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Indierock: Feuer im Fotoalbum

Arcade Fire reflektiert auf „The Suburbs“ den Mythos der amerikanischen Mittelschicht.

The Suburbs heißt das neue Album von Arcade Fire
"The Suburbs" heißt das neue Album von Arcade Fire
Foto: Gabriel Jones

Der Songwriter und Performer Win Butler ist einer der wenigen Charismatiker alter Schule im Segment der jüngeren Indierocker. Indierock, darunter verstehen viele nur noch Biedermeier für die bebrillte Jugend, ein Spießermodell der zarten Abweichung. Butlers Musik erscheint existenzieller. Auch deshalb, weil sie noch immer bei einem Independent Label erscheint und auch so vertrieben wird.

Mehr zählt: Wer ihn und seine Band Arcade Fire schon mal in einer guten Nacht live gesehen hat, wusste danach wieder, wie faszinierend und gleichzeitig unangenehm die Intensität eines Bühnenpredigers sein kann. Butler schwitzt stets von Anfang an, bewegt sich dabei kaum. Die Augen wirken müde, als hätten sie soeben das Fegefeuer gesehen. Und der Zungenschlag verrät noch immer einen Rest Bibelgürtel – die Band arbeitet zwar in Montreal, Butler stammt aber aus Texas.

Das Album

Arcade Fire: The Suburbs (Merge/City Slang)

Auf den langen Tourneen hat die Band aber auch das Blut des großen Besteckes geleckt. Plötzlich schwillt der Klang an, die Geigen, Pauken und Glockenspiele rotten sich um die Gitarren und eilen in Richtung Jüngstes Gericht. The Arcade Fire ging es oft unzeitgemäß ums Ganze, ein musikalisches Welttheater, das bereits auf dem Debutalbum „Funeral“ vom Tod handelte. Der Nachfolger „Neon Bible“ umarmte dann gleich den Untergang des Menschengeschlechts.

Butlers Schweiß und seine Intensität verbinden ihn mit US-amerikanischen Rockfiguren wie Jerry Lee Lewis und seiner Paranoia in der flackernden Stimme, selbst wenn er „Great Balls of Fire“ sang. Oder auch mit David Byrne von den Talking Heads, der, obwohl im Pass ein Schotte und in New York eine Hipster-Legende, mit „Burning Down the House“ oder „Road To Nowhere“ seine ähnliche Vorliebe für Metaphern der Zerstörung und der Leere hinlänglich offenbarte.

Keine Musik für Teenager

Untergangsposen sind im Popgeschäft nichts Außergewöhnliches, aber bei Butler, Lewis oder Byrne reichen sie weiter als nur bis zur Schminke oder zum dunklen Gewand. Herren ihres Formats künden gerade in der Stimme von der Unruhe und der Lust am Feuer, während die gemeinen Auf-die-Schuhe-Starrer mit Kajalrand jenes Selbstmitleid bevorzugen, das nur in der Pubertät wirklich gut aussieht.

Obwohl Arcade Fire ganz vorne mit dabei sind, wenn es gilt, Songwritertum auch mit akustischen Instrumenten und vorzugsweise in ausufernden Kollektiven zu pflegen, auch wenn diese Band mithalf, amerikanische Tradition für junge Leute weiterzuführen, ist kaum jemand weitergekommen als sie: Das ist keine Musik mehr für Teenager oder frühe Twens. Das dritte Album heißt zwar „Suburbs“, doch dort könnte genauso gut „Sisyphos“ stehen oder eine andere Chiffre für den Moment der Erkenntnis, dass alles immer wieder von vorne anfängt. Die Erinnerung. Die Leere. Die Lust. Das Leben. Wobei das Ende zwingend mit dem Anfang verbunden ist. Die Verben dieses thematisch bis in die Wiederholung von wörtlichen Motiven äußerst fokussierten Albums weisen darauf hin: anfangen, niederreißen, aufbauen, verfallen, hinter sich lassen, schreien, warten, laufen.

„The Suburbs“ erzählt zum einen von der Erinnerung an die Jugend im Speckgürtel, wo der amerikanische Mittelstand seinen Traum von der abgeschotteten Normalität träumte bis die Märkte geplatzt sind. Zum andern kreuzen sich die politisch-ökonomischen Verwerfungen auch mit der Biografie der Band. Es ist eine Band, die auf Mitte dreißig zugeht, auf ein Alter also, in dem die Ahnung ins Leben kriecht, dass gewisse Dinge verschwinden – Menschen, Sicherheiten, Straßenzüge, Einkaufstempel. Dieser doppelte, persönliche wie gesellschaftliche Blick auf den Mythos der Suburbs rettet das Album vor seiner Überforderung. Denn wie der Wahnsinn die geschützte Langeweile verätzt, beschäftigt bereits die Allergrößten: John Updike, die Coen-Brüder oder David Lynch. Doch Arcade Fire erzählen nicht Geschichten über den Untergang von Suburbia, sondern dokumentieren vielmehr ihre Fragen und Zweifel und lassen dabei offen, ob sie über ihre Jugend und damit über ihr Altern, über die allgemeine Gesellschaftskrise oder über beides reden.

„The Suburbs“ ist gerade wegen seiner Obsession der motivischen Wiederholung ein schillerndes Protokoll des Verlustes. Wer seinen (klein-)bürgerlichen Selbsthass mal ruhen lässt, kann darin die reflektierteste Rockplatte seit langem erkennen. Und wer die Dringlichkeit eines solchen weißen Mittelklasseprojekts bezweifelt, hat in den letzten drei Jahren das Meer der Maklerschilder in US-Vorgärten nie gesehen.

Diese Verdichtung der biografischen Erinnerung mit der gegenwärtigen sozialen Situation ist ein beispielhaftes Pop-Moment. Auch die Arrangements zeigen nur zur Hälfte, wie gut sie konzentrieren können. Die ersten vier Nummern sind die besten, die die Band je geschrieben hat. Der Titelsong plätschert ruhig, das Piano rollt, der Bass pluckert, nichts ist zu viel hier, bevor der Refrain im schönsten Falsett die Harmonie herunterkullert. Diese Pop-Souveränität, den guten Ideen zu vertrauen und sie freistehen zu lassen, ist neu für die Band. Ähnlich cool sticht „Modern Man“, der sich seine hübsche Entfremdungslyrik sogar ein ungerades Taktmaß kosten lässt. Und wie könnte man das ewig drehende Karussell der Jugendkulturen schöner beschreiben als mit einem Midtempo-Song, dessen Titel so lange beschwörend wiederholt wird, bis das Wort ein Kontinuum ergibt, das man von vorne wie von hinten lesen kann? „Rococo rococo rococo....“

Es gibt noch mehr Details, die mit Transparenz glänzen, und weniger mit dem bisherigen Bombast. Aber, wie gesagt, nur zur Hälfte. Das muss an der Live-Erfahrung liegen, und auch am Willen zum Durchmarsch auf großen Bühnen. Doch wo dieses Album musikalisch auch mal langweilt, sollte man den Kopfhörer absetzen und den schwitzenden Mann mit den schweren Lidern später live überprüfen. Sein Feuertanz und seine Hysterie erfordern lebendige Leiber.

Autor:  Tobi Müller
Datum:  30 | 7 | 2010
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