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Festival Cannes: Film als Beute

Welche Nationalität hat eine Goldene Palme? Der Siegerfilm des Österreichers Michael Haneke wird von manchen für Deutschland reklamiert. Von Daniel Kothenschulte Interaktive Grafik: Filmfestspiele in Cannes

Michael Haneke hat für seinen Film Das weiße Band den Hauptpreis des 62. Filmfestivals in Cannes bekommen. Mit der Goldenen Palme in seinen Händen steht Haneke gemeinsam mit der Präsidentin der Jury, Isabelle Huppert, auf der Bühne.
Michael Haneke hat für seinen Film "Das weiße Band" den Hauptpreis des 62. Filmfestivals in Cannes bekommen. Mit der "Goldenen Palme" in seinen Händen steht Haneke gemeinsam mit der Präsidentin der Jury, Isabelle Huppert, auf der Bühne.
Foto: afp

"Nach den Regeln des Deutschen Filmpreises ist ‚Das weiße Band’ ein deutscher Film": Man wird sich der Worte von Staatsminister Bernd Neumann, gefallen vergangene Woche in Cannes bei einem Empfang der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, wohl noch erinnern, jetzt wo der Österreicher Michael Haneke das Festival gewonnen hat.

Einer der Produzenten des Films, der Berliner Stefan Arndt, hatte die Nationalfrage schon im Vorfeld auf die Agenda gebracht - was nicht ganz der Ironie entbehrte bei einem Stoff, der nicht von ungefähr unter norddeutschen Bauern am Vorabend des Ersten Weltkriegs spielt; er bohrt dabei auch sinnfällig im Nährboden des späteren Faschismus.

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Aber Cannes liegt nun einmal in Frankreich, der Heimat des Autorenfilms. Ihre Herkunft interessiert hier mehr als Geld, Schauplatz oder Drehort. Man hält es mit Thomas Mann und seinem Ausspruch "Wo ich bin ist Deutschland".

Nicht Nationen gewinnen Kunstpreise sondern Künstler, entscheidend ist allein die Qualität. "Das weiße Band" des Österreichers Michael Haneke glänzte am Ende golden, weil in einem überdurchschnittlichen Wettbewerb doch kein überragendes Meisterwerk auszumachen war. Wieder einmal gewinnt damit ein anerkannter Protagonist des Weltkinos für einen Film, der nicht sein bester ist.

Anders als Hanekes Welterfolg "Caché", 2005 am selben Ort nur mit dem Regiepreis ausgezeichnet, fehlt seinem "weißen Band" jene besondere, geheimnisvolle20Nachhaltigkeit. Dass Jury-Präsidentin Isabel Huppert bereits bei Haneke spielte, dürfte bei der Entscheidung nicht ganz unerheblich gewesen sein. Unmittelbar nach der Preisverleihung erklärte sie: "Wie viel ich von Hanekes Werken halte, sehen Sie ja gerade darin, dass ich zweimal in seinen Filmen gespielt habe."

Und noch ein weiterer Österreicher gewann in einem Film, der überwiegend in Deutschland gedreht wurde: Christoph Waltz, der hinreißend sprachgewandte Schurke in Tarantinos Nazi-Farce "Inglourious Basterds", bedankte sich stilvoll in drei Sprachen und erntete tosenden Beifall.

Mit einer Schweigepause und Buhrufen quittierte dagegen das Publikum den Regiepreis für den Philippinen Brillante Mendoza und seinen tiefschwarzen Gangsterfilm "Kinatay". Tatsächlich changiert auch dieser Film des kontroversen Regisseurs an der schwer verortbaren Grenze zwischen inszenatorischer Kühnheit und den kalkulierbaren Schauwerten des Genrekinos. Ein junger Mann will sich das Budget für seine bevorstehende Hochzeit verdienen - und bemerkt zu spät, dass man von ihm erwartet, dafür eine Frau zu töten. Der Zuschauer allerdings hat schnell begriffen, dass die faszinierenden Dokumentaraufnahmen der Straßen Manilas nur der Einstieg sind in eine mit allen Registern ausgespielte filmische Düsternis.

Eine ganze Filmrolle, rund zwanzig Minuten, nimmt dabei die zentrale Folterszene ein. Das Beklemmendste an diesem tief verstörenden Film ist dennoch das, was er der Sichtbarkeit entzieht und in ein pulsierendes, grauschwarzes Dunkel führt. Jury-Mitglied Hanif Kureishi verteidigte die Entscheidung mit den vieldeutigen Worten, nie habe er etwas Vergleichbares gesehen, wolle diesen Film aber auch um keinen Preis noch einmal sehen.

Man muss nicht in die Ferne schweifen, um in der Landkarte der Filmkunst klaffende Löcher auszumachen. Schon Griechenland ist selbst für Kenner des Weltkinos ein weißer Fleck - abgesehen von den Werken des nach wie vor aktiven Theo Angelopoulos. Der aufregendste Film des Festivals hat das schlagartig geändert. Er fand sich mit dem Psychodrama "Kynodontas" (Dogtooth) des 36-jährigen Griechen Giorgos Lanthimos nicht im Hauptwettbewerb, sondern in der Nebenreihe "Un certain regard", wo er den Hauptpreis erhielt.

Anders als bei Angelopoulos bekommt man von der fotogenen Landschaft des Landes nicht viel mehr zu sehen20als den Garten einer Nobelvilla. Für die drei jugendlichen Kinder einer Industriellenfamilie ist er das ganze Universum. Sie sind Gefangene ihrer Eltern, die selbst die Sprache umdeuten, um ihre Kinder in einer pervertierten Schutzzone der Überbehütung zu halten. "Zombies" sind im Wörterbuch dieser Unmenschen zum Beispiel harmlose Butterblümchen. Dafür gelten Hauskatzen als Menschenfresser und Grund genug, die hohen Mauern um das Anwesen zu respektieren. Erst allmählich gibt der Film das Geheimnis dieser verkehrten Welt preis, lange bewegt er sich in einer surrealen, durchaus humorvollen Sphäre. Jede Szene aber führt ein neues Detail dieses schrecklichen Falles einer von den Opfern unbemerkten Freiheitsberaubung ein, während die Bildkompositionen mit der Klarheit eines René Magritte aufwarten. Und anders als Hanekes filmischer Exkurs über den Faschismus ähnelt dieser Film keinem zweiten, den es schon gibt.

Was politisches Kino wert ist, wenn es nicht nur politisiert, zeigte der Zweitplatzierte Beitrag dieser Festivalsektion, der rumänische Beitrag "Politist, adjejktiv" ("Police, adjektive") des 34-jährigen Autorenfilmers Corneliu Porumboiu. Ein junger Polizeibeamte will darin nicht einsehen, dass er Beweise sammeln soll, um einen Jugendlichen wegen banalen Marihuana-Konsums für Jahre hinter Gitter zu bringen. Das20aber verlangt das rumänische Recht. So dienen all seine Ermittlungen dem Beweis der Harmlosigkeit des Verdächtigen und der Hinfälligkeit eines seiner Ansicht unzeitgemäßen Gesetzes.

Mit dieser Kompetenzüberschreitung berührt der Polizist freilich auch die Grenze zum Polizeistaat. Wie so oft im rumänischen Kino bündeln sich lebendige Wirklichkeitseindrücke zu einem argumentativen Crescendo: Nirgendwo sonst entstehen derzeit Filme, die in ähnlicher Weise zum Nachdenken anregen.

Wieder einmal feierte Cannes die ganze Vielfalt der filmischen Formen. Von einem digital simulierten Drogenrausch, den der Franzose Gaspar Noé zu einer zweieinhalbstündigen Simulution einer Todeserfahrung entwickelt - und durch erbärmliche Dialoge dann doch unerträglich macht ("Enter the Void") - bis zum Ein-Personen-Kino von Alain Cavalier. Allein mit seiner Amateur-Videokamera sammelt der französische Regieveteran in "Irène" Erinnerungen an die vor Jahrzehnten verstorbene Liebe seines Lebens. Seine Kommentare spricht er dabei direkt in das scheppernde Kameramikrofon. In technischer Hinsicht kann man ihn nicht unterbieten, an poetischem Feingefühl indes kaum übertrumpfen. Leider nur ist es inzwischen auch in Cannes so, dass man die besten Filme nicht mehr im Wettbewerb findet. Wer es also ernst meint als Festivalbesucher hat nach zw ölf Tagen als Flaneur zwischen den Sektionen an die vierzig Filme gesehen und dabei dennoch nicht alle Perlen geborgen. Aber wo sonst könnte man schon diese Beute machen?

Datum:  24 | 5 | 2009
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