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12. Juni 2013

Fatwa gegen Hamed Abdel Samad: Der Fatwa-Wahn des Scheichs

 Von 
Hamed Abdel Samad.  Foto: dpa

Der deutsch-ägyptische Schriftsteller Hamed Abdel Samad ist das jüngste Hassobjekt der radikalen Islamisten in Ägypten. Auf mehreren Webseiten wird sein Tod gefordert. Abdel Samad ist untergetaucht.

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Kairo –  

„Es ist klar, dass Leute wie er den Islam beleidigen und den Tod verdienen“, so Scheich Assem Abdel Meguid. Seine Stimme überschlägt sich vor Empörung über Hamed Abdel Samad in einem Interview mit dem salafistischen TV-Sender Al Hafez. Der deutsch-ägyptische Schriftsteller ist das jüngste Hassobjekt der radikalen Islamisten in Ägypten. Er ist in Deutschland für seine islamkritischen Bücher „Abschied vom Himmel“ bekannt. Es wurden einige seiner Werke ins Arabische übersetzt und er war seit der Revolution oft in Kairo zu Besuch. Auch wenn sein Name nur in einem kleinen Kreis von Intellektuellen bekannt ist, sind seine Thesen vielen zu provokativ.

Nun fordern mehrere Webseiten seinen Tod und er selber ist – so meldete sein deutscher Verlag Anfang der Woche – inzwischen untergetaucht: Aus Angst, dass tatsächlich einer der Anhänger des Scheichs dessen Anweisung umsetzen könnte. Den Zorn der Fanatiker zog er auf sich, als Abdel Samad auf Einladung des Vereins „Die Säkularen“ kürzlich in Kairo einen Vortrag mit dem Titel „Der religiöse Faschismus“ hielt.

Vortrag mit Entschuldigung

Darin sagte er, dass der islamische Fanatismus nicht erst mit dem Aufkommen der islamischen Bewegungen im vergangenen Jahrhundert begonnen, sondern die Saat für Intoleranz und Unterdrückung bereits bei der Gründung des Islams durch den Propheten gelegt wurde: „Bevor der Prophet nach Mekka kam, lebten dort Muslime und andere Seite an Seite. Nach der Eroberung der Stadt nahm dies ein Ende“, so Abdel Samad.

Mit Gewalt habe er den Islam als Glauben und Gesellschaftsmodell durchgesetzt. Dass diese Einschätzung bei den Fundamentalisten nicht gut ankommen würde, war dem in Deutschland lebenden Schriftsteller bewusst. So leitete er seinen Vortag mit einer Entschuldigung ein: „Erst einmal muss ich sagen, dass ich sehr froh bin, dass es jetzt möglich ist über ein Thema wie den islamischen Faschismus in Ägypten zu referieren. Das war früher nicht möglich. Ich werde meine Meinung in aller Klarheit sagen und wenn ich jemanden verletzen sollte, dann möchte ich mich schon jetzt entschuldigen“.

Die radikalen Scheichs hielt dies allerdings nicht davon ab, die Kampagne gegen ihn zu starten. In einer Sendung bei Al Hafiz wurde der Fall Abdel Samad diskutiert. Die Studiogäste waren sich einig, dass die Aussagen nicht akzeptabel seien. Die Besonneneren forderten, dass sich das Gelehrtengremium der Al Azhar mit dem Fall beschäftigen solle. Scheich Assem ebenso wie der für seine Intoleranz berüchtigte Scheich Mahmoud Schaaban hingegen hielten dies für Zeitverschwendung: „Das Urteil liegt doch klar auf der Hand“, so Scheich Mahmoud. Im Fall Abdel Samad geht es um den Islam, und wer definieren darf, was der rechte Weg des Glaubens ist.

Es geht aber auch noch um viel mehr: In Ägypten droht das islamische Experiment zu scheitern. Vor einem Jahr wurde mit Mohammed Mursi ein Mitglied der Muslimbruderschaft zum Präsidenten gewählt. Fromme Muslime und Anhänger des politischen Islams sahen den lange ersehnten islamischen Staat zum Anfassen nah. Doch scheitert die Umsetzung an der Unfähigkeit der Regierung. Wirtschaftlich und politisch steckt Ägypten in einer Krise und viele Menschen haben sich enttäuscht von der Regierung abgewandt. Nicht wenige haben dabei auch ihren Glauben an die islamische Gesellschaft aufgegeben. Unter dem Titel „Rebellion“ mobilisiert die Opposition zu großen Protesten.

Mursi verteidigen

Der Jahrestag seines Regierungsantritts soll zugleich der letzte Tag Mursis an der Macht sein. Schon jetzt wird vielerorts demonstriert und gestreikt. Seit vergangener Woche wird das Kulturministerium belagert. Der soeben ernannte Kulturminister, ein Parteigänger der Muslimbruderschaft hat mehrere hohe Funktionäre aus dem Kulturbetrieb gefeuert. Unter ihnen die sehr beliebte Leiterin der Oper. „Gegen die Muslimbruderisierung der Kultur!“ und „Mursi hau ab!“ steht auf den Transparenten der Künstler, Sänger und Schauspieler, die ihr Zeltlager im Ministerium aufgeschlagen haben.

Der Fatwa-Wahn der Radikalen – sie haben inzwischen fast alle liberalen Intellektuellen und Politiker Ägyptens mit Todesdrohungen belegt – ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Dass es den Scheichs gar nicht so sehr um den Islam geht, sondern um den Erhalt der Macht, zeigt sich am Aufruf von Scheich Assem an seine Anhänger: Er fordert sie nicht etwa auf, auszuschwärmen, um Abdel Samad zu suchen. Nein, sie sollen Mursi gegen die Opposition verteidigen: „Ich fordere alle Männer Ägyptens auf, am 28. Juni zum Präsidentenpalast zu kommen um den Präsidenten zu verteidigen“, sagt er. Die Kampagne hat also gar nicht allein mit Abdel Samad zu tun – das macht sie aber für ihn umso gefährlicher.

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