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31. August 2012

Exil-Ausstellung in Frankfurt: Vertrieben und vergessen

 Von Katharina Sperber
Handgenähte und -bestickte Tasche, angefertigt von Irma Lange, die mit ihrem Sohn nach England emigrierte und dort interniert wurde.

Nobelpreisträgerin Herta Müller eröffnet in Frankfurt eine Ausstellung über das Schicksal von Emigranten. Sie engagiert sich seit Jahren für dieses Thema - und verbindet damit eigene leidvolle Erfahrungen.

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Der Skandal wirkt fort. Wer zwischen 1933 und 1945 rechtzeitig den Herrschaftsbereich der Nazis verlassen konnte, um sein nacktes Leben zu retten, „gilt bis heute nicht als Opfer“, klagt die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller am Mittwochabend in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt. Deutschland wolle „nichts mit dem Wort Exil zu tun haben“.

Das ist keine kühne Behauptung, sondern Erfahrungsbericht einer Schriftstellerin, die, in Rumänien vom Geheimdienst verfolgt und mit dem Tode bedroht, 1987 nach Deutschland floh. Hier angelangt, gerät sie in die Mühlen einer monströsen Bürokratie: Was sie denn nun sei, wird sie im Aufnahmelager Nürnberg gefragt: Deutsche oder politisch Verfolgte. „Beides“ antwortet Müller. Das, wird ihr beschieden, könne es nicht geben, denn für einen solchen Sachverhalt gebe es kein Formular. Deutsch oder verfolgt, sie müsse sich entscheiden. Sie tat es – und kämpft seither für Exilanten und Emigranten.

Dieser Einsatz brachte ihr nun auch die Schirmherrschaft einer besonderen Ausstellung ein. Im hundertsten Jahr ihres Bestehens präsentiert die Nationalbibliothek, zu der auch das Deutsche Exilarchiv 1933 bis 1945 gehört, 16 Einzelschicksale von Emigranten. Sie sind keine Berühmtheiten wie Thomas Mann oder Billy Wilder. Sie sind Kürschner, Wissenschaftler, Verleger, Juristen, Politiker oder Komponisten, also Menschen wie du und ich. Sie alle eint, dass sie fliehen mussten. Eine erzwungene Reise in die Fremde, keine Auswanderung, neuer Chancen wegen.

Beispiele vieler Exilanten

„Die Wahl des Aufnahmelandes basierte meist nicht auf einem Wunsch, sondern war häufig allerletzte Chance“, sagt die Leiterin des Archivs und Kuratorin der Schau, Sylvia Asmus. Das war die erste ungünstige Voraussetzung für das künftige Leben. Die etwa 500.000 Menschen – Juden und Nichtjuden –, die während der Nazizeit emigrierten, waren Vertriebene und Getriebene.

Emigrantin Dora Schindel bei der Eröffnung der Ausstellung.
Emigrantin Dora Schindel bei der Eröffnung der Ausstellung.
Foto: Andreas Arnold

Häufig konnten sie in ihren ersten Aufnahmeländern wie den Niederlanden oder Frankreich nicht bleiben, mussten weiterziehen, wenn die Deutschen – ein Volk angeblich ohne Raum – ihren blutigen Raubzug ausweiteten. Winzigen Inseln gleich auf einem riesigen Meer trieben Frauen und Männer durch die Welt.

Das prägt die Ausstellung. Es gibt keinen historischen roten Faden, die Vitrinen mit den rund 230 Original-Exponaten stehen für sich, jede gefüllt mit Briefen, Dokumenten, Bildern und Gegenständen der 16 Vertriebenen. Man kann lange stehen bleiben, studieren, sich Gedanken machen, fragen, wie man das alles selbst hätte bewältigen können, und somit die „dunklen Winkel der Emigration ausleuchten“, wie Herta Müller sagt. Denn ob das Exil erträglich werden konnte oder nicht, hing von vielen Faktoren ab: Beruf, Bildungsgrad, finanzielle Lage, Durchlässigkeit der Gastgesellschaft und vieles mehr.

Wer früh fliehen konnte, erläutert Asmus, musste vielleicht weniger Traumatisierungen erleiden, als die Spätentschiedenen, die nach Demütigungen und Todesdrohungen mit letzter Kraft entkommen konnten. Wesentlich war auch die Gabe des schnellen Spracherwerbs. Die Frankfurter Lyrikerin Emma Kann beispielsweise schrieb während ihres Exils in den USA zeitweise auf Englisch ihre Gedichte und sogar ihr Tagebuch. Erst als sie nach dem Krieg nach Konstanz zog, wechselte sie wieder ins Deutsche. Eine Zeile aus ihrem Gedicht „Heimatlos“ gibt der Ausstellung den Titel: „Fremd bin ich den Menschen dort“.

Oder Dora Schindel, 1915 in München geboren, floh 1941 gemeinsam mit Hermann Mathias Görgen und anderen, bekannt als die Gruppe Görgen, über die Schweiz, Frankreich, Spanien und Portugal nach Brasilien – wo sie „nicht unbedingt hinwollte“.

Minutenlange Ovationen

Am Mittwochabend trippelt Dora Schindel auf das Podium in Frankfurt, erzählt ihre Exil-Geschichte bemerkenswert prosaisch – und mit erklecklichem Humor, wie sie Passfälscher finden, ihre Identität verschleiern und schnell im Zufluchtsland Portugiesisch lernen musste, weil der Gebrauch der deutsche Sprache dort unter Strafe stand. Wie die Gruppe Görgen eine Fabrik aufbaute, in der ihre Mitglieder Kerzenständer, Kleiderbügel und Klodeckel herstellten, diese kaum vermarkten, geschweige denn mit Ertrag verkaufen konnten. Nach Deutschland zurückgekehrt, gründet Schindel mit Görgen und anderen die Deutsch-Brasilianische Gesellschaft. Von Hass keine Spur, obwohl ihr die Heimat geraubt worden war. Und was ist sie heute? „Ich bin eine halbe Bayerin und eine halbe Brasilianerin“, sagt sie. Am Ende danken ihr die rund 350 Zuhörer mit stehenden Ovationen minutenlang. Eine späte, winzige Genugtuung.

Nicht allen wurde sie zuteil. Die Publizistin Margarete Buber- Neumann, als Kommunistin 1933 nach Moskau geflohen, dann von den Stalinisten interniert und nach Deutschland ausgeliefert, wurde ihr Leben lang angriffen, weil sie mit ihren bitteren Erfahrungen aus zwei Diktaturen nicht hinter dem Berg hielt.

Herta Müller setzte sich für ein Exil-Museum ein.
Herta Müller setzte sich für ein Exil-Museum ein.
Foto: Andreas Arnold

Herta Müller widmet am Mittwoch all jenen Vergessenen, Verfemten und missachteten Heimkehrern ihre Rede. Und es sind viele. Eine für Deutschland beschämende Erinnerung. Im vergangenen Herbst hatte die Schriftstellerin der Bundeskanzlerin einen offenen Brief geschrieben mit der Anregung, ein Exilmuseum zu schaffen. Erste Früchte sind zu sehen: Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat 745000 Euro locker gemacht für eine gemeinsame Plattform des Exilarchivs und des Deutschen Literaturachivs in Marbach. Gemeinsam werden sie ein Netzwerk knüpfen und das virtuelle Museum „Künste im Exil“ erarbeiten.

Denn: So umfangreich die Exil-Forschung sei, so bescheiden nehme sich die Vermittlung der Erkenntnisse aus, sagt Asmus. Das soll sich jetzt ändern, mit der Ausstellung, mehr Räumen für das Archiv in Frankfurt, um dort auch pädagogisch arbeiten zu können, und mit dem virtuellen Museum. Das reicht Herta Müller nicht – sie hofft auf „ein wirkliches“.

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