Wie helle Monumente ragen die Grabsteine vor dem Auge des Betrachters auf, der dennoch nicht zu entscheiden vermag, wo genau die Grenze verläuft zwischen Friedhof und Stadt. Den Übergang zwischen Leben und Tod inszeniert Andreas Feininger als metaphysisches Erlebnis und architektonischen Ausdruck. Das Motiv eines in die Stadt übergehenden Friedhofs ist später von vielen Fotografen kopiert worden, doch niemand hat es so klar ins Bild gesetzt wie der 1906 als Amerikaner in Paris geborene und in Deutschland aufgewachsene Andreas Feininger. Nichts ist verwischt, nichts ist verschwommen. Stadt und Hades schließen in einer Art architektonischer Konkurrenz aneinander an.
Feiningers New York-Fotografien zählen zu den Klassikern der Fotografiegeschichte und ermöglichen trotz ihres Bekanntheitsgrades erstaunliche Einblicke in und auf ein unbekanntes New York der 40er Jahre. Das liegt nicht zuletzt an der beinahe ethnographischen Sehweise des Fotografen. Als Sohn des Malers und Bauhaus-Graphikers Lyonel Feininger kam Andreas kurz nach dem Ausbruch des 1. Weltkrieges als amerikanischer Jude nach New York, der kein Englisch konnte. Er entdeckte die neue Umgebung als Fremder, der erschrocken und fasziniert war von der urbanen Radikalität der Stadt am Hudson River. Mit der Kamera wahrte Feininger die Distanz eines kulturkritischen Europäers, den ein offensiver Kapitalismus in Form von allgegenwärtiger Werbung und demonstrativem Konsum befremdete.
In diesem Sinne fotografiert er eine in üppigen Rundungen verchromte Auto-Stoßstange und macht dazu Notizen über Reichtum, der das Formgefühl verloren geht. Was heute ohne weiteres als Kult-Design durchgehen dürfte, gerät unter das strenge Auge eines Beobachters, der gelernt hat, gleich hinter dem Ornament ein Verbrechen zu wittern.
Andererseits war Andreas Feininger viel zu neugierig, als dass er sich sein autodidaktisch geschultes Auge durchs theoretische Diktat manipulieren ließ. Als Ankömmling in seiner unbekannten Heimat war er bereit, sich von einer Stadt begeistern zu lassen, die in jedem Winkel pulsierte. Feiningers New York qualmt, raucht und dampft, zu seinem Lieblingssujet wird der Hafen, in dem die ankommenden Schiffe sich auf ähnliche Weise in das Stadtbild einfügen wie der oben geschilderte Friedhof. Es ist eine Stadt, die lebt und arbeitet und in der diese Arbeit als körperliche Aktivität noch sichtbar ist. In Feiningers New York-Bild scheint jede Feuerleiter eine Verbindung zur Apokalypse zu unterhalten, aber immer scheint er bereit, sich als Chronist des Menschlichen anrühren zu lassen. "Wurstgeschäft" steht auf einer Werbetafel eines deutschen Ladens in Yorkville, in dem der ausgewanderte Fleischermeister Karl Ehnis exotische Spezialitäten eines Landes anbietet. In Harlem hat er einige Jahre zuvor schwarze Bewohner des Viertels beim Armdrücken beobachtet. Es ist Pause in der Stadt, und die in Anzug mit Hut Gekleideten signalisieren, dass sie bald zur Arbeit oder zur Jobbewerbung aufbrechen werden. In einer jüdischen Nähstube in der Lower Eastside werden alltägliche handwerkliche Dienste angeboten, die keinen Hinweis darauf geben, dass wenig später Juden in deutsche Konzentrationslager transportiert werden.
Andreas Feininger war mit seinen Eltern 1909 von Paris nach Berlin umgezogen, wo sein Vater als Mitglied der legendären Berliner Sezession um Max Liebermann bald Anschluss zur deutschen Künstlerelite fand. 1919 wurde Lyonel Feininger ans Bauhaus in Weimar berufen, von dem auch Andreas Feininger geprägt ist. Mit 15 brach er die Schule ab, um eine Lehre als Tischler zu beginnen. Feiningers Wissensdrang war damit nicht erschöpft. Nach der Lehre schloss er eine Ausbildung zum Architekten an. Im Selbststudium hatte er sich ferner Fototechnik beigebracht. Es folgten Reisen quer durch Europa und trotz Wirtschaftskrise erhielt Feininger Aufträge als Architekturfotograf.
In New York angekommen, arbeitet er bald für das Magazin Life, für das er in mehr als 20 Jahren 346 Reportagen lieferte. Feininger, der, um bestimmte fotografische Effekte zu erzielen, sich seine Kameras selbst baute oder umbaute, ließ die Architektur New Yorks auf beinahe magische Weise hervortreten. Immer wieder suchte er nach Positionen, von denen er die Brooklyn-Bridge oder das Empire State-Building derart fotografieren konnte, als sähe man sie zum ersten Mal. Er plante den Bildaufbau mit dem Handwerkszeug eines Architekten und überließ dabei nichts dem Zufall. Von der Wasserfront des Hudson Rivers aus fotografierte er die Wolkenkratzer wie ein Hochgebirge und wartete dabei auf den magischen Moment, bei dem die Türme hinter den Wolken verschwanden.
Berlin, Bauhaus-Archiv: bis zum 18. Mai; der Katalog ist bei Hatje Cantz erschienen und kostet 29,90 Euro. www.bauhaus.de
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