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11. September 2012

Filmdrama mit August Diehl: Die Wundertüte DDR

 Von Anke Westphal
Matthias "Matze" Schönherr (Ronald Zehrfeld) ist wieder auf der Arbeit. Andreas "Andy" Hornung (August Diehl) und Cornelis "Conny" Schmidt (Alexander Fehling) unterhalten sich über ihn.  Foto: UfaCinema/Gordon Muehle

Ein Drama der Lebensträume, des Scheiterns und der Selbstüberhebung: Mit seinem Stasi- und Freundschaftsfilm „Wir wollten aufs Meer“ will Regisseur Toke C. Hebbeln offenbar die Oscarprämierte Verratsgeschichte "Das Leben der Anderen" übertreffen.

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Ein Drama der Lebensträume, des Scheiterns und der Selbstüberhebung: Mit seinem Stasi- und Freundschaftsfilm „Wir wollten aufs Meer“ will Regisseur Toke C. Hebbeln offenbar die Oscarprämierte Verratsgeschichte "Das Leben der Anderen" übertreffen.

Das Tor zur Welt steht so gut wie offen, als Andreas, Conny und Matze 1982 ihre Seesäcke in den Rostocker Hafen hieven. Die drei jungen Männer wollen als Matrosen zur Handelsmarine der DDR; das war eine der wenigen Möglichkeiten, mal rauszukommen aus dem ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden, der sich bekanntlich militant abgrenzte gegen den Westen. Doch 1985 haben die drei Freunde dieses Tor immer noch nicht passieren dürfen.

Für den Staat spricht zu viel dagegen, das zu erlauben: Conny und Andreas etwa sind Waisen, ohne familiäre Verankerung im Arbeiter- und Bauern-Staat. Was, wenn sie beim ersten Landgang in Casablanca oder Sydney die Flucht ergreifen? Nichts garantiert ihre Loyalität. Und außerdem unterhält Conny heimlich ein Liebesverhältnis mit einer vietnamesischen Arbeiterin. Bei aller Völkerfreundschaft ist so etwas doch unerwünscht. Die „Fidschis“ und die DDR-Bürger sollen nicht fraternisieren.

Schikanen, Gewalt und Erpressung

Es ist ein Verdienst des Spielfilms „Wir wollten aufs Meer“, dass er den Rassismus thematisiert, den es in der DDR unzweifelhaft gab. „Fidschis“ war üblich im Sprachgebrauch; das also haben der Regisseur Toke Constantin Hebbeln und sein Drehbuchautor Ronny Schalk korrekt recherchiert, als sie an diesem Film arbeiteten, fast fünf Jahre lang. Hebbeln, der 2007 den Studenten-Oscar für „NimmerMeer“ gewann, wurde in Itzehoe geboren und Schalk in Wippra im Harz.

Beide haben an der Filmakademie Ludwigsburg studiert und die Debatte um Florian Henckel von Donnersmarcks letztlich Oscar-prämiertes Stasi-Drama „Das Leben der Anderen“ (2005) sicher genau verfolgt. Damals ging es um die Aneignung von DDR-Geschichte und Ungenauigkeiten in der Darstellung von DDR-Verhältnissen durch einen Regisseur mit West-Biografie. Es war eine extrem hitzige Debatte, in der die verlorene Deutungsmacht einstiger DDR-Bürger über ihre Vergangenheit eine Rolle spielte.

Gewiss fürchteten Hebbeln und Schalk eine solche Diskussion nicht unbedingt, als sie an „Wir wollten aufs Meer“ arbeiteten. Aber ihrem Film ist anzumerken, dass sie alles richtig machen und Henckel von Donnersmarck irgendwie übertreffen wollten mit ihrer Geschichte über einen Verrat.

Es geht hier um Schikanen, Gewalt und Erpressung durch die Staatssicherheit, wie sie üblich war zur Sicherung des „Friedensstaates“. 1985 soll Conny (Alexander Fehling) den ihm vertrauenden Matze (Ronald Zehrfeld) aushorchen, während Andreas (August Diehl) vor dem Haus wartet. Wenn die beiden Matze denunzieren, dürften sie endlich zur Handelsmarine – so das Versprechen der „Sicherheitsorgane“.

Conny lässt heimlich ein Band mitlaufen, als Matze ihm erzählt, dass er in den Westen flüchten will. Aber er wirft es dann weg, was zum Streit mit Andreas führt, der Matze nun seinerseits verrät. Das bedeutet Gefängnis für den Familienvater – und einen Bruch in der Freundschaft zwischen Conny und Andreas.

Eine Rangelei zwischen beiden führt dazu, dass Andy im Rollstuhl landet, als Abhörkraft , und Conny im selben Knast wie Matze. Nachdem ihn die Stasi erpressen wollte mit der angedrohten Verhaftung seiner „kleinen Fidschi“, hat Conny nämlich versucht, mit Mai (Phuong Thao Vu) in die BRD zu flüchten. Aber nur Mai kam durch.

Durcheinander der Motive

Bis hierhin dürfte klar sein, dass sehr viel passiert und enorm viele Themen und Motive angerissen werden in „Wir wollten aufs Meer“. Und das, obwohl der Film über weite Strecke im Gefängnis angesiedelt ist, wo Matze und Conny einem ebenso sadistischen wie korrupten Oberwachtmeister ausgesetzt sind: auch das noch!

Trost finden sie bei einem Mithäftling – der sich am Ende als Stasi-Informant entpuppt! Rolf Hoppe spielt einen Stasi-Oberst. Und Sylvester Groth einen „Romeo“, der hauptamtlich geeignet erscheinende Frauen beschläft, um sie dann auszuhorchen. Dessen „Arbeit“ überwacht Andy nun, wobei er auch die Versuche von Mai hintertreibt, Conny rauszuholen aus dem Knast und der DDR.

Es herrscht ein ungeheures Durcheinander der Motive im Drama der Lebensträume, des Scheiterns und der Selbstüberhebung, das hier erzählt wird – als Krimi, Knastfilm und Schmonzette in einem. Auch darin übertrifft „Wir wollten aufs Meer“ den Film von Donnersmarck. Längst ist der Kampf um die Deutungshoheit entschieden. Inzwischen ist die DDR eine Art Wundertüte für junge Regisseure: ein Reservoir von Geschichten, eine Folie für Genre-Kino. Die DDR ist Material. So ist es nun einmal. Alle müssen wir damit leben.

„Wir wollten aufs Meer“ ist nicht ungeschickt gemacht, teils spannend, aber spürbar ehrgeizig. Es wirkt fast, als sollte dies der ultimative Film werden über den schlimmen Alltag unter der Fuchtel Staatssicherheit. Das war ein dominanter Aspekt, aber eben nur einer des Lebens in der DDR.

Wir wollten aufs Meer Dtl. 2012. Regie: Toke C. Hebbeln, Kamera: Felix Novo de Oliviera, Darsteller: Alexander Fehling, August Diehl, Phuong Thao Vu u. a.; 112 Min., Farbe. FSK ab 12. Ab Donnerstag im Kino.

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