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Essay: Flüchtige Tote

Wie schwer es doch ist, aus abgelebten Dingen einen Hauch Vitalität zu filtern: Schriftsteller und ihre Museumslegenden. Von Wilhelm Genazino

Dichterdinge mit - hoffentlich - Aura, zu sehen in der neuen Schiller-Ausstellung in Marbach: Fäden, gesponnen von seiner Mutter,
Dichterdinge mit - hoffentlich - Aura, zu sehen in der neuen Schiller-Ausstellung in Marbach: Fäden, gesponnen von seiner Mutter,
Foto: DLA Marbach

Vom Erich-Kästner-Museum in Dresden hatte ich mir viel versprochen. Ich wusste, das Museum ist in einem für Kästners Lebensgeschichte bedeutsamen Haus untergebracht, nämlich in einer großen Villa in der Antonstr. 1, am Albertplatz (im Stadtteil Neustadt). In dieser Villa war Kästner, als er noch der kleine Erich war, oft zu Besuch. Hier lebte sein Onkel Franz, ein Bruder seiner Mutter, der es als Pferdehändler zu enormem Reichtum und eben auch zu dieser Villa gebracht hatte. Aber leider ist das Museum, wie so viele andere Literatur-Museen auch, kaum mehr als eine Art Archiv, das einer Verwahranstalt mehr ähnelt als einem lebendigen Raum. In zahlreichen Kästen, Schubladen und Vitrinen sind Kästner-Dokumente, Akten und Werke (oder Kopien davon) untergebracht - und lassen kaum einen Schimmer davon erkennen, was für eine anregende Persönlichkeit Kästner einmal war.

Das ist nicht als Vorwurf gemeint. Es ist schwer, aus abgelebten Dingen einen Hauch ihrer einstigen Vitalität herauszufiltern, und es geht schnell, auch mit aufregenden Objekten auf einem toten Gleis zu enden. Außer der üblichen Flachware gibt es drei Stücke aus Kästners wirklichem Leben zu sehen: eine Schreibmaschine aus der Nachkriegszeit, einen Sakko und einen schwarzen Hut. Ich verharrte längere Zeit vor diesen Objekten und versuchte, ob ich nicht einer auratischen Erfahrung teilhaftig werden könnte. "Die Aura einer Erscheinung erfahren, heißt, sie mit dem Vermögen belehnen, den Blick aufzuschlagen" (Walter Benjamin). Doch die Dinge schlugen den Blick nicht auf; alles, was sie von sich preisgaben, war ihre Staubigkeit und diverse Materialrisse, die ihnen ihr Alter aufgenötigt hatte.

Zur Sache

Wilhelm Genazino, geb. 1943 und in Frankfurt am Main lebend, erhielt 2004 für sein literarisches Werk den Georg-Büchner-Preis. Sein neuer Roman "Das Glück in glücksfernen Zeiten" (Hanser Verlag) wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Diesen Essay bringen wir in gekürzter Fassung. Vollständig wird er abgedruckt in dem Marbacher Magazin zu der Ausstellung "Autopsie Schiller. Eine literarische Untersuchung" im Literaturmuseum der Moderne in Marbach (1. März bis bis 4. Oktober). Denn es ist wieder einmal Schillerjahr: Der große Deutsche wurde am 10. November vor 250 Jahren in Marbach geboren. Nicht mit Schiller, aber mit der Frage, wie die Aura toter Dichtergrößen im Museum einzufangen wäre, beschäftigt sich der heitere Skeptiker Wilhelm Genazino.

Ich verließ die Villa und ging in die Königsbrücker Straße, die am Albertplatz beginnt. Hier ist Kästner geboren worden. Weil die Familie die Wohnung innerhalb der Königsbrücker Straße noch zwei weitere Male gewechselt hat, konnte Kästner später schreiben: "Und ich selber bin, was sonst ich auch wurde, eines immer geblieben: ein Kind der Königsbrücker Straße. Dieser merkwürdig dreigeteilten Straße mit ihren Vorgärten am Anfang, ihren Mietshäusern in der Mitte und ihren Kasernen am Ende der Stadt." Am Eingang des Hauses Nr. 66 hängt eine Tafel mit diesem Text: "Der Schriftsteller Erich Kästner, 1899-1974, wurde in diesem Haus geboren".

Neben der Eingangstür sind elf Klingelschilder angebracht, das Haus ist heute genauso belebt wie damals. Kästner gestand in seinen Erinnerungen: "In den drei Häusern meiner Kindheit gab es keine Marmorgöttinnen, keine Nymphen aus Bronze und keine höheren Töchter"; sie waren "Mietskasernen wie tausend andere auch". Aber Kästner räumt auch ein: "Wenn es zutreffen sollte, daß ich nicht nur weiß, was schlimm und häßlich, sondern auch, was schön ist, so verdanke ich diese Gabe dem Glück, in Dresden aufgewachsen zu sein." Insbesondere in dieser charakterstarken Königsbrücker Straße. Vermutlich wirkt sie durch die seither vergangene Zeit noch unumstößlicher als damals. Wäre über die Königsbrücker Straße westdeutsche Nachkriegszeit hingegangen, wäre sie möglicherweise irgendwann saniert oder restauriert worden.

Aber die Straße hat den Nachkrieg in der DDR überlebt, und das bedeutet: Durch ihre erhalten gebliebene Vernachlässigung blieb auch ihr Verliereranblick am Atmen. Das Straßenpflaster ist (nicht überall, aber doch überwiegend) dasselbe wie damals, die Innenhöfe der Häuser sind genauso windig und heruntergekommen wie damals, die diversen Steinbeläge der Gehwege sind nach wie vor poetisch, wirr, fesselnd.

Ich gehe an diesen eindrucksvoll verbauten Häusern vorbei, an niedergelebten Vorgärten, ich sehe erschütternd breite Schlaglöcher und aufreizend verkommene Gaststätten - und dazwischen die immer schon mit der Gegenwart kämpfenden Einzelbewohner. Plötzlich erlebe ich das, was Siegfried Kracauer einen "Straßenrausch" genannt hat, eine halluzinatorische Epiphanie. Ich werde für Augenblicke aus der Gegenwart herausgetragen und in eine vergangene Wirklichkeit zurückversetzt. Ich sehe den kleinen Erich Kästner in der Königsbrücker Straße herumirren. Der Junge sucht mal wieder (das hat er oft gemacht) seine depressive Mutter, die in Richtung Elbe verschwunden ist, um sich das Leben zu nehmen. Erich kommt zur rechten Zeit und verhindert nur durch seinen Anblick einen sicheren Selbstmord. Eine Straße stellt ihren Dichter aus: stärker als das ihm gewidmete Museum. Die Epiphanie dauert nur wenige Sekunden, dann ist der Straßenrausch vorüber.

Die Haustür ist offen. Auf einem kleinen Schild an der Klingel ist zu lesen, dass der Schlüssel zu Kafkas Zimmer in der Erdgeschosswohnung erhältlich ist. In dieses Haus in Kierling in Niederösterreich, das damals ein Sanatorium war, ist der todkranke Kafka am 19. April 1924 eingeliefert worden. Nach eineinhalb Monaten, am 3. Juni, ist er hier gestorben. In wenigen Minuten werde ich Kafkas Sterbezimmer sehen. Schon an der Haustür entsteht das innere Gehabe eines zwar verspäteten, aber Doch-noch-dabei-seins. Das Bedeutungstheater wird beim Eintritt in das Sterbezimmer sowohl enttäuscht als auch gestärkt. Natürlich habe ich nicht damit gerechnet, Kafka in einem Krankenbett liegend anzutreffen. Nein, das ist nicht wahr. Genau das habe ich durch alle Unwahrscheinlichkeit hindurch erwartet: Ich sehe Kafka (sagen wir) in einem weißen schmalen Eisenbett liegen. Von der damaligen Wirklichkeit des Zimmers ist nichts mehr vorhanden. Von zwei Gegenständen abgesehen, die hinter Glas besichtigt werden können, das damalige Sterbebuch der Gemeinde Kierling mit dem Eintrag von Kafkas Sterbedatum und einen Kehlkopfspiegel, mit dem Kafka untersucht worden ist.

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Autor:  WILHELM GENAZINO
Datum:  27 | 2 | 2009
Seiten:  1 2
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