Aktuell: Trauer um Claudia Michels | Pegida | Flucht und Zuwanderung | Fußball-News | Eintracht Frankfurt

Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

15. November 2012

EU Phorie: Der Krisenherd

 Von Christian Thomas
Europa, ein millionenfacher Krisenherd.Foto: dpa

Oskar Negt und sein EU-Manifest

Drucken per Mail

Mit Europas Nachkriegsordnung steht es wirklich nicht mehr zum Besten. Dabei denkt Oskar Negt nicht an die nach 45, sondern diejenige nach 48. Das ist jetzt 360 Jahre her: „Die transnationale Demokratisierung kann in der Tat nur gelingen, wenn der in den Akten des Westfälischen Friedens festgeschriebene nationalstaatliche Souveränitätsansatz endgültig verabschiedet wird.“

Überstanden ist nichts! Am wenigsten die Anachronismen. Um sie zu überwinden, beschäftigt sich Negt kaum mit dem, was durch den Westfälischen Frieden ja herbeigeführt wurde – Völkerrecht und staatliche Souveränität, nicht zuletzt die Verrechtlichung politischer Herrschaft. Ausdrücklich anders als Jürgen Habermas, der die politische Legitimation demokratischer Herrschaft ins Zentrum seiner EU-Überlegungen gestellt hat, pocht Negt darauf, dass sich eine transnationale Demokratie ohne soziale Basis nicht denken lässt.

Ein europäischer Sozialstaat

Negt nennt seine Analyse eine Streitschrift. Seine Sorgen kreisen weniger um die Probleme eines nachnationalen Verfassungsstaats als vielmehr um einen europäischen Sozialstaat; dafür bietet er eine Kurzrekonstruktion der marxschen Warenanalyse auf. Lodernd ist seine Empörung, herrlich die Formulierung: „Bildung ist Anlegen von Vorräten“.

Negts Streitschrift denkt nach über ein Europa des demokratischen Sozialismus. Sie setzt Appelle kursiv. Negts Verständnis von Ausbeutern und Ausgebeuteten ist bestürzend leninistisch. Seine Exitstrategien aus der Misere beschwören kollektive Lernprozesse. Seine Proklamation gilt einer Bildungsoffensive, einer Erwachsenenbildung, die die Erinnerung an ein Europa sozialer Experimente wachhält, das Gedächtnis an Großtaten von Produktionskollektiven oder Selbsthilfeorganisationen. Es geht um alles, denn es geht darum, dem „Bannkreis des Geldes“ zu entrinnen.

Recht auf Würde und Anerkennung

Wer ziemlich cool ist, wird all das belächeln. Klüger ist man beraten, Negts Einsicht ernst zu nehmen: kein nachnationales Europa ohne die Massenbasis von Bürgern. Negts Widerspruchsgeist beharrt auf dem Recht auf Würde und Anerkennung. Nicht dass er deswegen auch optimistisch wäre. Denn durch und durch miserabel ist das Zeugnis, dass er dem Kapitalismus ausstellt (so hat man sich immer schon ein Armutszeugnis vorgestellt). Für Negt ist der nicht kontrollierte Kapitalismus ein Produzent von „Angstrohstoff“.

Angstrohstoff ist ein echter Negtbegriff, regelrecht eine Ressource. Sein Buch analysiert beträchtliche Angstrohstoffvorkommen, angefangen vom einzelnen Arbeitsplatz, der eine Produktionsstätte der Unsicherheit und Ungewissheit geworden ist. Europa ist ein millionenfacher Krisenherd. Wie aber soll da EU-Optimismus überhaupt aufkommen?

Dazu beschwört Negts Eigensinn einen genossenschaftlichen Gemeinschaftssinn. Seine EU-Hoffnungen liefern sich einem solchen Kollektivgeist vollständig aus. Dieser Geist aber ist weder sonderlich begabt noch besonders lernwillig. Wäre es anders, Negts EU-Manifest wäre weniger hitzig ausgefallen.

Oskar Negt: Gesellschaftsentwurf Europa. Steidl Verlag Göttingen 2012, 120 S., 14 Euro.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Anzeige
Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Times mager

Spätkauf

Von  |
Unversehens befinden wir uns in  jener heißen Phase, in der ein lustiger Spiegeleiformer auf einmal ein durchaus interessantes Präsent  zu sein scheint.

Wohl dem, der schon längst die Geschenke gekauft hat. Alles andere ist jetzt ein riesengroßer Mist. Mehr...

Weihnachtsgeschenke

Unterm Weihnachtsbaum

Auch dies kann man mit einem Weihnachtsbaum machen: Hamburger Brauch des Baumwurfs, bei dem Schiffsbesatzungen im Hafen beschenkt werden.

Nun aber hurtig: Die FR-Redaktion gibt 24 konstruktive Empfehlungen für Bücher, für Musik und auch für ein paar Filme, die an Heiligabend getrost an die Lieben verschenkt werden können. Mehr...

Weihnachten Chanukka

"Auf Weihnachten gibt es kein Copyright"

Sterne und Lichter: Chanukka-Leuchter und Weihnachtbaum vorm Brandenburger Tor in Berlin.

Weihnachten und Chanukka-Fest fallen dieses Jahr auf denselben Tag. Im FR-Interview spricht der Theologe Clemens Leonhard darüber, wie sich Christen und Juden Brauchtum teilen, auch heidnisches. Mehr...

Nordmann-Tanne

Das Geschäft mit der Nordmann-Tanne

Von Eckart Roloff |
Abies nordmanniana. Ihr Entdecker Alexander von Nordmann konnte nicht wissen, dass er den perfekten Weihnachtsbaum gefunden hatte.

Der populärste Weihnachtsbaum ist nach dem Forscher Alexander von Nordmann benannt. Er hieß wirklich so. Wer war der Mann, der die berühmte Tannenart im westliche Kaukasus entdeckte?  Mehr...

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Dossier

Rezensionen des FR-Feuilletons zum Bücherherbst 2014.

Fotostrecken
Bambi 2014: Die Hin- und Weggucker

Ist sie frisch aus dem Dschungel entkommen? Nein, das soll wohl so. Das österreichische Model Larissa Marolt präsentiert - Mode. Mehr in unserer Fotostrecke: Die Hin- und Weggucker der Bambi-Verleihung.

Außerdem:
Fotostrecke: Die Bambi-Preisträger in Bildern
Fotostrecke: Prominente auf dem roten Teppich
Fotostrecke: Diese Preisträger standen schon fest

TV-Kritik
Anzeige

Videonachrichten Kultur
Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Kino: Neustarts
FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Medien
Buchtipps
Anzeige
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!