Gibt es nichts Vernünftiges im Fernsehen?

Ich habe keinen Fernseher. Ich habe ihn abgeschafft. Wenn ich um Mitternacht von einer unserer Veranstaltungen nach Hause komme, kann ich mich auch mit meiner Frau in die Küche setzen, und wir können uns bei einer Flasche Wein unterhalten. Das ist dann Familienleben. Dazu braucht es keinen Fernseher. Wenn ich unterwegs bin, allein in irgendeinem Hotelzimmer, dann sehe ich hinein und bin froh, dass ich ihn abgeschafft habe.

Wann machen Sie die Übersetzungen?

Ich verausgabe mich gerne am Wochenende. Gerade wenn es eine anstrengende Woche war. Freitagabend sind meist besonders wichtige Veranstaltungen. Nach denen geht es noch ins Café, so dass ich oft erst um zwei Uhr in der Nacht nach Hause komme. Wenn ich nach so einer Woche Sonnabend und Sonntag große Textmengen beim Übersetzen bewältigen kann, dann ist das beglückend. Für manche mag das aussehen, als würde ich nur arbeiten, als hätte ich keine Freizeit, keine Entspannung. Aber das ist Freizeit und Entspannung. Hätte ich das nicht, könnte ich nicht am Montag frisch und arbeitsfähig wieder in dieses Büro kommen.

Was ist eine große Textmenge?

Das hängt vom Text ab. Vergangenes Jahr erschien im Zsolnay-Verlag „Buch des Flüsterns“ von dem ehemaligen rumänischen Wirtschaftsminister Varujan Vosganian. Ein wichtiges, spannendes Buch über den Völkermord an den Armeniern. Da konnte ich zwanzig bis fünfundzwanzig Seiten an einem Wochenende übersetzen. Bei komplizierteren Gedichten schafft man nur vier, bis fünf Seiten.

Eigene Sachen am Wochenende – das geht nicht?

Ich habe mehrere Stoffe, bei denen ich noch gar nicht weiß, ob sie Romane oder historische Darstellungen werden. Das habe ich mir aber für die Zeit nach dem Literaturhaus zurückgelegt. Das sind umfangreichere Projekte. Die würden mein Funktionieren hier infrage stellen. Beim Übersetzen kann ich das dosieren. Je nachdem, wie viel Zeit ich habe, kann ich dann abends zwei, drei oder auch mal acht Seiten übersetzen. Das könnte ich bei größeren eigenen Sachen nicht.

Acht Seiten – das heißt etwa vier Stunden?

Ja.

Das muss eine Freude sein. Sonst gäbe es keine in Ihrem Leben.

Es ist beglückend, wenn einem etwas gelingt. Man lernt auch so viel dabei. Nicht nur neue Wörter und Sachen, sondern auch literarische Verfahren, Tricks, wenn Sie so wollen. Wenn Sie einen Roman lesen, überlesen Sie vieles. Beim Übersetzen geht das nicht. Sie müssen alles verstehen. Das ist der Reiz, das ist das Vergnügen. Man ist ständig in der Schule. Man erhält sich die kindliche Lernbereitschaft, man bleibt kindlicher. Ja, man wird jünger beim Übersetzen.

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